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Russlands Awtowas : Renault greift nach der Macht beim Lada-Hersteller

  • -Aktualisiert am

Der Lada Granta soll im Dreierverbund Awtowas, Renault und Nissan gebaut werden Bild: dapd

Der französische Autobauer Renault und sein japanischer Partner Nissan wollen die Verhandlungen über eine Mehrheitsübernahme des Lada-Herstellers Awtowas bis zum Jahresende abschließen. Angestrebt wird ein Marktanteil von 40 Prozent.

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          Der Autohersteller Renault-Nissan übernimmt die Kontrolle beim russischen Hersteller Awtowas. Gemeinsam mit ihrem japanischen Partner streben die Franzosen an, ihren Anteil am Hersteller der wichtigsten russischen Automarke Lada von derzeit 25 Prozent auf knapp mehr als 50 Prozent aufzustocken. Das bekräftigte Renault-Russlandchef Bruno Ancelin im Gespräch mit Journalisten in Moskau. „Ich weiß nicht genau, wie lange die Verhandlungen mit der russischen Regierung noch dauern werden. Aber wir streben einen Abschluss bis zum Ende des Jahres an“, sagte Ancelin. Dazu sei es wichtig, zunächst Vertrauen aufzubauen, um keine Abwehrhaltung der russischen Bevölkerung zu provozieren. „Wir werden die Menschen in den verschiedenen Unternehmenskulturen ebenso respektieren wie die verschiedenen Automarken“, versicherte Ancelin, der vermutlich der künftige Chef einer großen Allianz aus Renault, Nissan und Awtowas in Russland wäre.

          Die drei Konzerne sollen behutsam zusammenwachsen und Größenvorteile in Entwicklung, Einkauf und Produktion nutzen. Eine Sperrminorität bliebe voraussichtlich beim russischen Staat, auch eine Überkreuzbeteiligung der Russen an Renault wäre denkbar. „Wir wollen in jedem Fall, dass Lada eine russische Marke bleibt“, sagte Ancelin. Zusammen streben die drei Hersteller einen von 35 auf 40 Prozent erhöhten Marktanteil auf dem schnell wachsenden russischen Automarkt an, der bald der größte Europas sein dürfte - noch vor Deutschland.

          Bisher gehört die Mehrheit an Awtowas noch dem russischen Staat. Knapp 37 Prozent der Anteile hält die staatliche Industrieholding Rostechnologii, weitere 20 Prozent liegen bei der staatlichen Investmentbank Troika Dialog. In der Wirtschaftskrise hatte Renault vor zweieinhalb Jahren die 25 Prozent an Awtowas übernommen. Die Franzosen zahlten damals 1 Milliarde Dollar und gaben zusätzlich die Zusage umfassender technischer Unterstützung. Neben Renault und dem russischen Staat halten zudem zahlreiche kleinere Aktionäre die übrigen 18 Prozent der Anteile. „Wie viel von den zusätzlichen 25 Prozent der Awtowas-Anteile Renault übernehmen wird und wie viel Nissan, ist noch offen“, sagte Ancelin.

          Renault verfolgt mit der Übernahme der Kontrolle bei Awtowas große Pläne auf dem russischen Markt. Die Renault-Fabrik in Moskau kommt zusammen mit den Werken von Nissan in Sankt Petersburg und von Awtowas in Togliatti schon jetzt auf eine Produktionskapazität von 1,1 Millionen Autos, die spätestens bis 2016 auf 1,6 Millionen Einheiten ausgebaut werden soll. Das entspräche dann einem Anteil am russischen Automarkt von 40 Prozent und etwas mehr als der Hälfte der inländischen Produktion. Russland wäre künftig der wichtigste Markt für die Dreier-Allianz; bisher verkaufte Renault noch die meisten Autos in Frankreich, Deutschland und Brasilien.

          Mit der Übernahme kommt Renault-Chef Carlos Ghosn auch seinem Ziel näher, mit dann 7 Millionen verkauften Autos im Jahr zu einem der fünf größten Autohersteller der Welt aufzusteigen. Im Gegenzug erhält der russische Premierminister Wladimir Putin die von ihm erwünschte Modernisierung der russischen Autoindustrie. Schon Ende 2009 handelte Putin bei einem Staatsbesuch in Paris aus, dass die Franzosen Expertise in Gestalt eines Grundgerüsts für ein Auto nach Russland bringen - den Bausatz des rumänischen Billigautos Logan. „Beide Seiten können voneinander lernen. Wir können uns auch bei Awtowas abgucken, wie man billige Autos baut“, sagte Renault-Russlandchef Ancelin.

          Tatsächlich wird die Dreierallianz in der Fabrik von Awtowas bald fünf neue Varianten des Billigautos Logan der rumänischen Renault-Marke Dacia für den russischen Markt produzieren. Den Anfang macht Nissan. Awtowas soll Nissans erstes auf dem Logan basierendes Auto vom kommenden Jahr an herstellen. Außerdem ist geplant, dass die Fabrik der Russen in Togliatti auch Getriebe und Motoren für die beiden westeuropäischen Partner baut und liefert. Bisher kommen diese Getriebe und Motoren aus Spanien und Rumänien. Renault-Russlandchef Ancelin will aber den Anteil der in Russland lokal hergestellten Autoteile im kommenden Jahr von derzeit zwei Drittel auf dann drei Viertel steigern. So vermeidet er höhere Steuern und Schwierigkeiten mit schwankenden Wechselkursen. Zudem umgeht er den Einfuhrzoll für importierte Autos in Russland, der bei 30 bis 45 Prozent des Preises liegt.

          Der russische Markt, der im laufenden Jahr voraussichtlich um 40 Prozent auf 2,7 Millionen Einheiten zulegen wird, bietet den drei Konzernen auch weiterhin Chancen für Wachstum. Denn der Fahrzeugbestand, der bei einer Bevölkerung von mehr als 140 Millionen Menschen nur 34 Millionen Autos umfasst, ist zur Hälfte älter als zehn Jahre und im Durchschnitt 13 Jahre alt. Alle ausländischen Marken kommen zusammen nur auf einen Marktanteil von 40 Prozent - etwa genauso viel, wie Lada hat. Allerdings haben die ausländischen Autokonzerne im vergangenen Jahr erstmals etwas mehr Autos in Russland produziert als die drei einheimischen Hersteller Awtowas, GAZ und Sollers. Dabei steht allein Awtowas mit seiner riesigen, im Jahr 1966 errichteten Fabrik in Togliatti, einige hundert Kilometer südlich von Moskau, für 45 Prozent der gesamten Autoproduktion in Russland.

          Renault kommt unter den Auslandsmarken erst auf Rang zehn, der Marktanteil der Franzosen hat sich jedoch seit 2005 auf 6 Prozent verdreifacht. Von 100 Russen haben bisher nur 25 ein Auto - in Deutschland und Frankreich sind es etwa doppelt so viele Bürger. Renault setzt deshalb zusammen mit Lada auf extrem billige Autos. So kostet das am meisten verkaufte Lada-Modell Classics nach Abzug der staatlichen Kaufprämie von umgerechnet 1200 Euro nur 2800 Euro.

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