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VW-Chef Winterkorn : „Bei Volkswagen läuft nichts aus dem Ruder“

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Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Aber es liegt in unserer eigenen Hand, etwaige Fehler zu entdecken und so früh wie möglich offen anzusprechen. Ich bin regelmäßig draußen bei den Kollegen im Werk, weil ich der Mannschaft zeigen will, wie wichtig das Qualitätsthema ist. Damit setze ich ein Zeichen, um gar nicht erst in die Toyota-Falle zu laufen und schon in der Versuchsphase möglichst alle Fehler zu erkennen. Unsere Leute sind heute deutlich besser qualifiziert als noch vor 20 Jahren. Das sind fast alles Facharbeiter. Wenn ich das vergleiche mit meiner Anfangszeit als junger Qualitätsmann bei Audi: Da standen Bäcker, Metzger, Schneider, Schreiner am Band, die den Weg zu Audi gesucht hatten, weil sie dort mehr Geld verdienten als in ihren eigentlichen Berufen und die wir erst noch zu Automobilfachleuten ausbilden mussten.

China ist für VW der wichtigste Markt geworden. In den nächsten Jahren investieren Sie dort mehr als 10 Milliarden Euro in neue Werke. Auch Ihre Wettbewerber legen kräftig zu. Wächst damit nicht die Gefahr von Überkapazitäten?

Derzeit arbeiten wir in China praktisch das ganze Jahr durch. Normal wären 235 Tage. Wir könnten die Produktion also um mehr als 30 Prozent herunterfahren, ohne große Probleme zu bekommen. Notwendig ist das freilich derzeit nicht. Prognosen zufolge wird sich der chinesische Markt für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge bis 2018 auf mehr als 25 Millionen Fahrzeuge verdoppeln. Daher denken wir schon über den Bau weiterer Werke nach. Wir und die anderen Hersteller bedienen im Moment vor allem den Nordosten Chinas. Dort brummt die Wirtschaft. Aber schauen Sie mal in den Süden und gen Westen. Da ist praktisch nichts. Also werden wir uns auch die Frage stellen, ob wir nach Westen gehen. Und wir werden uns überlegen, zusammen mit unseren chinesischen Partnern eine lokale Einstiegsmarke zu entwickeln, die nicht Volkswagen heißt.

Wie geht es weiter mit der Allianz im Lastwagengeschäft? Wird VW den Mehrheitsanteil an MAN an Scania weiterreichen? Sind Sie mit 56 Prozent an MAN zufrieden sind?

Jetzt warten wir erstmal die Entscheidung der EU-Kommission ab. Mit den 56 Prozent der Stimmrechte an MAN sind wir gut aufgestellt. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht alle Optionen für die weitere Gestaltung eines integrierten Nutzfahrzeugkonzerns offen halten.

VW hält knapp 10 Prozent an SGL Carbon. Die Firma ist sehr energieintensiv und produziert daher in Kanada. Wie finden Sie das?

Das ist die Entscheidung von SGL, da reden wir nicht rein. Ich sage aber auch: Wir dürfen unsere Technologien nicht mehr so einfach nach draußen geben. Ich kämpfe zum Beispiel dafür, dass wir das Thema Batterietechnik nach Deutschland zurückholen. Deutschland war das Land der Elektrochemie. Heute gibt es dafür nur noch zwei Lehrstühle. Das muss sich ändern.

Wenn Ferdinand Piëch geht: Wer übernimmt dann seine mächtige Rolle? Können dann Fliehkräfte entstehen, die den Zusammenhalt innerhalb der Aktionärsfamilien Porsche und Piëch zerstören?

In der jetzigen Familienstruktur mit den fünf Köpfen Ferdinand und Michel Piëch sowie Wolfgang, Oliver und Peter Porsche sehe ich uns gut aufgehoben, auch was die Zusammenarbeit betrifft. Aber wir müssen uns schon überlegen, was passiert, wenn diese Generation eines Tages nicht mehr da ist.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Beim großen VW-Konzernabend auf der IAA war auch Ihr Sohn Martin Winterkorn junior dabei. Wird aus ihm auch ein Automann?

Das würde mich schon freuen. Aber ich mache da keinen Druck. Martin ist erst 19 und studiert im fünften Semester Physik. Ich glaube schon, dass er eine Neigung zum Automobil hat.

Das Gespräch führten Johannes Ritter und Holger Steltzner.

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