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Trendwende am Ausbildungsmarkt : Azubis dringend gesucht

Fingerfertig: Ein Installateur bearbeitet ein Rohr. Bild: dpa

Jugendliche auf Lehrstellensuche galten als große Pandemieverlierer. Aber nun wendet sich das Blatt. Allein im Handwerk sind noch mehr als 30. 000 Ausbildungsplätze frei.

          3 Min.

          Corona-Krise und Lockdown haben die Berufsausbildung hart getroffen: Viele Jugendliche blieben auf dem Weg zu einer Lehre stecken – nicht nur im vergangenen Jahr. Wer auf einen zweiten Anlauf in diesem Frühling gehofft hatte, sah sich mit neuen Kontaktbeschränkungen statt Ausbildungsangeboten konfrontiert. Fachleute schätzten die Lage in diesem Jahr zeitweilig noch düsterer ein als 2020. Doch umso mehr stechen nun Zeichen einer schwungvollen Wende zum Besseren heraus.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die gibt es im Handwerk: Dort liegt die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge inzwischen weit über Vorjahresniveau. Bis Ende Juni hatten 62.251 junge Menschen eine Lehrstelle in einem Handwerksbetrieb gefunden und ihren Ausbildungsbeginn vertraglich besiegelt. Das sind 13 Prozent mehr als vor einem Jahr. So weist es eine noch unveröffentlichte Zwischenbilanz des Handwerkszentralverbands ZDH aus. Sie liegt der F.A.Z. vor. Zwar ist das Vorkrisenniveau noch nicht ganz erreicht. Der Rückstand auf 2019 belief sich Ende Juni auf 3758 Neuverträge oder 5,7 Prozent – doch schrumpft er nun im Monatstakt: Im Vergleich mit Mai 2019 hatte der Rückstand noch 9,9 Prozent ausgemacht.

          Offenbar haben nach dem Lockdown viele Bewerber und Betriebe zwar verspätet, aber dann doch zügig zueinandergefunden. Und so soll es bis zum Start des neuen Ausbildungsjahrs im Spätsommer weiterlaufen: „Für Jugendliche ist jetzt ein idealer Zeitpunkt, sich über eine Karriere im Handwerk zu informieren und eine Ausbildung im Handwerk zu starten“, wirbt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. „Möglichkeiten dazu bieten sich viele – aktuell gibt es noch 31.000 freie Ausbildungsplätze in allen Gewerken und Regionen“, erläutert er.

          Gesamtzahl der Lehrstellen unter einer halben Million

          Eine Trendwende deutet sich aber auch in den Ausbildungsberufen von Industrie und Handel an, nur noch nicht so schwungvoll. Peter Adrian, neuer Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), bestätigt es: Bis Ende Juni hätten die IHKs 1,4 Prozent mehr Ausbildungsverträge registriert als im vergangenen Jahr. „Der Trend ist hier positiv, denn in den Monaten davor lagen die Zahlen noch im Minus“, sagte er der F.A.Z. Nun appelliert er an Jugendliche und Unternehmen: „Bleibt dran!“

          Im vergangenen Jahr hatte Corona für einen tiefen Einbruch gesorgt: Die Gesamtzahl neu besetzter Lehrstellen fiel erstmals seit der Wiedervereinigung unter eine halbe Million: von 525.000 im Vorjahr auf 467.500 – minus 11 Prozent, wie das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ausweist. Im Handwerk sank die Zahl der Neuabschlüsse dabei um 7,5 Prozent auf 132.000, im traditionell größten Bereich, dem der IHKs, sogar um 14 Prozent auf 262.000.

          Das hat damit zu tun, dass in diesen Bereich Branchen wie das Gastgewerbe und die Veranstaltungswirtschaft fallen, die vom Lockdown besonders hart betroffen waren. Das Problem war aber nicht nur, dass Betriebe weniger Lehrstellen anboten – es fanden sich auch weniger Bewerber. DIHK-Chef Adrian erläutert den Zusammenhang: „Vor allem sind in der Breite Praktika von Schülerinnen und Schülern in den Betrieben sowie Ausbildungsmessen ausgefallen.“ Im Ergebnis sei die Zahl der Bewerber sogar stärker gesunken als die der Lehrstellen.

          Allerdings verbessert dies nun die Chance, durch gezielte Vermittlungsaktionen das Blatt kurzfristig zu wenden. „Wir trommeln mit den IHKs auf allen Kanälen für diesen praxisnahen Einstieg ins Berufsleben“, betont Adrian. Zugleich läuft eine große Kampagne von Kammern und Politik unter dem Titel „Sommer der Ausbildung“, die dies über alle Branchen hinweg unterstützt. Tatsächlich waren im Juni bei den Arbeitsagenturen noch insgesamt 216.000 freie Lehrstellen registriert – und 158.000 Bewerber, die noch suchten. Für Betriebe und Kammern geht es also längst schon wieder darum, mehr Jugendliche für die klassische Berufsausbildung zu interessieren.

          Handwerkspräsident Wollseifer macht das sehr deutlich: „Gerade das Handwerk bietet jungen Menschen in diesen ungewissen und bewegten Zeiten zukunftssichere und anspruchsvolle Berufe mit hervorragenden Fortbildungs- und Karrieremöglichkeiten bis hin zum Meister und beruflicher Selbständigkeit“, hebt er hervor. „In keinem anderen Wirtschaftsbereich kann man schon so früh sein eigener Chef werden.“ Zugleich spreche der technologische Wandel nicht etwa gegen eine Ausbildung im Handwerk, sondern dafür. Denn, so Wollseifer: Alle großen Zukunftsfelder – von der Energie- und Mobilitätswende über den Ausbau der digitalen Infrastruktur bis hin zum Wohnungsbau – seien „nur mit dual aus- und weitergebildeten Fachkräften des Handwerks zu gestalten und umzusetzen“.

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