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Fernbehandlungen : Bei Anruf Diagnose

  • -Aktualisiert am

Systemveränderung durch die Hintertür

Bei den Privatpatienten ist die formale geographische Einschränkung nach Lage der Dinge sogar noch weniger ernst zu nehmen. Man habe sich auf Bundesebene auf ein Vergütungsmodell geeinigt, sagt Katharina Jünger. In der Vereinbarung sei zwar festgeschrieben, dass zunächst nur Patienten aus Baden-Württemberg davon profitieren sollen. Aber prinzipiell kann demnach künftig jeder deutsche Privatpatient die Leistung in Anspruch nehmen, ob in Konstanz oder Greifswald, ob bei Barmenia und Debeka versichert oder anderswo. Die Fälle würden jedoch ausschließlich von Ärzten aus Baden-Württemberg behandelt, sagt Jünger.

Für Teleclinic bedeutet das: Die Firma, die bisher mit drei übersichtlichen Etagen in einem Altbau hinter dem Münchner Hauptbahnhof auskommt und laut Katharina Jünger im Durchschnitt nur zehn Kunden am Tag bedient, steht künftig hinter einem exquisiten Angebot für die neun Millionen Kassenpatienten in Baden-Württemberg und für noch einmal so viele Privatversicherte in ganz Deutschland. Jünger gibt sich gelassen. „Wir können sehr schnell hochskalieren“, sagt sie, wie man das als Plattform-Unternehmerin eben so sagt. Ein großes Call Center mit vielen angestellten Medizinern brauche sie dafür nicht, stattdessen zähle sie auf eine dezentrale Organisation, getragen von den auf Honorarbasis mitarbeitenden niedergelassenen Ärzten.

Durch die Hintertür bahnt sich damit eine Veränderung im deutschen Gesundheitssystem an, die tiefer greifen könnte als jedes „E-Health-Gesetz“. Denn wenn die Sache funktioniert, dann werden auch Ärzte aus anderen Bundesländern mitmachen wollen. Und welcher Gesundheitspolitiker wird es in Zeiten des Landärztemangels auf sich nehmen, Kassenpatienten aus ähnlich dünnbesiedelten Gegenden wie der Schwäbischen Alb auf Dauer den Anruf bei „Docdirekt“ oder ähnlichen Hotlines zu verwehren? Schließlich hält sogar das Grundgesetz die Politik dazu an, „gleichwertige Lebensverhältnisse“ in ganz Deutschland herzustellen.

Aber geht all das nicht zu Lasten der medizinischen Qualität? Ist auf eine Diagnose aus der Ferne Verlass? Müssen ernste Fälle nicht doch in die Praxis, um sich den Puls messen und Blut abnehmen zu lassen? Zwei, drei Sätze lang schwärmt Katharina Jünger nach diesen Einwänden von der Präzision, mit der sich viele Laboranalysen jetzt schon mit dem Smartphone vornehmen lassen. Fragt, ob persönlicher Kontakt im Zeitalter von Facebook und Instagram nicht längst auch auf anderen Wegen entsteht als durch den gleichzeitigen Aufenthalt zweier Menschen im selben Zimmer. Dann besinnt sie sich. Das werde alles noch dauern, beschwichtigt sie. Die Rezepte zum Beispiel, die werde es erst mal nur für Privatversicherte geben, mit den gesetzlichen Kassen diskutiere man noch, genauso wie über die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Und überhaupt, mit mehr als hundert Fällen am Tag rechne sie nicht.

Bloß nicht zu sehr Tempo machen, bloß niemanden überfordern, immer geduldig sein, das ist jetzt ihre Strategie. Sie hat die Zeit ja sowieso auf ihrer Seite.

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