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Ferrostaal-Streit : MAN und arabische Ipic mit freundlicheren Tönen

MAN-Chef Georg Pachta-Reyhofen Bild: AFP

Eine Lösung für den korruptionsgeschädigten Dienstleister Ferrostaal? MAN und der arabische Investor Ipic werden wohl wieder darüber sprechen. Sie könnten sich schneller als erwartet einigen.

          Die zerstrittenen Parteien MAN und der arabische Investor International Petroleum Investment Co. (Ipic) gehen in Sachen Ferrostaal aufeinander zu. Vermutlich werden sogar schon bald wieder intensive Gespräche zwischen beiden Seiten aufgenommen, um sich über die Zukunft des von einer Korruptionsaffäre betroffenen Essener Industriedienstleisters Ferrostaal zu einigen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          „Ipic begrüßt Dr.-Ing. Pachta-Reyhofen's Aussagen und bestätigt, dass wir weiterhin offen für eine Fortführung der Gespräche mit MAN in der Angelegenheit Ferrostaal sind“, ließ sich Khadem Al Qubaisi, Managing Director von Ipic, am Montag in einer Presseerklärung zitieren. Er reagierte auf ein Interview des MAN-Vorstandssprecher Georg Pachta-Reyhofen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am Wochenende (siehe „Wir sind mehr wert, als VW für uns bietet“). „Wir scheuen uns nicht vor der Verantwortung für die Vergangenheit - ganz sicher werden wir aber nicht die Risiken der Zukunft übernehmen“, sagte Pachta und fügte hinzu: „An dieser Schnittstelle arbeiten wir.“ Er sprach davon, dass Ipic wieder Verhandlungsbereitschaft zeige und beider Seiten wieder „konstruktive Gespräche“ führen werden würden. „Je schneller, desto besser“, sagte der MAN-Chef.

          Al Qubaisi gab zu verstehen, dass es in einer bislang strittigen Frage gar nicht einmal mehr einen großen Dissens zu geben scheint, nämlich ob MAN in der Zukunft liegende Risiken übernehmen soll. „IPIC`s Ziel ist eine vollständige Kompensation für die finanziellen Auswirkungen von Ferrostaal's belasteter Vergangenheit“, sagte der Ipic-Chef. „Wir haben niemals eine Absicherung für allgemeine Geschäftsrisiken in der Zukunft gefordert.“

          Wichtige Geste von Ipic

          Die Ausführungen sind deshalb von Bedeutung, weil sich Ipic-Chef Al Qubaisi erstmals direkt zitieren lässt, was als eine wichtige Geste verstanden werden muss. Ende April hatte sich die staatliche Investmentgesellschaft, nicht aber der Manager Al Qubaisi, ein erstes Mal zum Streit geäußert. „Selbstverständlich würde eine Einigung zugleich eine Einstellung der Schiedsklage auf Rückabwicklung bedeuten, was als solches schon ein erhebliches Zugeständnis wäre“, sagte er nun dezidiert. Absicht sei es, so schnell wie möglich eine nachhaltige Lösung in dieser Angelegenheit zu finden.

          Damit zeichnet sich eine außergerichtliche Einigung außerhalb des Schiedsverfahrens ab. Dies ist eine von drei Optionen: Das Abwarten eines Urteils, das noch lange auf sich warten lassen kann und den Schwebezustand von Ferrostaal nur noch verlängern würde, ist nun eher unwahrscheinlich geworden. Denkbar ist dann auch ein Vergleich im rahmen des Schiedsverfahren. Mit Blick auf den nun von beiden Seiten geäußerten Wunsch einer schnellen Lösung ist auch die Chance dieser Variante als eher gering einzustufen.

          „Gemeinsam eine Lösung finden“

          „Wir haben in der Vergangenheit mit Bedauern feststellen müssen, dass MAN sich diesem Ziel nicht in gleicher Weise verpflichtet fühlte“, sagte Al Qubaisi. „Wir sehen die Aussagen allerdings als eine eindeutige Bestätigung dafür, dass MAN nun dazu bereit ist, gemeinsam mit uns eine Lösung zu finden.“

          Der Streit war im Sommer 2010 ausgebrochen und Anfang März wegen ständiger Nachforderungen seitens der Araber eskaliert. Im Herbst vergangenen Jahres reichte Ipic eine Schiedsklage ein, um den Verkauf von Ferrostaal durch MAN an den Investor aus Abu Dhabi rückgängig zu machen. Anfang 2009 übernahm er 70 Prozent an dem Essener Industriedienstleister. MAN behielt 30 Prozent, die Anfang vergangenen Jahres Ipic vertragsgemäß angedient wurden, die Araber die Annahme jedoch ablehnten. Denn nur wenige Monate nach der Transaktion kam im Sommer 2009 die Schmiergeldaffäre bei Ferrostaal hoch.

          Ipic hat umfangreiche Forderungen an MAN gestellt, die immer größere Ausmaße annahmen und nach Meinung von Beobachtungen einen hohen dreistelligen Millionenbetrag erreichen könnten. Neben den Kosten für die Aufklärung des Korruptionsskandals (rund 80 Millionen Euro) handelt es sich insbesondere um drohende Strafen, deren Forderung die Münchener Staatsanwaltschaft als ermittelnde Behörde jüngst von 196 auf 277 Millionen Euro erhöht hat. Zudem müsste der Dax-Konzern den Wert von 134 Millionen Euro für die an Ipic abzugebenden 30 Prozent Ferrostaal-Anteil abschreiben.

          Hohe Steuernachforderungen

          Erst recht zur Eskalation kam es indes, als die Ferrostaal-Geschäftsführung nicht nur eine Rückzahlung von 103 Millionen Euro forderte, die zu Zeiten der MAN-Zugehörigkeit im Rahmen des sogenannten „Cash Pooling“ in die Kassen des Konzerns geflossen waren. Unabsehbar wurden auf einmal mögliche Steuernachforderungen aufgrund der Tatsache, dass das Essener Unternehmen rückwirkend für zehn Jahre die Jahresabschlüsse wieder geöffnet hat. Daraus könnten nämlich in der Zukunft Forderungen der Finanzbehörden in einem hohen dreistelligen Millionenbetrag anfallen. Deren Übernahme lehnt MAN strikt ab. Schwer einzukalkulieren sind außerdem mögliche Strafverfolgungen im Ausland, die auf Ferrostaal zukommen könnten.

          Vor dem Hintergrund würde eine Rückabwicklung des Verkaufs, die der Konzern im März nicht mehr ausschließen wollte, womöglich sogar günstiger kommen. MAN müsste den Kaufpreis von rund 490 Millionen Euro für 70 Prozent der Ferrostaal-Anteile an Ipic zurückzahlen. Hinzu kämen allerdings noch Zinsen.

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