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Schienenverkehr : Bahn fährt nur noch zwei Drittel aller Regionalzüge

Gewinnt Kunden, verliert Marktanteile: Regionalzug der Deutschen Bahn Bild: dpa

Die Deutsche Bahn wird 2016 wieder einen Passagierrekord erreichen. Und dennoch verliert sie Marktanteile im Nah- und Güterverkehr.

          Seit Jahren reisen Verkehrspolitiker mit dem Wunsch nach „mehr Verkehr auf der Schiene“ durch das Land. Tatsächlich wächst die Nachfrage nach Leistungen im Personen- und Güterverkehr stetig. In diesem Jahr wird die Deutsche Bahn abermals einen Passagierrekord verzeichnen, die Züge sind besser ausgelastet. Im vergangenen Jahr nahm der Personenverkehr um 0,3 Prozent zu, der Güterverkehr um 3,6 Prozent. Doch der Blick auf die Statistik bringt sofort Ernüchterung: Weil der Verkehr auf der Straße noch stärker wächst als auf der Schiene, stagnieren die Marktanteile bei rund 8 Prozent im Personenverkehr (2014: 8,1 Prozent) und 17,5 Prozent im Güterverkehr (2014: 17,2 Prozent). Das ist dem neuen Wettbewerbsbericht zu entnehmen, den die Deutsche Bahn jetzt in Berlin vorgestellt hat.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Der intermodale Wettbewerb zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern hält den Bahnkonzern dabei ebenso in Atem wie der Wettbewerb auf der Schiene im Regional- und Güterverkehr. „Die Eisenbahn hat gerade im digitalen Zeitalter enorme Wachstumschancen“, sagte Bahnvorstand Ronald Pofalla. „Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit der Schiene weiter erhöhen und strukturelle Vorteile wie ihre Umweltfreundlichkeit weiter ausbauen.“

          Der Wettbewerbsbeauftragte der Bahn, Frank Miram, forderte, die Politik müsse gegensteuern, damit die Bahn als klimafreundlicher Verkehrsträger wettbewerbsfähig bleibe. „Die Rahmenbedingungen haben sich zu Lasten der Bahn verschlechtert“, sagte Miram. Er nannte dabei die gesunkenen Benzin- und Dieselpreise, aber auch die durch politische Eingriffe gestiegenen Strompreise. Hier wirken sich die EEG-Umlage und der Emissionshandel zu Lasten der Bahn aus. Trassenpreise müssten nur die Bahnen zahlen, während Personenwagen und Fernbus von der Maut verschont seien. Außerdem wirkten sich die verschärften Fahrgastrechte aus.

          Bahn beklagt fehlende Marktöffnung in anderen Ländern

          Im Regionalverkehr auf der Schiene sinkt der Marktanteile der Bahn unterdessen weiter. 2015 lag er noch bei 70,8 Prozent nach 72,8 Prozent im Jahr 2014. Erst in der vergangenen Woche musste die Deutsche Bahn einen weiteren bitteren Auftragsverlust hinnehmen: Das Unternehmen Abellio, Tochtergesellschaft der niederländischen Staatsbahn, soll den Zuschlag für das größte Los der S-Bahn Rhein-Ruhr erhalten und dort von 2019 an fahren. Miram stellte in Aussicht, dass die Bahn im Regionalverkehr weiter an Boden verlieren werde. In diesem Jahr werde der Bahnanteil voraussichtlich auf 67 Prozent sinken. Die Wettbewerber bedienen mittlerweile also ein Drittel des Marktes. Ursache seien Lohnunterschiede, aber auch das „Bestellerverhalten“. In vielen Bundesländern sei es das politische Ziel, die Bahn-Konkurrenten zum Zug kommen zu lassen. Miram beklagte außerdem die fehlende Marktöffnung in Europa. Der gemeinwirtschaftliche Regionalverkehr sei außer in Deutschland, Schweden und Großbritannien für ausländische Anbieter nicht zugänglich. Das vierte Eisenbahnpaket der EU-Kommission werde derzeit im Europäischen Parlament beraten, es seien aber keine großen Fortschritte zu erkennen.

          Im Schienengüterverkehr erreichen die Konkurrenten des verlustbringenden Unternehmens DB Cargo inzwischen einen Anteil von 39,1 Prozent, deutlich mehr als 2014 (33,6 Prozent). Die Leistungen der Güterbahnen stiegen 2015 auf 116,6 Milliarden Tonnenkilometer – sie kamen damals zum ersten Mal wieder auf das Niveau vor der Wirtschaftskrise 2008/2009. Die Straße hatte allerdings dieses Niveau schon vor fünf Jahren wieder erreicht.

          Das Netz der Deutschen Bahn wird weiterhin intensiv genutzt; es hätte angesichts einiger Engpässe vielerorts kaum Kapazitäten, noch mehr Verkehr aufzunehmen. Mit 1,05 Milliarden Kilometern verzeichnete DB Netz 2015 einen neuen Höchststand in der Betriebsleistung, mit fast 70000 Trassenanmeldungen ebenfalls einen neuen Rekord. 412 Unternehmen waren auf dem Netz unterwegs, 17 davon – darunter die größten – gehören zum DB-Konzern.

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