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Nach dem Beben : Japanische Autoproduktion mit halber Kraft

Selbst wenn die Anlagen wieder laufen, wird die Produktion nur bei 50 Prozent liegen Bild: dapd

Wichtige Zulieferer aus dem vom Erdbeben zerstörten Nordosten des Landes können noch keine Teile liefern. Toyota will Ende April wieder voll produzieren. Auch in Nordamerika stoppt die Produktion.

          3 Min.

          Japans Automobilindustrie steckt in diesen Tagen in einem Wechselbad der Gefühle. Auf der einen Seite berichteten mehrere Automobilunternehmen am Wochenende in Tokio, dass sie in der kommenden Woche ihre durch das Erdbeben am 11. März weitgehend beschädigten Produktionsanlagen wieder hergestellt haben werden. Andererseits wird die Produktion weiter bei 50 Prozent des Vor-Katastrophen-Niveaus verharren, weil wichtige Zulieferer aus dem vom Beben und dem folgenden Tsunami besonders stark verwüsteten Nordosten Japans noch immer nicht wieder liefern können.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Das weltgrößte Automobilunternehmen Toyota teilte mit, dass alle seine Werke in der Zeit vom 10. bis zum 27. April nach und nach wieder produzieren würden. Wegen der Probleme bei der Energieversorgung durch den Ausfall der sechs Atomreaktoren in Fukushima und der Schäden in anderen Kraftwerken und wegen der Probleme mit der Lieferung wichtiger Teile durch Zulieferer, deren Fabriken noch immer nicht uneingeschränkt produzieren können, werde die Produktion lediglich bei 50 Prozent des gewohnten Niveaus liegen. Ähnliche Zahlen berichtete Honda-Chef Takanobu Ito am Wochenende. Er rechnet damit, dass die Fabriken erst in zwei bis drei Monaten wieder auf dem Niveau produzieren können, das sie vor dem 11. März hatte.

          Es fehlt an Teilen

          Vom Beben und dem Tsunami am 11. März sind viele Zulieferer von Toyota und anderen Autoherstellern im Nordosten Japans betroffen. Die Autokonzerne haben zudem wegen kaputter Straßen und Schienen mit Logistikproblemen und mit einer teilweise unterbrochenen Stromversorgung zu kämpfen. In einem Auto werden heute zwischen 20 000 und 30 000 verschiedene Teile verarbeitet. „Jede kleine Unterbrechung kann da schon Auswirkungen haben“, schreibt das Blatt. Etwa 500 Teile, die von rund 200 Zulieferern kommen, seien bei Toyota derzeit knapp. Die japanischen Autounternehmen sind für ihre „Just in time“-Produktion, die auf Vorratshaltung verzichtet, in der Vergangenheit zwar immer als besonders vorbildlich gefeiert worden. Jetzt, in der Krise, entpuppe sich das jedoch als großes Problem.

          Produktionsfähig sollen auch die Fabriken Toyotas auch in den besonders verwüsteten Präfekturen Iwate und Miyagi am 18. April sein. In der sogenannten „goldenen Woche“, die am 28. April beginnt und in der in Japan in der Regel eine Woche lang das öffentliche und das Wirtschaftsleben ruht, soll dann auch in den Fabriken wieder Ruhe herrschen. Auch Nissan kündigte an, bis Mitte April alle Fabriken wieder produktionsfähig zu haben. An diesem Montag soll die Fabrik in Kanagawa wieder Autos bauen. Die Fabrik in Fukushima, die durch das Beben stark beschädigt worden ist, soll vom 18. April an wieder produzieren. Auch bei Nissan wird die Produktion nach einer Mitteilung des Unternehmens wegen fehlender Zulieferteile vorerst nur 50 Prozent des Niveaus erreichen, die vor dem 11. März normal waren.

          Produktionsstopp auch in Nordamerika

          Die Probleme der japanischen Zulieferer aus den zerstörten Regionen des Landes, wichtige Teile für die Produktion zu liefern, lassen derweil auch in immer mehr amerikanischen Autowerken die Bänder stillstehen: Am Freitag kündigte der japanische Autohersteller Toyota an, wegen Knappheit von Bauteilen in allen 13 nordamerikanischen Werken die Produktion vom 15. April an für mehrere Tage auszusetzen. Zunächst plant das Unternehmen in zwölf dieser Werke einen Produktionsstopp von fünf Tagen, ein Werk in Kentucky soll an vier Tagen ruhen. Die 25000 amerikanischen Mitarbeiter von Toyota können an diesen Tagen nach Angaben des Unternehmens trotzdem für Schulungen an ihren Arbeitsplatz kommen oder unbezahlten Urlaub nehmen. Über etwaige weitere Veränderungen im Produktionsplan werde zu einem späteren Zeitpunkt entschieden. Zu den Unterbrechungen kommt es, obwohl Toyota in seinen amerikanischen Werken nur einen recht kleinen Prozentsatz seiner Bauteile aus Japan bezieht. Rund 85 Prozent der Teile kommen nach Angaben des Unternehmens aus Nordamerika.

          Neben Toyota haben auch viele andere Hersteller für ihre amerikanischen Werke die Produktion in begrenztem Umfang gedrosselt. Nissan hat seine Produktionsstätten in Tennessee und Mississippi am Freitag ruhen lassen, am Montag und drei weiteren Tagen im April sollen hier ebenfalls keine Autos hergestellt werden. Honda hat die täglichen Produktionsmengen an seinen amerikanischen Standorten bis zum 22. April reduziert und erwartet auch danach weitere Beeinträchtigungen. Der amerikanische Hersteller Ford hat in der vergangenen Woche die Produktion in einem Werk in Kentucky stillstehen lassen. Am Montag soll der Betrieb hier aber wieder aufgenommen werden. General Motors (GM) hat am Freitag in einem texanischen Werk Schichten gestrichen. Auch hier soll aber am Montag wieder normaler Betrieb herrschen.

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