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Babynahrung und Osterruhe : Stabile Lieferkette, fragile Argumentationskette

Hungrige Babys mussten als Vorwand für die gekippte Osterruhe herhalten. Bild: Rights protected

Die Sorge um die Babyversorgung musste als Argument für die Absage der Osterruhe herhalten. Dass es tatsächlich zu Engpässen gekommen wäre, ist aber höchst unwahrscheinlich.

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          Die moderne Wirtschaft ist komplex, alles hängt mit allem zusammen und ist mimosenhaft verletzlich. Das ist der Eindruck, der sich in der Seuche festgesetzt hat. Dass es vorher meistens gutgegangen ist mit den globalen Lieferketten, muss ein glücklicher Zufall gewesen sein. Jetzt aber zucken wir schreckhaft zusammen: Wenn in China ein Sack Reis umfällt, wer weiß, dann fehlt es nachher in Marburg womöglich an Nanolipidpartikeln für die Impfstoffherstellung. Wie konnten Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin in ihrer Corona-Runde da bloß auf die Idee kommen, Deutschland könnte sich einen Gründonnerstag ohne Industrieproduktion erlauben?

          Sebastian Balzter
          (lzt.), Wirtschaft

          Klar, dass der Beschluss wieder einkassiert werden musste. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident, der CDU-Vorsitzende Armin Laschet, hat das im Düsseldorfer Landtag damit begründet, dass die Osterruhe die Versorgung mit Babynahrung gefährdet hätte.Babynahrung! Welch grausige Vorstellung, die Kleinsten der Kleinen, die Schwächsten der Schwächsten hätten an Ostern hungern müssen. Wie gut, dass auf den letzten Drücker die Vernunft gesiegt hat: Entwarnung für alle Eltern, die ihre eigene Osterruhe schon gestört sehen mussten vom hungrig plärrenden Nachwuchs.

          Seltsam nur, dass die Babynahrungshersteller im Land sich partout nicht erklären können, woher die plötzliche Sorge der Politiker um sie eigentlich kam. Beim Danone-Konzern zum Beispiel, mit den Marken Milumil und Aptamil der größte Anbieter von Ersatzmilch, verweist man lässig auf eine Produktionskapazität von jährlich 70.000 Tonnen im Werk in Fulda, von dem aus die Supermärkte und Drogeriemärkte in der Republik beliefert werden.

          Die Lager im Einzelhandel seien gut gefüllt, ein Produktionstag mehr oder weniger werde nirgends zum Äußersten führen. Zudem wisse man aus der Marktforschung, dass Kleinkindeltern gewöhnlich mindestens zwei Packungen von dem guten Stoff im Haus haben, mithin genug für mindestens eine Woche. Und wenn es doch einmal knapp werde, dann gebe es ein eingespieltes System der Notversorgung: Über eine Hotline können Eltern, deren Vorratshaltung einen zusätzlichen Tag mit geschlossenen Ladentüren wirklich nicht verkraftet, diejenigen Apotheken ausfindig machen, die auch an Sonn-, Feier- und Ruhetagen Babynahrung vorrätig haben.

          Es sei leider oft so, seufzt Norbert Pahnke, der Geschäftsführer des Diätverbands, dem die großen Hersteller der Branche allesamt angehören: Wenn Politiker den Ernst der Lage deutlich machen wollten, würden sie es immer auf die Babynahrung schieben – unabhängig von der Sachlage. Sein Verband habe jedenfalls ganz gewiss nicht Stimmung gegen die geplante Osterruhe gemacht.

          Weder die Staatskanzlei in Düsseldorf noch das Bundespresseamt in Berlin wollten sich übrigens näher dazu äußern, inwiefern am Gründonnerstag die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern auf dem Spiel gestanden hätte. Offenbar also ein Fall von stabiler Lieferkette – und fragiler Argumentationskette.

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