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Vermeintlicher „Bieterwettkampf“ : Das hat Opel nicht verdient

  • -Aktualisiert am

Mit Patina: Das Opelwettrennen dauert Bild: AP

Der Kampf um Opel ist ein unsägliches Schauspiel. Schon der Titel, unter dem das Stück aufgeführt wird, ist grob irreführend: „Bieterwettkampf“. Dabei will keiner der Interessenten wirklich zahlen. Geboten wird allenfalls das Geld des Steuerzahlers. Eine Analyse von Georg Meck.

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          Es ließe sich viel Schlechtes gegen Opel vorbringen; ramponiertes Image, horrende Verluste, unfähige Manager. Was sich jedoch seit Monaten abspielt an angeblicher Rettung, das hat niemand verdient: die Marke nicht, die Belegschaft nicht, das Publikum übrigens auch nicht.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Selten wurde so viel Humbug erzählt, so viel gelogen wie in dieser an Nachtsitzungen, Geheimtreffen und "unterschriftsreifen Verträgen" reichen Angelegenheit. Da verkündet ein vermeintlicher Käufer, ein leibhaftiger Vorstandschef, einen Deal, der sich Stunden später als glatte Täuschung herausstellt. Mal steht der Durchbruch 12 Stunden bevor, dann wieder 24 oder 48. Passiert ist: nichts. Und daran wird sich bis zur Wahl wohl auch nichts ändern. Ein unsägliches Schauspiel.

          Schon der Titel, unter dem das Stück aufgeführt wird, ist grob irreführend: "Bieterwettkampf" - für gewöhnlich versteht man darunter, dass mehrere Menschen dasselbe wollen. Kaufen wollen, wohlgemerkt. Also bezahlen, mit richtigem Geld.

          Straff organisierte Minderheiten gegen die zahlende Mehrheit

          Buhlen zwei Oldtimer-Freunde um ein und denselben Opel des Baujahrs 1927, dann hat der Besitzer die Wahl: Wählt er denjenigen aus, der mehr bietet, oder erhält derjenige den Zuschlag, der das gute Stück besser zu pflegen verspricht und ein besonders inniges Gefühl erkennen lässt. Egal, sicher ist: Der Opel-Verkäufer kassiert Geld.

          Ganz anders im akuten Fall: Keiner der Interessenten, beschönigend Investoren genannt, will wirklich zahlen. Was die Herren aus Österreich, Russland, Belgien, anfangs auch aus Italien und China, reizt, sind moderne Fabriken, tolle Ingenieure, der Zugang zu neuen Märkten - und das Geld des deutschen Steuerzahlers. Denn das Risiko dafür, wenn es schiefgeht, trägt der Staat. Das macht die Sache für Bieter interessant. Und für den Rest so unerquicklich.

          In Rüsselsheim und Berlin erzählen sie deshalb, dass es nicht so darauf ankäme, ob jemand eigenes Geld mitbrächte oder nicht. Irgendwie sei Fremd- und Eigenkapital heutzutage dasselbe, die Unterscheidung überholt. Dabei lehrt die Krise, dass dieser feine Unterschied über Tod oder Leben einer Bank entscheidet.

          1,5 Milliarden Euro Kredit hat die deutsche Politik bereits genehmigt, 4,5 Milliarden Euro stellt sie insgesamt ins Feuer, wenn ihr Favorit Magna, begleitet von eher undurchsichtigen russischen Partnern, zum Zuge kommt. Warum sich die Kanzlerin so früh und so entschieden auf diese Partei festgelegt hat, bleibt ihr Geheimnis.

          Warum der Staat überhaupt eine Autofirma künstlich am Leben halten muss, ist ebenso schleierhaft. An der Angst um die Versorgung der Deutschen mit Autos kann es nicht liegen. Eher an der Tatsache, dass in der Demokratie straff organisierte Minderheiten ihre Interessen gegen die zahlende Mehrheit durchsetzen.

          Opel bleibt ein Zuschussbetrieb

          Bald ein Jahr dauert nun das große Opel-Wettretten. Und wie immer in solchen Fällen kennt auch diese traurige Geschichte ein paar Gewinner: Zuvörderst den immer noch jungen Wirtschaftminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich mit dem Refrain vom "tragfähigen Konzept" in die Herzen der Deutschen hineingespielt hat. Seit jener Nacht Ende Mai im Kanzleramt, als er das Wort Rücktritt fallen ließ, hat er gar als ein Ausbund an Standfestigkeit wie Prinzipienfestigkeit zu gelten.

          Gut bedient werden auch all die Berater, Juristen und PR-Strategen, die am Rande des Schlachtfeldes hübsche Tagessätze abrechnen. Nicht zu vergessen die Abteilung Dudenhöffer & Co., sogenannte Autoexperten, die ihren Ruhm mehren, wenn sie dem Fernsehpublikum aus Büros in Bergisch Gladbach, Gelsenkirchen oder Nürtingen die automobile Weltlage, unter besonderer Berücksichtigung von GM, erklären. Dies erweist sich aus zweierlei Gründen als schwierig; Detroit ist so verdammt weit weg. Und die Lage im GM-Hauptquartier so verdammt unübersichtlich.

          Nur am Kern der Misere hat sich in der ganzen Zeit nichts geändert: Noch immer kaufen die Leute lieber Volkswagen, Toyota oder Peugeot, als in einen Opel zu steigen. Die Firma bleibt ein Zuschussbetrieb (wie so viele Jahre zuvor). So schlicht ist die Wahrheit. Auch die Vorstellung, Rüsselsheim könnte sich von der verhassten amerikanischen Muttergesellschaft abkoppeln, die angeblich an allem schuld ist, erweist sich als Illusion. Rechtlich ist Adam Opel eigenständig, auch eine eigene Kasse existiert nun (dummerweise ist die ständig leer). Aber sonst? Das Sagen hat nach wie vor General Motors. 35 Prozent hält GM direkt, 65 Prozent die Treuhand, auf die sie maßgeblichen Einfluss ausübt. Und über allem thront der amerikanische Staat als vorübergehender GM-Eigner.

          Das Insolvenzverfahren in Amerika ist inzwischen überstanden, GM bestimmt nun wieder eindeutig, wo es langgeht: vorerst nicht mit Magna. Das haben die Herren in Detroit zum Ärger der Bundesregierung klargestellt, die massiv darauf hingewirkt hatte. Die Enttäuschung in Berlin ist groß. Auch deshalb, weil sich die Politik so schön eingerichtet hatte in der neuen Welt, in der sie wieder bestimmt über die Wirtschaft, in der ehedem arrogante Manager als Bittsteller auftreten. Mit dieser frisch gewonnen Macht ist es im Fall von Opel schon wieder vorbei.

          GM kokettiert bereits mit der Idee, die Tochtergesellschaft zu behalten - was die deutsche Regierung umgehend als leere Drohung einordnet: In dem Fall würde Opel in eine Insolvenz nach deutschem Recht steuern, die Amerikaner verlören so Kontrolle und Vermögen. Die Frage bleibt deshalb: Magna, die Finanzinvestoren RHJI oder doch Insolvenz? Irgendwann wird sie beantwortet. Hoffentlich.

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