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Fernbehandlungen : Bei Anruf Diagnose

  • -Aktualisiert am

Wenn der Arzt weit weg ist, könnte er sich in Zukunft per Monitor zeigen. Zumindest bei einem Pilotprojekt in Baden-Württemberg Bild: F.A.S.

In Baden-Württemberg dürfen Ärzte vom 1. Januar an Patienten auf Kosten der Krankenversicherung online oder telefonisch behandeln. Auch dann, wenn sie sie nie zuvor gesehen haben. Ein Tabubruch für deutsche Ärzte. Und die Zukunft?

          6 Min.

          Die Mutter: Ärztin. Der Vater: Arzt. Und Katharina Jünger, die älteste Tochter: Ärzteschreck. Jedenfalls hat es Jünger, eine Frau von 26 Jahren, mit ihrer Firma Teleclinic aufs Allerheiligste der deutschen Ärzteschaft abgesehen. Nur noch ein paar Wochen, dann wird sie den Patienten ein Angebot machen, das die Standesvertretungen der Ärzte in Deutschland jahrzehntelang zu verhindern wussten: die Erstbehandlung per Telefon oder Internet. Wer sich frühmorgens krank fühlt, muss sich dann nicht mehr ins Wartezimmer schleppen, sondern kann zum Telefonhörer greifen oder auf die Smartphone-App klicken, um sich auf Kosten der Krankenkasse aus der Ferne untersuchen zu lassen – ohne dass sich Patient und Arzt zuvor jemals gesehen haben müssen.

          Das gab es in Deutschland noch nie. Das kommt vielen Konservativen wie ein Horrorszenario vor. Und manchen Freunden des technischen Fortschritts wie ein Stück vom Paradies.

          Für Katharina Jünger stellt sich die Angelegenheit nach eigener Aussage längst nicht so dramatisch dar. Eher wie ein logischer Schritt auf dem Weg in die digitale Welt. Und dabei wolle sie, die studierte Juristin und forsche Unternehmensgründerin, die bisweilen allzu analogen Mediziner weder verschrecken noch verdrängen, sondern unterstützen – zum beiderseitigen Nutzen und selbstredend auch zum Wohl der Patienten. Eine Win-win-win-Situation. So müssen Businesspläne im 21. Jahrhundert klingen. Aber Jünger schiebt gleich noch einen Satz hinterher, der sich schwer nach der guten alten Zeit anhört: Ihre eigenen Eltern – der Vater ist Psychiater, die Mutter Nierenfachärztin – seien mit dem Geschäftsmodell ausdrücklich einverstanden.

          Ja, was denn nun: Ärzteschreck oder brave Tochter? Jünger hat Jura studiert, in Berlin das Erste Staatsexamen abgelegt, ist dann aber unter die Gründer gegangen, beeindruckt vom rasanten Erfolg der Silicon-Valley-Ökonomie. In München, am „Center for Digital Technology and Management“, kam sie mit dem Radiologen Reinhard Meier ins Gespräch, der sich seine Meriten als Mediziner an der Ulmer Uniklinik erworben hatte. Schnell war das Interesse an der Telemedizin als Gemeinsamkeit identifiziert, zusammen haben sie vor drei Jahren Teleclinic gegründet. „Ich hatte im Studium 10000Euro gespart, die habe ich als Gesellschafterin eingebracht“, sagt Jünger, die als CEO die Geschäfte führt. „Das Gros des Kapitals kommt von unseren Investoren.“ Dazu zählen laut Jünger die Gründer von StudiVZ und Billiger.de, aber auch die Augsburger Kaufmannsdynastie der Fugger, neuerdings zudem ein Wagniskapitalgeber aus Berlin.

          Wie Uber für Patienten

          Bisher arbeitet die Firma mit einem halben Dutzend deutschen Privatversicherungen zusammen. Mehr als eine „allgemeine krankheitsbezogene Beratung“ darf sie deren Kunden allerdings nicht anbieten. Dafür greift sie auf die Dienste von knapp 200 Ärzten zurück, die sich damit von zu Hause oder zwischendurch in ihrer Praxis etwas dazuverdienen. Die per App, Internetseite oder Telefon einlaufenden Fragen werden zentral erfasst und dann in ein IT-System eingestellt, auf das die Ärzte Zugriff haben. Wer von ihnen gerade Zeit hat, schnappt sich einen Fall. Ein klassisches Plattform-Modell also, wie es Uber für Fahrdienstleistungen perfektioniert hat. Die bevorzugte Kommunikationsform zwischen Patient und Arzt ist die Videotelefonie, aber es geht auch ohne Bewegtbild.

          Die „krankheitsbezogene Beratung“ ist aber nicht das, wo in der ambulanten Gesundheitsversorgung die Musik spielt. Was zählt, sind abschließende Diagnosen, dazu Rezepte und im Zweifel „gelbe Scheine“ für Berufstätige, also Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. All das dürfen Ärzte in Deutschland aus der Ferne traditionell nicht für Patienten ausstellen, die nie zuvor in ihrer Praxis waren. So steht es seit alters her in den Musterberufsordnungen. Verstöße dagegen können standesrechtlich mit Rügen und Bußgeldern geahndet werden, die theoretische Höchststrafe ist der Entzug der Zulassung durch die zuständigen Behörden. Für eine Krankenversicherung undenkbar, unter diesen Umständen die Kosten für eine echte Fernbehandlung zu übernehmen. Egal, wie viel sich damit sparen ließe. Egal, wie sehr manche Kunden sich das aus Bequemlichkeit oder Zeitnot wünschen mögen.

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