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BA-Chef Detlef Scheele : Plötzlich Krisenmanager

Seit drei Jahren Chef der Bundesagentur für Arbeit: Detlef Scheele Bild: dpa

Drei Jahre hatte Detlef Scheele als Chef der Bundesagentur für Arbeit nur gute Nachrichten zu verkünden. Dann kam Corona – und auf einmal hingen Millionen Existenzen an seinem Handeln.

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          Detlef Scheele hätte sich selbst vielleicht am allerwenigsten vorstellen können, dass er in den letzten Jahren seiner beruflichen Karriere noch einmal zum Krisenmanager werden würde. Seit drei Jahren führt er als Vorstandsvorsitzender die Bundesagentur für Arbeit (BA), und seitdem hatte er fast nur gute Nachrichten zu verkünden: Die Arbeitslosigkeit sank, die Beschäftigung stieg, einzig der Mangel an Fachkräften konnte die Stimmung trüben.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Noch Ende Februar trug er mit der gleichen Routine wie jeden Monat die neuesten Arbeitsmarktzahlen vor – zweieinhalb Wochen später schloss die BA alle Arbeitsagenturen und Jobcenter für den Publikumsverkehr. Man müsse eine Organisation immer so aufstellen, dass sie jederzeit handlungsfähig ist, sagt er. „Aber eine Krise, die alle Branchen betrifft, ganz Europa und den Welthandel – das haben wir natürlich nicht kommen sehen.“

          Es war ein Freitagabend Mitte März, als Scheele klar wurde, dass er handeln muss. Er kam aus einem Treffen mit Vertretern der Bundesregierung und den Sozialpartnern im Bundeskanzleramt, am Hauptbahnhof stieg er in den Zug nach Hamburg, seiner Heimat. Der ist um die Zeit normalerweise voll, aber nicht so an diesem Tag, als sich die Folgen der Corona-Pandemie plötzlich deutlich bemerkbar machten. Noch am Wochenende schaltete sich Scheele mit seinen Vorstandskollegen zusammen: Christiane Schönefeld, zuständig für Personal und Finanzen, und Daniel Terzenbach, der das operative Geschäft verantwortet. Er sprach mit Ministern und Vertretern der Bundestagsfraktionen. Seitdem befinden sich Deutschlands größte Behörde und ihre rund 100.000 Mitarbeiter im Ausnahmezustand.

          Oberste Priorität: das Kurzarbeitergeld

          Scheele und seine beiden Kollegen entschieden sich, klare Prioritäten zu setzen. Die oberste war die Auszahlung des Kurzarbeitergeldes. Schließlich hing daran schlagartig die Existenzsicherung von Hunderttausenden Unternehmen und ihren Mitarbeitern im Land – „letztlich die Zwischenfinanzierung eines Teils der deutschen Wirtschaft“, wie der Behördenchef es formuliert. Mehr als zwei Millionen Anrufversuche bei den Dienststellen innerhalb eines Tages unmittelbar nach dem Shutdown sprechen für sich.

          Kümmern sich in normalen Zeiten rund 700 Mitarbeiter um die Anträge auf Kurzarbeitergeld, waren es in den vergangenen Wochen in der Spitze 11.600. Kollegen aus der Arbeitsvermittlung wurden hinzugezogen, mussten aber erst einmal geschult werden. Sie zahlen auch heute noch etwa 200 Millionen Euro Kurzarbeitergeld am Tag aus und sind dabei sogar schneller als in Vor-Corona-Zeiten. Heute läuft alles, doch zu Beginn der Krise, gesteht Scheele, habe er „ehrlicherweise manchmal schlecht geschlafen“.

          Sein Arbeitstag begann in den ersten Wochen mit einem täglichen Telefonat des Vorstands mit den Geschäftsführern der zehn Regionaldirektionen, denen wiederum die örtlichen Arbeitsagenturen unterstellt sind. Wie ist die Lage in Bayern, NRW, Norddeutschland? Das Führungstrio ordnete nicht einfach von oben an, was zu tun ist, sondern sprach sich eng mit den Führungskräften aus der mittleren Ebene ab. Geknirscht hat es Scheele zufolge dabei nie, was keine Selbstverständlichkeit ist nach den vielen Jahren der Querelen in der BA, die in dem unrühmlichen Rauswurf von Valerie Holsboer gipfelten, der ersten Frau im Vorstand. Inzwischen scheint Ruhe eingekehrt zu sein.

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