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Bahn : Spät, leer, chaotisch - und mehr Verlust

  • -Aktualisiert am

Die Bahn fährt immer tiefer in die Krise: Das neue Preissystem ist nicht mehr zu halten. Und jetzt steigen auch noch die Verluste im Fernverkehr.

          3 Min.

          Helmut Schmidt hat es schon geahnt: "Die Bundesrepublik Deutschland kann sich immer nur eines von beidem leisten, entweder eine Bundeswehr oder eine Bundesbahn", sagte einmal der Altkanzler. Hartmut Mehdorn, seit Herbst 1999 Vorstandschef der Deutschen Bahn, könnte der Politik die Entscheidung bald abnehmen. Die Bahn fährt mit hohem Tempo tief in die roten Zahlen. Allein im Januar und Februar ist der Umsatz im Personenfernverkehr gegenüber den Vorjahresmonaten um 14,9 Prozent auf nur noch 433,3 Millionen Euro gestürzt. Das geht aus einem Schreiben an die Führungskräfte der Bahn hervor. Der Nahverkehr glich nur zum Teil diesen Umsatzeinbruch aus. Dort stiegen die Erlöse leicht - um 4,6 Prozent - auf 1,3262 Milliarden Euro.

          Dabei hatte Mehdorn vor zwei Wochen gesagt: "Unsere Zahlen liegen immer noch über denen des Vorjahrs." Wenn nicht der Umsatz im Personenfernverkehr, so zeigt der Verlust nach oben: "Jeden Monat fährt die Bahn ein Minus von 50 Millionen Euro ein", sagt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Albert Schmidt. Wenn Mehdorn nicht gegensteuert, wären das bis Jahresende 600 Millionen Euro. Das wäre eine neue Katastrophe, die Finanzminister Hans Eichel nicht budgetiert hat.

          Schuldige hat Mehdorn schon gefunden: die Konjunktur, das Hochwasser, die vielen Baustellen, den Verband "Pro Bahn", den er als "Pro Mecker" abtut. Denn auf sein neues Preissystem läßt der Bahnchef nichts kommen.
          Dabei entzündet sich gerade an den neuen Preisen und Konditionen der Unmut vieler Bahnkunden. Über Nachbesserungen will Mehdorn erst am Jahresende mit sich reden lassen, obwohl vieles offensichtlich mißlungen ist: Wer Rabatt will, muß auch für leere Züge vorbuchen. Oder: Wenn das Kontingent für die zweite Klasse ausgeschöpft ist, muß er in die erste gehen. Das ist immer noch billiger als der volle Preis in der zweiten. Darüber ärgern sich vor allem die Geschäftsreisenden, die sich häufig spontan für diesen oder jenen Zug entscheiden. Viele Erste-Klasse-Kunden mußten schon die Fahrt auf dem Gang verbringen.

          "Das Preissystem wird von einem Teil der Fahrgäste nicht angenommen", warnt Schmidt. "Diese Kritik sollte die Bahn sehr ernst nehmen." Statt dessen beobachtet der Verkehrspolitiker eine "Wagenburg-Mentalität" bei der Bahn: "Alles, was wie ein Indianer aussieht, wird beschossen." Mehdorn solle auf die Fahrgäste zugehen und die Bahn nicht nur für Frühbucher, sondern auch für die Spontanfahrer attraktiver machen.

          Doch es geht nicht mehr um ein paar Rabatte hier, ein paar Nachbesserungen da. Die Deutsche Bahn steckt in der schwersten Krise seit Jahren. Die Kundenberater sind frustriert. Das neue Preissystem ist so kompliziert, daß sie von Verbraucherschützern regelmäßig vorgeführt werden. Verspätungen sind so selbstverständlich, daß Schaffner triumphierend durchsagen, wenn die Anschlußzüge erreicht werden. "Die Stimmung im Unternehmen macht mir richtig angst", sagt Schmidt.

          Und viele Kunden bleiben einfach weg: "Die übervollen Züge sind nicht mehr so voll", bestätigt ein Bahnsprecher. "Das ist so gewollt." Zugleich bleiben aber auch viele leere Züge weiterhin leer.

          Der Kundenfrust läßt sich auch bei der Bahncard ablesen. Rund 400.000 Fahrkarten verkauft die Bahn jeden Tag im Fernverkehr. Davon werden nur 32000 mit der neuen Bahncard bezahlt. "Nur 10 Prozent der Kunden nutzen sie", rechnet Verkehrsexperte Schmidt vor. Früher wurden durchschnittlich 250.000 Bahncards pro Monat verkauft. Jetzt sind es nur noch 140000. "Auch das ist ein Alarmsignal", sagt Schmidt.

          Die Bahn ist mittlerweile das meistgehaßte Unternehmen im Land. Bei drei Vierteln der Deutschen hat die Bahn einen schlechten Ruf, hat eine Imagestudie des Marktforschungsinstituts Inra ergeben. Angesichts der aufgeheizten Stimmung hatte Margareta Wolf, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, am Freitag Verbände und Stiftung Warentest zu einer Anhörung nach Berlin gebeten. Von der Bahn nahm kein Repräsentant an dem Treffen teil. "Was Wolf macht, ist ihre Sache", wird Mehdorn mit einer Aussage über die Bahn-Aufsichtsrätin zitiert.

          Immerhin will sich Mehdorn im Mai oder Juni mit einigen Fahrgastverbänden treffen. Doch Verkehrswissenschaftler Gottfried Ilgmann bezweifelt, daß es mit einigen Korrekturen getan ist: "Würde Mehdorn die derzeit geforderten Nachbesserungen tatsächlich einbauen, würde das Preissystem zum logischen Ungeheuer entarten." Mehdorn müsse grundsätzlich ran: "Besser wäre es, die Blamage einzugestehen, das derzeitige System wegzuwerfen und durch ein in sich logisches anderes zu ersetzen", sagt der Bahnexperte. Dabei will Ilgmann noch nicht einmal die Preise weiter senken.

          Das kann sich die Bahn ohnehin nicht leisten. Rund 23 Milliarden Euro kostet die Bahn Jahr für Jahr den Steuerzahler. Das entspricht in etwa dem Etat der Bundeswehr. Allein die Hälfte der Summe geht dafür drauf, die Bahn am Leben zu erhalten. Helmut Schmidt hatte es schon immer geahnt.

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