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Sprachlernplattform : Im Ausland mitbabbeln

„Das Interesse an Mandarin wird überschätzt“, sagt Arne Schepker, Chef der Sprachen-Lernplattform Babbel. Bild: Andreas Pein

Millionen Menschen lernen mit „Babbel“ eine Fremdsprache. Jetzt strebt das virtuelle Klassenzimmer an die Börse. Doch lohnt es sich überhaupt, 2021 noch eine Fremdsprache zu lernen – wenn Translation-Dienste die Sprachen live übersetzen?

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          Wer hätte das gedacht: Je mehr Freizeit er hat, desto mehr Vokabeln lernt der Mensch. Und zwar freiwillig. „Im Lockdown haben viele Menschen ihre guten Vorsätze in die Tat umgesetzt und eine neue Sprache gelernt“, sagt Arne Schepker, Chef der Sprachlern-App Babbel, die den enormen Zuwachs nun nutzen will, um in Frankfurt an die Börse zu gehen.

          Bettina Weiguny
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Berliner Unternehmen bietet Onlinesprachkurse für Erwachsene an und wächst seit Corona wie nie zuvor. Die Abonnenten, die sie schon vor der Pandemie auf ihrer App hatten, haben plötzlich doppelt so viel Zeit für das Erlernen einer Fremdsprache investiert. Und zusätzlich haben sich etwa vier- bis fünfmal so viele Neukunden registriert. Der Trend geht bis heute weiter. Damit konnte der Marktführer in Europa und Amerika seine Position ausbauen: Zehn Millionen Menschen haben seit der Gründung von Babbel ein Sprach-Abo abgeschlossen. Meist für ein Jahr, die Hälfte verlängert das Abo danach. Die Umsätze sind 2020 auf 147 Millionen Euro gestiegen. Auch 2021 nach den Lockdowns sind die Zahlen nicht etwa eingebrochen: Babbels Umsatz ist auch im ersten Halbjahr um 20 Prozent gestiegen.

          Um das weitere Wachstum zu finanzieren, soll der Börsengang jetzt 180 Millionen Euro in die Kassen spülen. Babbel wäre dann ein Unicorn, also ein Unternehmen, dessen Marktwert mit einer Milliarde Euro bewertet wird, und es wäre das erste Tech-Unternehmen aus dem Bereich Education, das in Deutschland an die Börse geht. Mit dem Schritt eifern sie dem US-Konkurrenten Duolingo nach, der im Sommer in New York an die Börse gegangen ist, dort mit 6,5 Milliarden Dollar bewertet wurde und dessen Kurs in den letzten Wochen noch mal deutlich zugelegt hat.

          Ein Ökosystem im Fremdsprachenerwerb

          Das Kernprodukt von Babbel ist eine App, mit der Fremdsprachen online trainiert werden können. Zu dem virtuellen Klassenzimmer gehören auch Onlinekurse mit Lehrern, Sprachreisen, Podcasts, „Babbel for Business“ und weitere spezielle Angebote für Firmen. All das will Babbel zu einem Ökosystem rund um den Fremdsprachenerwerb ausbauen.

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          Es ist eine gigantische Summe, die Erwachsene in das Erlernen einer Sprache stecken: Insgesamt beläuft sich der Markt global auf 50 Milliarden Euro. „Ein Drittel aller Sprachkurse wird von Firmen gebucht, zwei Drittel von Privatpersonen“, erklärt Markus Witte, der Babbel 2007 mit gegründet hat.

          Nur, müssen wir in Zukunft überhaupt noch Sprachen lernen? Schließlich erledigt heute schon Google-Translation einen guten Job beim Übersetzen, und glaubt man den Tech-Strategen im Silicon Valley, dann laufen wir in naher Zukunft alle mit einem Knopf im Ohr oder Chip im Kopf herum, über den uns alle Sprachen der Welt simultan übersetzt werden. Und wir müssten nie wieder Vokabeln und Grammatik pauken.

          Ein Translator ersetzet keine Beziehungspflege

          Die Vision teilen die Babbel-Macher nicht. „Nur zehn Prozent unserer Gespräche dienen der Informationsübermittlung, der Rest ist Beziehungspflege, menschliche Interaktion. Da hilft Live-Translation gar nichts“, sagt Witte, der selbst vier Fremdsprachen – unterschiedlich gut – beherrscht. Das bedeutet: Computerprogramme können sehr hilfreich sein, wenn wir in Peking einem Taxifahrer mitteilen wollen, zu welchem Hotel er fahren soll. „Wenn ich im Italienurlaub aber im Restaurant mit den Leuten am Nebentisch ins Gespräch kommen will, funktioniert das nicht. Oder wollen Sie etwa einer Computerstimme zuhören?“

          Reisen ist einer der Hauptgründe, warum Erwachsene eine neue Sprache lernen. Besonders in Deutschland. Daneben kann auch die Karriere ein Motiv sein, kulturelles Interesse oder ein familiärer Anlass, wenn zum Beispiel der neue Partner aus einem anderen Land kommt und ein Besuch bei den Schwiegereltern ansteht.

          Seit 2015 ist Babbel auch auf dem amerikanischen Markt mit einem Büro in New York. Erstaunlicherweise haben sie festgestellt, dass die Amerikaner überhaupt keine Sprachmuffel sind. Sie lernen besonders häufig Spanisch, was am großen Anteil an Latinos im Lande und der Nähe zu Mexiko liegt. „Ansonsten ist klar zu erkennen: US-Bürger lernen die Sprachen ihrer Vorfahren“, sagt Schepker. Die Babbel-Landkarte von Amerika bildet ziemlich genau ab, wo Nachfahren von Italienern, Spaniern oder Deutschen leben.

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          Weltweit gesehen lernen die meisten Menschen Englisch, es werden aber auch viele Kurse für Spanisch, Französisch, Deutsch oder Russisch gebucht. Babbel bietet 15 verschiedene Sprachen an. Chinesisch ist nicht darunter. „Das Interesse an Mandarin wird überschätzt“, erklärt Schepker. „Das beschränkt sich doch sehr auf Berlin Prenzlauer Berg und die City von London.“ Solange die Nachfrage so gering ist, entwickeln sie auch keine Chinesischkurse. Fremdsprachenkurse sind ein kompliziertes Geschäft, für das Programmierer allein nicht ausreichen. Deshalb beschäftigt Babbel 180 Sprachexperten – Pädagogen, Sprachwissenschaftler und Neurologen, „Spracherwerb ist komplex, und wie wir eine Sprache online erlernen, mussten auch wir uns erst erarbeiten“, erzählt Witte, der eigentlich eine Musikplattform entwickeln wollte.

          Die Idee mit der Sprach-App entstand zufällig, als ein Kollege einen Spanienurlaub plante und zur Vorbereitung einen Spanisch-Onlinekurs gesucht hat. „Der hat nichts gefunden, es gab nichts. Da haben wir Babbel gegründet“, erzählt Witte.

          Fünfzehn Minuten am Tag reichen, um innerhalb von ein paar Monaten einfache Gespräche in einer Fremdsprache zu führen, meint er. Wobei auch er an seine Grenzen kommt – sein Französisch reicht, um Flaubert im Original zu lesen. „Aber Sprechen kann ich Französisch nicht.“ Wie leicht oder schwer sich jemand mit einer Fremdsprache tut, hängt, so sagt Witte, vor allem davon ab, wie gut man damit klarkommt, Fehler vor anderen zu machen. „Man muss den Mut haben zu reden, sonst hilft keine App“, erklärt Witte. „Wer sich an den eigenen Fehlern nicht stört, hat einen klaren Vorteil beim Spracherwerb.

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