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Autonomes Fahren : Ein Deutscher war Tesla 30 Jahre voraus

Ernst D. Dickmanns

Doch die Wahrheit ist: Tesla, Google, Apple und auch alle anderen Hersteller wären im Jahr 2018 längst nicht so weit, wenn es die Pionierarbeit von Dickmanns nicht gäbe. Und die wurde vor mehr als 30 Jahren geleistet, als Computer noch nicht annähernd die heutige Leistungsfähigkeit hatten. Das Interessante ist: Zu den von Schmidhuber erwähnten Patenten zählen keine, die Dickmanns und sein Team halten würden. „Ich habe zwar überlegt, die vier grundlegenden Entwicklungen seinerzeit zum Patent anzumelden, habe dann aber davon Abstand genommen. Denn nach zwanzig Jahren wäre der Schutz ohnehin kaum noch etwas wert gewesen“, sagt Dickmanns im Gespräch mit FAZ.NET: „Und deshalb haben mein damaliger Partner Daimler und ich uns entschieden, einfach alle Forschungsergebnisse zu veröffentlichen.“

Autos als Individuen

Das, was man heutzutage auch in Deutschland „public domain“ nennt, sorgt zwar eigentlich dafür, dass darauf keine Patente mehr angemeldet werden können. Aber das habe manches amerikanische oder japanische Unternehmen nicht geschert – sie hätten dann doch Patentanträge für Entwicklungen eingereicht, die letztlich auf seine Arbeit zurückgingen, sagt Dickmanns, bleibt dabei aber gelassen. Er hat die Ruhe, die man in der Schlussphase eines langen Forscherlebens in der Überzeugung gewinnt, am Ende exakt das Richtige getan zu haben.

Dabei sieht es auf den ersten Blick gar nicht danach aus. Denn die Autos, die heute (teil-)autonom durch die Gegend fahren, nutzen ein System, das sich auf Satellitennavigation und digitales Kartenmaterial stützt. Dickmann hingegen hat selbstfahrende Autos in einer Zeit gebaut, in der es weder das eine noch das andere gab. „Ich habe die Autos immer als Individuen gesehen“, sagt Dickmanns. Die Entscheidungen wurden allein auf der Basis der Daten getroffen, die das Auto mit seinen Kameras selbst erfasste. „Aber in zwei bis drei Jahrzehnten wird meine Technik wieder viel größere Bedeutung haben“, ist Dickmanns überzeugt. Da sei er, natürlich, ganz gelassen.

Autobahn in Deutschland: Hier waren schon vor Jahrzehnten autonom fahrende Autos unterwegs.

Mit Hilfe der Bundeswehr

Ein wenig war er das wohl immer, denn er durfte früh auf diversen öffentlichen Straßen unterwegs sein mit seinen Testfahrzeugen, die Bundeswehr hatte es genehmigt. „Jedenfalls für den Fall, dass drei von uns im Auto sitzen würden – und überleben wollten“, scherzt Dickmanns heute. Die Bundeswehr war im Spiel, weil Dickmanns in den Jahren zwischen 1975 und 2001 Professor an der Universität der Bundeswehr München war. Und Dickmanns ist überzeugt, dass sein System des autonomen Fahrens ohne zugrundeliegender digitaler Straßenkarte auch heute noch vor allem für das Militär entscheidende Pluspunkte hat. „Daran wird weiter geforscht“, stellt er fest. 

Und so fing alles an, auf Dickmanns Webseite kann man es nachlesen: Anfang der achtziger Jahre rüstete sein Team einen Mercedes-Benz-Kleintransporter mit Kameras und anderen Sensoren aus. Wegen der schwachen Rechenleistung der damaligen Computer waren ausgefeilte Strategien zum Rechnersehen notwendig, um in Echtzeit reagieren zu können. Verwendet wurde dazu kein 3-D, sondern ein sogenannter 4-D-Ansatz, bei dem auch die Zeit als Faktor eine Rolle spielte. Dabei mussten vorangehende Bilder nicht unbedingt gespeichert werden, aber es konnten trotzdem Abschätzungen für alle dreidimensionalen Positions- und Geschwindigkeitskomponenten gewonnen werden. Was heißt das genauer? Statt die Umgebung vollständig zu erfassen, zu analysieren und sämtliche Daten zu speichern, setzte Dickmanns darauf, Vorhersagen über den weiteren Streckenverlauf zu treffen. Bei diesem Verfahren wird das jeweils aktuelle Bild mit der Vorhersage verglichen, die sich aus den vorherigen Bild ableitet.

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