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Online-Praxis : Der heiße Draht zum Hausarzt

Zielscheibe scharfer Kritik

Wählt ein Deutscher die Nummer, kommt er allerdings nicht weiter – bedient werden nur die Schweizer Versicherten. Das ist bei David Meinertz in London anders. Der Arztsohn aus Hamburg hat vor sechs Jahren zusammen mit einem Kompagnon in der britischen Hauptstadt die Online-Praxis Dr. Ed gegründet. Auch sie hat sich der in Deutschland bisher für den Erstkontakt zwischen Arzt und Patient kategorisch verbotenen Fernbehandlung verschrieben, aber unter anderen Vorzeichen als die Firma aus der Schweiz. Während die Schweizer mit Krankenversicherungen kooperieren, setzt Dr. Ed auf Selbstzahler. Das heißt, die Patienten bezahlen für Diagnosen und Rezepte aus der eigenen Tasche. Bei 9 Euro geht die Preisstaffel los, ein Rezept für einen Blutdrucksenker kostet 19 Euro, gezahlt wird mit der Kreditkarte. Der zweite große Unterschied ist, dass die Medgate-Patienten ganz überwiegend das Telefon bevorzugen, bei Dr. Ed laut Meinertz dagegen 95 Prozent der Fälle über einen Online-Fragebogen abgewickelt werden. Die Patienten schreiben rein, was ihnen fehlt, und sobald einer der 15 für das Portal arbeitenden Ärzte Zeit hat, macht er sich an die Ferndiagnose.

Eine Million Behandlungen hat die Firma seit ihrer Gründung nach eigener Zählung durchgeführt, ein Fünftel der Fälle kommt aus Deutschland. Vor allem in Deutschland ist das Geschäftsmodell von Dr. Ed aber auch zur Zielscheibe scharfer Kritik geworden. Nicht weil es den Patienten Zeit spart, wie Meinertz hervorhebt, ihnen rund um die Uhr und an sieben Tagen in der Woche einen Zugang zu medizinischem Rat ermöglicht. Sondern weil die Anonymität eben auch ihren Reiz hat: Häufig geht es um Geschlechtskrankheiten, früher waren Rezepte für die Pille danach ein Markenzeichen – über „Schmuddel-Rezepte“ hat der Präsident der Bundesärztekammer vor nicht einmal einem Jahr geschimpft. Dass die Online-Praxis und ihre Kunden sich an die britischen und europäischen Regeln halten, wenn sie die deutsche Musterberufsordnung mit ihrem Fernbehandlungsverbot umgehen, und die Firma in London selbstverständlich von der zuständigen Behörde kontrolliert wird, hat den deutschen Ärztevertreter dabei offensichtlich nicht geschert.

Digitale Revolution aus Baden-Württemberg

Dass nun mit dem Segen der Ärzteschaft ebendieses Fernbehandlungsverbot in Baden-Württemberg gelockert wird, könnte zu dem Schluss verleiten, dass der Fortschritt unaufhaltsam ist, auch wenn er sich manchmal durch Hintertüren zwängen muss. Aber nicht nur solche Hintertüren können sich unvermittelt öffnen. Es gibt auch Falltüren, die den schönsten Fortschritt gleich wieder zunichtemachen könnten. Die Falltür in diesem Fall heißt Arzneimittelgesetz, genauer gesagt: Paragraph 48 Absatz 1 dieses Gesetzes in seiner erst vor ein paar Wochen verabschiedeten Form. Darin steht, dass Apotheker keine Rezepte einlösen dürfen, die ein Arzt ausgestellt hat, ohne direkten Kontakt mit dem Patienten gehabt zu haben.

Die Revolutionäre aus Baden-Württemberg wollen sich davon nicht bremsen lassen. Man werde einen Weg finden, trotzdem das volle Programm anzubieten, verspricht der Präsident der Landesärztekammer, am liebsten zusammen mit der Vereinigung der Kassenärzte, also potentiell flächendeckend. Wie die Modellprojekte genau aussehen werden, ist noch nicht entschieden. Große Krankenkassen wie die TK werden Vorschläge machen, Medgate und Dr. Ed womöglich auch. Und schon im Mai soll das erste Fernbehandlungs-Projekt genehmigt sein. Dann fängt im Ländle die Zukunft an.

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