https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/automobilindustrie/sberbank-chef-gref-der-russe-fuer-ruesselsheim-1799772.html

Sberbank-Chef Gref : Der Russe für Rüsselsheim

  • -Aktualisiert am

Die Sberbank selbst ist ein Hauptgläubiger von GAZ, außerdem soll ein Aktienpaket für eine Mehrheit an GAZ als Sicherheit für Kredite beim Finanzinstitut hinterlegt worden sein. So reifte wohl in den Köpfen der Verantwortlichen unter Beihilfe von Magna der Plan, die Notlage von General Motors für einen Technologietransfer von Opel zu GAZ zu verwenden.

Für eine Modernisierung der GAZ-Anlagen bedarf das Unternehmen aber sicherlich weiterer Sberbank-Kredite. Der russische Industrie- und Handelsminister Wiktor Christenko sagte vor kurzem unmissverständlich, dass Russland nicht fähig sei, unabhängig einen globalen Autokonzern aufzubauen. Deshalb müssten sich die heimischen Produzenten mit führenden internationalen Herstellern vereinigen.

Das Verhältnis zu Putin soll sich abgekühlt haben

Es hat eine ironische Note, dass gerade Christenko offenbar eine treibende Kraft hinter der Beteiligung der Sberbank an Opel ist. Christenko gilt als Verfechter einer protektionistisch ausgerichteten Industriepolitik und als Hemmschuh für den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation WTO. Gref hingegen war in der russischen Regierung als Wirtschaftsminister der eifrigste Verfechter einer Mitgliedschaft. Auch sonst hatte sich Gref, der sich gerne modisch kleidet und auf sein Äußeres acht gibt, den Ruf erworben, das „ökonomische Gewissen“ des Kremls zu sein. Exzessiven Staatseinfluss hatte er einmal als „neandertalerisch“ gebrandmarkt. Auch sonst lag er nicht immer auf der Generallinie des Kremls: Nach seinen Vorstellungen sollte beim Erdgaskonzern Gasprom das Pipelinenetz ausgegliedert werden. Er scheute auch nicht, am Wirtschaftsforum in Davos eine Privatisierung des Gas-Kolosses anzusprechen. Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende von Gasprom und jetzige Präsident Dmitrij Medwedjew konnte an der Veranstaltung dem Gedanken nichts positives abgewinnen.

Das Verhältnis zu Wladimir Putin soll sich abgekühlt haben. Gref war in der zweiten Amtszeit von Putin ein einsamer Rufer gegen den Staatskapitalismus des Kremls. In Putins erster Amtszeit hingegen kam Gref eine wichtige Funktion als Architekt zahlreicher Wirtschaftsreformen zu.

Als Direktor einer von Putin geschaffenen Denkfabrik arbeitete er im Jahr 2000 ein langfristig orientiertes, liberales Wirtschaftsprogramm aus. Im selben Jahr wurde er auch zum Wirtschaftsminister ernannt. Putin und Gref hatten sich in den frühen 1990er Jahren an der juristischen Fakultät der Universität in St. Petersburg, das damals noch Leningrad hieß, kennen- und offenbar Schätzen gelernt. Unter dem legendären Petersburger Bürgermeister Anatolij Sobtschak, der auch Grefs Doktorvater war, begann der Jurist wie Putin eine Verwaltungskarriere in St. Petersburg. Die Abberufung von Gref als Wirtschaftsminister im Jahr 2007 kann als atmosphärische Störung im Verhältnis zwischen Putin und Gref verstanden werden.

Hamlet der russischen Regierung?

Es wurde jedoch auch von einer Amtsmüdigkeit von Gref gesprochen. Ob er tatsächlich als eine Art Hamlet der russischen Regierung die eigene Sinnhaftigkeit seines Tuns angesichts einer steigenden Bedeutungslosigkeit in Frage stellte, ist unklar. Üblicherweise wird bei Personalrochaden in der russischen Elite aber wenig auf persönliche Befindlichkeiten Rücksicht genommen.

Erstaunlicherweise haben die Bestrebungen eines so genannten Oligarchens und einer vom Kreml gesteuerten Bank, eine deutsche Traditionsmarke zu übernehmen, zu keinem Aufschrei in der deutschen Öffentlichkeit geführt: Eher im Gegenteil, das russisch-kanadische Angebot war gefühlsmäßig der italienischen Offerte vorgezogen worden. Diese Sympathie lässt sich nicht auf Gref zurückführen, weil dieser bisher im Ringen um Opel öffentlich nicht in Erscheinung getreten war.

Kein russischer Apparatschik

Für eine gute Chemie könnte aber gesorgt sein, weil Gref nicht dem Klischee eines russischen Apparatschiks entspricht. Zudem spricht German Oskarowitsch Gref, dessen Vorfahren unter Peter dem Grossen von Deutschland nach Russland gekommen waren, Deutsch. Investoren sind des Lobes voll: Ein Vertreter ausländischer Unternehmen in Moskau sagte, dass Gref als Wirtschaftsminister um- und zugänglich gewesen sei.

Falls die Übernahme der europäischen GM-Tochter durch das Magna-Konsortium wirklich zustande kommt, sind dies Eigenschaften, die ihm nur nützen können.

Anhand des Hickhacks rundum die Zukunft von Opel lässt sich nur vermuten, dass Gref nicht nur Elefanten das Tanzen beibringen, sondern dass er als Dompteur eines ganzen Zoos auftreten muss.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
Kapitalanalge
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement