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Autozölle : Sind die Amerikaner nur verzweifelt?

Moderne Produktion: BMW in der Endkontrolle in Leipzig. Bild: dpa

Jetzt lässt der amerikanische Präsident sogar untersuchen, ob Autoimporte die nationale Sicherheit Amerikas gefährden. Nach all seinen Drohungen erhebt sich zunehmend ein Verdacht.

          Die Not muss gewaltig sein in Washington. Seinen zahlreichen wirtschaftlichen wie politischen Drohungen gegenüber unzähligen Ländern – mittlerweile ist es wirklich schwierig, den Überblick zu behalten – hat der amerikanische Präsident Donald Trump nun eine weitere hinzugefügt: Er stellt Einfuhrzölle auf Autos in Aussicht, angeblich bis zu 25 Prozent.

          Die offizielle Begründung ist brandgefährlich, das Weiße Haus sorgt sich demnach um die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten. Das soll der Handelsminister Wilbur Ross nun untersuchen. Und hat den Verdacht möglicherweise ungewollt selbst entzaubert. „Es gibt Beweise, die darauf hindeuten, dass Importe aus dem Ausland seit Jahrzehnten unsere heimische Autoindustrie untergraben haben“, sagte der frühere Hedgefonds-Manager. Wie richtig er damit liegt und wie glasklar das ist.

          Um diese „Beweise“ zutage zu fördern, braucht es nicht einmal einen hochbezahlten Mitarbeiterstab, der eine akribische Analyse anstellt. Darauf ist das Wirtschaftssystem, für das sich nicht nur die Vereinigten Staaten vollkommen zu Recht entschieden haben, angelegt: Eine Marktwirtschaft ist eine Konkurrenzveranstaltung, da geht es gerade darum, erfolgreicher zu sein als Wettbewerber. BMW möchte attraktivere Autos anbieten als General Motors und Mercedes (ja, auch in Stuttgart sitzen aus Münchener Sicht keine Kumpels, sondern Konkurrenten!), Boeing bessere Flugzeuge als Airbus, Goldman Sachs bessere Übernahmedienstleistungen als die Deutsche Bank. Im Sinne der Verbraucher geht es dabei auch gerade darum, dass manche Unternehmen oder Branchen schrumpfen oder sogar ganz verschwinden. So ist das.

          Wirtschaft wächst, Arbeitslosigkeit geht zurück

          Und die Wirtschaftswelt ist über die Jahrzehnte noch viel komplizierter geworden: Große Konzerne produzieren international und nicht nur in ihren Heimatländern, die beiden größten amerikanischen Autoexporteure gegenwärtig sind eben nicht Ford und GM, sondern BMW und Mercedes, beide Unternehmen beschäftigen Tausende Mitarbeiter in den Vereinigten Staaten, Zigtausende deutschstämmige Autos rollen dort jedes Jahr vom Band.

          Wie gefährdet solcher Handel die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten? Ist die amerikanische Armee schwächer oder sind es die Geheimdienste oder die Polizei oder andere Behörden, weil Amerikaner Autos aus Deutschland oder Japan fahren? Eben. Natürlich pfeifen die Spatzen von den Dächern nicht nur des Weißen Hauses, dass der Grund vorgeschoben ist – ein juristischer Kniff, denn aus Gründen der nationalen Sicherheit kann Trump schnell alleine aktiv werden, braucht nicht die Abgeordneten auf dem Kapitol.

          Erstaunlich bleibt es in jedem Fall. Die Vereinigten Staaten sind weiterhin die größte Volkswirtschaft der Welt, haben sich von der Finanzkrise erholt, alleine in den vergangenen zehn Jahren hat sich ihre Jahreswirtschaftsleistung um die Größenordnung Deutschlands vergrößert. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken, die Inflation niedrig, viele Unternehmen melden alle drei Monate weitere Milliardengewinne. Dass es nicht jedem einzelnen Amerikaner gut geht, auch das stimmt, das könnte dieses reiche Land sehr schnell ändern, Zölle helfen dafür übrigens (langfristig) nicht.

          Gerade vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund irritieren die ständigen Drohungen aus dem Weißen Haus zumal gegenüber langjährigen Verbündeten. Und sie sind für Trump selbst auch nicht ungefährlich, denn: Je häufiger eine Drohung keine Folge hat, wie das gerade in den Handelsstreiten derzeit geschieht, und stattdessen Fristen verschoben und neue Gespräche aufgenommen werden, umso mehr bildet sich der Verdacht heraus, dass da womöglich jemand nur laut poltert, aber dann eben doch nichts unternimmt. Es klingt zusehends bisweilen sogar verzweifelt.

          Stattdessen besteht sogar die Gefahr, dass sich ungewollt Konstellationen bilden, die sicher nicht im Interesse Washingtons sind. Bei der Welthandelsorganisation sind mittlerweile von einer ganzen Reihe Länder Vergeltungszölle gegen Amerika angekündigt worden. Die Gruppe umfasst die EU, China, Russland, Japan. Möchte das der amerikanische Präsident wirklich?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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