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Kampf um Opel : Retter in Erklärungsnot

Roland Berger Bild: dpa

Roland Berger will Opel retten. Das sei sein „innigster Wunsch“. Doch während seine Gesellschaft von GM den Auftrag erhalten hat, einen Käufer für Opel zu finden, sitzt Berger selbst im Führungsgremium von Fiat - eine Gratwanderung.

          Roland Berger will Opel retten. Das, sagt ein langjähriger Weggefährte, sei der "innigste Wunsch" des heute 71 Jahre alten Unternehmensberaters. Roland Berger soll auch Opel retten und hat dafür den Auftrag von General Motors in Europa erhalten. Gemeint ist die von Roland Berger gegründete Unternehmensberatung, nicht der Berater selbst. Denn der sitzt beim Opel-Konkurrenten Fiat im Board of Directors, einem fünfzehnköpfigen Führungsgremium des italienischen Konzerns.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          In diesen Tagen, in denen Fiat an Opel interessiert ist, ist einer wie Berger natürlich gefragt, erst recht, wenn er fließend Italienisch spricht und im politischen Berlin so gut vernetzt ist wie der „Vater aller Berater“. Fiat-Chef Sergio Marchionne kann sich jedenfalls auf das Netzwerk von Berger verlassen.

          Zur selben Zeit für zwei Konkurrenten tätig

          Doch bei General Motors in Detroit kamen die Fernsehbilder nicht sonderlich gut an, die zeigten, wie Roland Berger gemeinsam mit Sergio Marchionne aus dem Maserati Quattroporte ausstieg, um mit Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg über die Opel-Rettung zu sprechen. Wie kann jemand zur selben Zeit für zwei Wettbewerber arbeiten, noch dazu, wenn der eine den anderen kaufen will?

          „Das hat ein Geschmäckle“, sagt ein Berger-Konkurrent, „auch wenn sich Roland Berger seit fünf Jahren aus dem operativen Geschäft seiner Unternehmensberatung heraushält.“ In München beeilt man sich, die Wogen zu glätten: Sein Fiat-Aufsichtsratsmandat lasse Herr Berger selbstverständlich ruhen, heißt es in der Unternehmensberatung, ohnedies seien Vertraulichkeitserklärungen abgegeben worden.

          „Zu gut“ vernetzt

          Vielleicht stimmt es, dass Berger in die ganze Sache „hineingeschlittert“ ist, wie manche jetzt vermuten, dass sein Netzwerk einfach „zu gut“ funktioniert hat: Berger kennt sie ja alle, und zwar parteiübergreifend. Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gehört ebenso zu den Berger-Freunden wie der einstige CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber. Im Fall Opel soll Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) den Berater als „Mediator“ empfohlen haben.

          Berger selbst wollte sich absichern, wollte wissen, wie Opel saniert werden kann, und soll deshalb ein Beraterteam zur Europazentrale von General Motors nach Zürich geschickt haben - dummerweise bastelte da schon ein anderes Beraterteam für Fiat in Turin ebenfalls an einer Strategie für Opel, wird kolportiert.

          In anderen Unternehmensberatungen stößt Bergers Tanz auf allen Hochzeiten auf ein geteiltes Echo. Die einen finden an seinem Engagement nichts Verwerfliches. „Einem Berater vorzuwerfen, dass er nach allen Seiten gut vernetzt ist und das auch ausnutzt, ist grober Unfug“, ist etwa aus einer großen deutschen Beratungsgesellschaft zu hören. Ein Imageproblem für die Beraterzunft? Keineswegs! Andere sehen die Gefahr, dass es Berger in diesem Fall nicht so sehr um die beste Lösung für Opel geht, sondern vor allem um die beste Lösung für sich selbst. „Seine Eitelkeit wird im Moment befriedigt bis zum Anschlag“, sagt einer, der Berger seit vielen Jahren kennt. „Was gerade passiert, ist für ihn ein Traum.“

          Immer wieder Berger

          Das Spiel, das Berger spielt, ist riskant, nicht erst seit dem Fall Opel. Der Mann mit dem Dauerlächeln beschränkte sich noch nie darauf, nur Unternehmensberater zu sein. Immer wieder versuchte er sich als Wirtschaftspolitiker, und immer wieder stand er deshalb in der Kritik. Beispiel Holzmann: 1999 setzte er sich für die Zukunft des angeschlagenen Baukonzerns Philipp Holzmann ein, arbeitete ein Sanierungskonzept aus. Vergeblich, wie sich einige Jahre später herausstellen sollte, für Holzmann gab es keine Rettung.

          Auch im Fall Bundesagentur für Arbeit musste sich Berger rechtfertigen, warum zuerst ein Berger-Partner Mitglied der Hartz-Kommission war und die Beratung später dann umfangreiche Aufträge von der Arbeitsagentur erhielt. Die Situation eskalierte in einer Talkshow von Sabine Christiansen, als der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff Berger vorwarf, ein Gutachten seiner Beratungsgesellschaft sei nicht mehr wert als Anträge der Grünen im Landtag. „Dieser Schock saß tief“, sagt ein Vertrauter. „Das hat der Firma sehr geschadet, und das weiß Berger auch.“ Vor allem hat es Mandate gekostet, monatelang machten potentielle Kunden einen großen Bogen um Roland Berger.

          Es steht viel auf dem Spiel

          Entsprechend viel steht auch jetzt für Berger auf dem Spiel. Sein Einsatz im Fall Opel ist eine Gratwanderung, mit seinem Namen soll auf keinen Fall ein zweiter Fall Holzmann, auf keinen Fall ein zweiter Fall Arbeitsagentur verbunden werden. Diesmal soll es besser laufen. „Für Berger geht es um die Krönung seines Lebenswerkes“, heißt es.

          Roland Berger steht in Deutschland für Unternehmensberatung wie kein anderer. 1967, fünf Jahre nach seinem Studienabschluss, gründete der gebürtige Berliner die Beratungsgesellschaft als Ein-Mann-Büro in München. Bis heute trägt sie seinen Namen. Sie zählt neben McKinsey und der Boston Consulting Group zu den wichtigsten des Landes - und ist die einzige Unternehmensberatung deutschen Ursprungs, die auch international eine bedeutende Rolle spielt. Bergers Gesellenstück: die Empfehlung, mehrere Reiseveranstalter unter dem Dach der Tui zu fusionieren.

          Viele Jahre ist das her, längst hat Burkhard Schwenker die Führung übernommen, Berger selbst fungiert als Aufsichtsratsvorsitzender. Zurückgezogen hat er sich aber zu keiner Zeit. Während es um Bergers alten Rivalen, den ehemaligen McKinsey-Chef Herbert Henzler, längst still geworden ist, genießt es Berger, weiter im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Was, wenn er, wenn die Rettung von Opel scheitert? „Er hofft wahrscheinlich, dass es dann nicht auf ihn zurückfällt. Dass es dann heißt, Opel sei eben nicht zu retten gewesen“, vermutet man in der Branche. Dass sich Berger zurückzieht, wenn das Projekt Opel abgeschlossen ist, glaubt kaum einer. „Zur Ruhe kommt er erst, wenn er tot umfällt.“

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