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Nach der Katastrophe : Japans Autoindustrie bereitet Notfallpläne vor

In Minamisanriku versuchen Arbeiter, die Stromversorgung wieder herzustellen Bild: dapd

Ein Rotationssystem soll die Auswirkungen von drohenden Stromausfällen in Japans Industrie mindern. Doch die Jahresproduktion wird durch die Schäden der Umweltkatastrophe voraussichtlich um 385.000 Fahrzeuge sinken.

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          Die japanischen Automobilhersteller bereiten sich auf drohende Stromsperren vor: Sie erwägen, ihre Produktion von Automobilen in einem rotierenden System abwechselnd herunterzufahren. Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo am Wochenende berichtete, wollen sich die Unternehmen schon bald, möglicherweise in dieser Woche, in Gesprächen mit dem Verband der Japanischen Automobilunternehmen in Tokio auf einen Rotationszeitplan einigen. Nur so ließen sich schädliche „Blackouts“ durch Stromabschaltungen vermeiden, hieß es. Ein Stromausfall für etwa drei Stunden hätte für die Autoproduktion weitaus dramatischere Folgen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Er würde zum Beispiel eine Karosseriefertigung für insgesamt neun Stunden lahmlegen. Andere Branchen dächten darüber nach, dem Vorbild der Autoindustrie zu folgen, berichtete Kyodo weiter.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die acht großen japanischen Automobilunternehmen haben ihre Produktion seit dem verheerenden Erdbeben vor knapp zwei Wochen nur teilweise wieder aufnehmen können: Sie rechnen nach Angaben vom Wochenende damit, dass wegen des Bebens und seiner Folgen mehr als 385 000 Fahrzeuge nicht produziert werden können. Das entspricht rund 5 Prozent der Jahresproduktion. Wenn die Bänder nicht zu den bisher geplanten Zeitpunkten Mitte dieser Woche wieder anlaufen könnten, seien höhere Ausfälle nicht ausgeschlossen.

          Stromausfälle und Zulieferprobleme

          Branchenführer Toyota rechnet nach neuesten Zahlen mit einem Produktionsausfall von etwa 140 000 Autos. Honda muss die Produktion in zwei seiner heimischen Fabriken bis zum 3. April ruhen lassen und erwartet einen Produktionsausfall von 46 600 Autos. Nissan rechnet mit 42 000 Autos weniger als geplant, Mazda mit 31 000. Zu schaffen machen den Unternehmen dabei nicht nur Schäden an den eigenen Produktionsstätten und die Engpässe in der Stromversorgung. Probleme bereitet zunehmend auch, dass wichtige Zulieferungen ausbleiben, weil die Hersteller in den vom Erdbeben besonders stark verwüsteten Regionen des Nordosten Japans ansässig sind und ihre Produktion nur sehr schleppend wieder hochfahren können.

          Das betrifft nicht nur japanische Autohersteller. So werden zum Beispiel einige Spezialfarben auf der ganzen Welt knapp, weil ein Werk des Darmstädter Pharma- und Chemieunternehmens Merck in Japan geschlossen worden ist. Die Anlage, die rund 45 Kilometer von Fukushima entfernt liege, sei nach dem Erdbeben evakuiert worden, sagte ein Unternehmenssprecher am Samstag. Der amerikanische Autokonzern Ford hat bekanntgegeben, dass er wegen Engpässen in der Lieferung von Pigmenten die Bänder in seinem belgischen Werk anhalten wird. In Genk werde die Arbeit vom 4. April an für fünf Tage ruhen, kündigte ein Unternehmenssprecher am Wochenende an. Dies sei allerdings eine Vorsichtsmaßnahme, Lieferprobleme gebe es derzeit noch nicht. Der zweitgrößte Autobauer der Vereinigten Staaten nimmt bereits für Wagen in bestimmten Farben keine Bestellungen mehr entgegen.

          Schwächer werdende Nachfrage

          Renesas Electronics, der weltgrößte Hersteller von Halbleitertechnik für die Automobilindustrie, kündigte am Wochenende in Tokio an, die Produktion in seiner Fabrik in Ibaraki, der Provinz südlich von Fukushima, im Juli wieder aufnehmen zu können. Bis dahin sollen Computerchips verstärkt in den Produktionsstätten im Süden Japans und im Ausland hergestellt werden, hieß es.

          Schon im Februar hatten Japans Autounternehmen wegen der schwächer werdenden Nachfrage von einem Rückgang der Produktion berichtet. Toyota teilte mit, dass seine Produktion in Japan im Februar im Vergleich zum Vorjahr um 8,5 Prozent auf 283 556 Autos zurückgegangen sei. Im Januar verzeichnete Toyota einen Rückgang von 13 Prozent. Bei den japanischen Wettbewerbern sieht das Bild ähnlich aus. Nissan, die Nummer zwei in Japan, meldete einen Rückgang von 5,9 Prozent, Honda, der drittgrößte Autobauer Japans, ein Minus von 15,6 Prozent.

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