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Autowerkstätten : Schnelles Geld mit alten Autos

Ölwechsel für 7,50 Euro - ein Lockangebot Bild: ddp

Deutsche Autos werden immer älter - ein lukratives Geschäft für Werkstattketten. Nun will auch Europas größter Autohersteller Volkswagen mitmischen. Meisterbetriebe und Hinterhofgaragen werden es in Zukunft schwer haben.

          3 Min.

          Die Wände sind frisch gestrichen, auf den hellgrauen Fliesen ist nicht ein Ölfleck, und die sauberen, schwarz-grauen Overalls der Monteure würden jedem Formel-1-Rennstall alle Ehre machen. Keine Frage, dieser Werkstattbetrieb im Berliner Bezirk Spandau muss nagelneu sein. Ist er auch. Das Einzige, was hier in die Jahre gekommen ist, sind die Autos auf den Hebebühnen. Es ist das Konzept dieser Stop + Go-Filiale, Autos zu reparieren, bei denen die Herstellergarantie abgelaufen ist. Stop + Go ist eine Tochtergesellschaft von Volkswagen, und die Berliner Filiale ist ihr Vorzeigebetrieb.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Nichts deutet in der fast klinisch-sterilen Werkstatt auf den großen Autokonzern hin. Allenfalls die Tatsache, dass Original-VW-Ersatzteile verbaut werden, könnte den Kunden stutzig machen - wenn er es denn wüsste. „Wir sind eine freie Werkstatt mit Haut und Haaren“, sagt Detlef Saemisch, Geschäftsführer der Stop + Go-Systemzentrale, die ihren Sitz in Unna hat. VW hat das Franchiseunternehmen gegründet, weil der Konzern das Reparaturgeschäft mit alten Autos nicht länger den freien Ketten überlassen will.

          Stop + Go will ein Stück abhaben

          An den klassischen VW-Vertragswerkstätten sind diese Wartungs- und Verschleißarbeiten seit Jahren vorbeigegangen, zu teuer ist so manchem Fahrer eines acht Jahre alten Gebrauchten die Vertragswerkstatt. Stop + Go soll billiger sein. Am Straßenrand wirbt die Berliner Filiale mit einem Ölwechsel für 7,50 Euro, ein Lockangebot, wie es der Kunde sonst nur von den Freien kennt. Auto-Teile-Unger, Pitstop, Carglass & Co. haben mit Billigangeboten ihre Expansion ungestört vorangetrieben - bis vor vier Wochen der VW-Konzern seinem Stop + Go-Konzept endgültig grünes Licht gegeben hat.

          Stop + GO könnte kleinen Meisterbetrieben das Leben schwer machen
          Stop + GO könnte kleinen Meisterbetrieben das Leben schwer machen : Bild: dpa

          Der Markt für Autoteile, Zubehör, Reifen- und Ölwechsel ist riesig. Etwa 40.000 Betriebe, darunter viele Einzelkämpfer, tummeln sich auf diesem sogenannten Aftermarket, der Branchenverband ZDK beziffert das Volumen auf 27,8 Milliarden Euro. Davon will Stop + Go ein Stück abhaben. Die VW-Tochtergesellschaft verfügt bereits über 58 Werkstattbetriebe, 45 werden bis Ende kommenden Jahres nach neuem Muster eröffnet, und dann sollen jedes Jahr rund 20 neue Standorte hinzukommen.

          Europas größter Autokonzern bläst zur Aufholjagd

          „Wir werden 2009 die Nulllinie durchstoßen und von 2010 an Gewinn erwirtschaften“, sagt Peter Porbeck, Leiter Service im Volkswagenkonzern. „Eine leistungsfähige Systemzentrale verursacht selbstverständlich Kosten.“ Wie hoch die Investitionen sind, wird mit der Begründung verschwiegen, für die Konkurrenz nicht transparent zu werden. „Der Wettbewerb wird uns intensiv beäugen“, vermutet Porbeck. Das Kalkül ist einfach: 55 Millionen Autos gibt es in Deutschland, darunter 13 Millionen Autos der Marken des VW-Konzerns, und von denen sind wiederum 6,5 Millionen älter als acht Jahre.

          Es ist der erste, flächendeckende Versuch eines deutschen Autoherstellers, die Wertschöpfungskette auf die Reparatur von Gebrauchtwagen einschließlich der Fremdmarken zu verlängern. In Frankreich haben Renault und Peugeot-Citroën bereits eigene Werkstattketten etabliert. Peugeot „Rapide“ gibt es auch an 29 deutschen Standorten. „Wir wenden uns in erster Linie nur an Peugeot-Kunden“, schränkt ein Unternehmenssprecher ein. Renault hat seine „Minute“-Schnellwerkstätten seit 5 Jahren ebenfalls an seine deutschen Vertragspartner angegliedert, so dass auch hier für jeden Kunden die Konzernzugehörigkeit erkennbar ist. Dennoch: „Der Fremdmarkenanteil beträgt 20 Prozent“, sagt Renault-Vorstand Reinhard Zirpel. Und Renault hat bereits 150 Minute-Standorte in Deutschland und will weiter wachsen. Nun bläst Europas größter Autokonzern zur Aufholjagd, auch das Ausland ist für Stop + Go kein Tabu.

          Elektronische Mängel häufen sich

          Bei den etablierten Wettbewerbern sieht man den Angriff gelassen. „Wenn Stop + Go jedes Jahr 20 Filialen eröffnet, brauchen sie 25 Jahre, um so groß zu sein wie wir heute“, sagt Michael Kern, der seit 90 Tagen Geschäftsführer bei ATU ist. Kern weiß, wovon er spricht, denn das VW-Konzept kennt er noch aus seiner Zeit, als er selbst Vertriebsvorstand bei Volkswagen war.

          Schwerer haben es die kleinen Meisterbetriebe und die unzähligen Hinterhofgaragen, denen sukzessive Knowhow und Kapital abhandenkommen. Zwar werden die Autos immer älter, aber ihre Reparaturanfälligkeit hat sich im Lauf des technischen Fortschritts grundlegend verändert. Stoßdämpfer brauchen bei heutigen Fahrzeugen kaum noch ausgetauscht zu werden, stattdessen häufen sich elektronische Mängel. Doch weil die Technologie immer komplexer wird, fällt es kleinen Betrieben immer schwerer, sämtliche Marken reparieren zu können. Manche scheuen die hohen Kosten, die mit neuen Umweltauflagen und technisch modernen Anlagen verbunden sind.

          Eine erste Filiale noch im Juli

          Bei Stop + Go zahlt ein Franchisenehmer etwa 300.000 Euro für die Kompletteinrichtung mit bis zu zehn Hebebühnen, Motorentester, Lager und Verkaufsshop. Hinzu kommen die monatliche Miete und Kosten für den Lageraufbau. „Der grobe Kapitalbedarf liegt bei rund 650.000 Euro“, sagt Stop + Go-Geschäftsführer Saemisch. Im ersten Jahr sollte dafür ein Umsatz von bis zu 2 Millionen Euro je Filiale herausspringen. Und die Umsatzrendite, die in der Branche auf durchschnittlich 4,5 Prozent geschätzt wird, liegt im Stop + Go-Franchising Saemisch zufolge „deutlich über dem Durchschnitt“.

          Allerdings könnten die nagelneuen Stop + Go-Filialen gefährlich nah an das Geschäft der VW-Vertragspartner heranrücken, die mit wesentlich höheren Fixkosten in ihren Komplettwerkstätten zurechtkommen müssen. Saemisch hält die Ergebnisse der zweijährigen Pilotphase dagegen: Demnach waren die Autos in den Stop+Go-Filialen im Durchschnitt 8,9 Jahre alt und damit wesentlich älter als in den VW-Werkstätten. Und um einer Kannibalisierung grundsätzlich vorzubeugen, sucht Stop+Go nur VW-Betriebe als Franchisenehmer aus. Den Anfang macht der VW-Händler Feser in Nürnberg, der noch im Juli eine erste Stop + Go-Filiale eröffnet.

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