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Übernahme von MAN : VW erhält aus Brüssel einen Freifahrtschein

Auch nach der Übernahme von MAN durch VW sieht Brüssel den Wettbewerb bei den Lastwagenbauern gesichert Bild: dpa

Die wichtigste Hürde zum Erwerb der Mehrheit an MAN ist genommen. Die EU hat ihr Plazet ohne Auflagen gegeben. VW bereitet jetzt die Lastwagenallianz mit Scania weiter vor. Die Schweden könnten dabei die Hauptrolle bekommen.

          Die Europäische Kommission hat dem Fusionskontrollantrag von Volkswagen zur Übernahme der Mehrheit an der MAN SE zugestimmt, ohne dass sie Auflagen gemacht hat. Die Kartellbehörde hat am Montag zunächst VW davon unterrichtet und am Abend eine Mitteilung veröffentlicht.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Damit hat die Kartellbehörde deutlich schneller als erwartet die Pläne des VW-Konzerns abgesegnet . VW hatte den Antrag am 22. August eingereicht. Die Kommission konnte bis 26. September entscheiden, ob die Prüfung auf mehrere Monate ausgeweitet wird. Da es keine Bedenken gibt, ist nur eine verkürzte Untersuchung erfolgt. VW plant, die Mehrheitsbeteiligung der schwedischen Scania eng mit MAN zu verbinden. Damit würde die Gruppierung zum größten Nutzfahrzeughersteller in Europa werden, vor Volvo/Renault.

          Nationale Behörden müssen noch zustimmen

          Der Freifahrtschein aus Brüssel ist entscheidend für das Gelingen der Übernahme. Ganz in trockenen Tüchern aber ist sie nicht. Es fehlen noch einige Genehmigungen nationaler Kartellbehörden etwa aus China, Brasilien, Argentinien, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz. Ernsthafte Hürden oder nennenswerte Auflagen sind wegen der fehlenden Überschneidung jedoch nicht zu erwarten.

          Bisherigen Ankündigungen des VW-Vorstands zufolge soll MAN auch nach der mehrheitlichen Übernahme an der Börse notiert bleiben. Derzeit plant VW auch nicht, die Beteiligung an MAN über die erreichten 55,9 Prozent hinaus weiter zu erhöhen. Ohnehin sind den Wolfsburgern im Zuge des Pflichtangebotes weitaus mehr MAN-Aktien angedient worden als geplant. Die Wolfsburger können nun eine schlagkräftigere Einheit aus MAN und Scania schmieden. Bei einem Zusammenschluss der beiden Lastwagenbauer ließen sich langfristig deutlich größere Verbundvorteile erzielen.

          In Konzernkreisen ist von möglichen Synergien in der Größenordnung von rund 1 Milliarde Euro die Rede. Die Frage ist allerdings, wie ein noch engerer Schulterschluss gesellschaftsrechtlich und organisatorisch strukturiert werden soll. Den Beteiligten stehen verschiedene Optionen offen. Nach Informationen dieser Zeitung wird in Wolfsburg momentan folgende Variante bevorzugt: VW verkauft seinen MAN-Anteil an Scania, was die Schweden zum bestimmenden Akteur in der Lastwagenallianz machen würde. Die beträchtlichen finanziellen Mittel für einen derartigen Schritt könnte sich Scania über eine Kapitalerhöhung holen, die maßgeblich von VW getragen wird. Dies hätte zur Folge, dass die Wolfsburger ihren Einfluss auf Scania weiter erhöhen. Sehr wahrscheinlich holen sie sich überdies das Scania-Paket von 17 Prozent, das jetzt noch bei MAN liegt und aus der gescheiterten Übernahme 2006 resultiert.

          Ob dieses Planspiel Wirklichkeit wird, hängt nicht zuletzt vom Personaltableau ab, das VW zur Verfügung steht. Der VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn und sein Aufseher Ferdinand Piëch setzen große Stücke auf Scania-Chef Leif Östling. Dessen Vertrag wurde erst vor wenigen Monaten über die normale Pensionsgrenze hinaus verlängert. Ob er aber bereit ist, Scania und MAN eng verbunden in eine gemeinsame Zukunft zu führen, scheint noch unklar zu sein.

          MAN-Aufsichtsrat vor Neubesetzung

          Nächster konkreter Schritt dürfte indes sein, dass Piëch als Aufsichtsratschef von VW wie von MAN die schon im Sommer geplante Besetzung des Aufsichtsgremiums von MAN mit weiteren VW-Vertretern nachholt. Auf der Hauptversammlung Ende Juni wollte Piëch drei weitere Vertreter des Wolfsburger Konzerns zu Aufsehern wählen lassen, noch bevor der Fusionsantrag in Brüssel überhaupt eingereicht worden war. Daraufhin hatte die Kommission Piëch gewarnt. Die Wahl wurde vertagt. Ferdinand Piëch kündigte an, Martin Winterkorn sowie die Vorstände Dieter Pötsch und Jochem Heizmann nach Zustimmung der Kartellbehörden per Amtsgericht in den Aufsichtsrat bestellen zu lassen, was die Aktionäre nächstes Jahr nachträglich abzusegnen haben.

          Vor dem Hintergrund der atmosphärischen Störungen kommt die Zustimmung aus Brüssel nach nur fünf Wochen eigentlich überraschend. Da schon 2006 eine - dann gescheiterte - Fusion von MAN und Scania geprüft und bewilligt worden war, haben die Wettbewerbshüter jetzt nur noch die Marktverhältnisse untersucht, die sich nicht grundlegend geändert haben. Ein Durchwinken aus Brüssel war nie in Frage gestellt. Vermutet wurde aber eine erweiterte Prüfung über insgesamt rund vier Monate mit einer Entscheidung im Dezember. MAN-Aktionäre, die das Pflichtangebot von 95 Euro je Stammaktien annahmen, hätten im Extremfall bis Februar 2012 auf ihr Geld für ihre angedienten Aktien warten müssen. Das kann unter Umständen früher überwiesen werden.

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