https://www.faz.net/-gqe-12hz6

Die Nacht der bösen Überraschungen : Um 4.35 Uhr vor dem Kanzleramt

  • Aktualisiert am

Es wird dunkel, es wird hell vor dem Kanzleramt: Aber ein Ergebnis in Sachen Opel gibt es leider immer noch nicht Bild: REUTERS

Peer Steinbrück hätte nach dem nächtlichen Opel-Marathon gerne noch etwas Schlaf gehabt, und selbst Karl-Theodor zu Guttenberg wirkte ermattet. „Wir haben eine bemerkenswerte Nacht hinter uns“, resümierte er, während der Morgen graute.

          3 Min.

          Als die Unterhändler um 4.35 Uhr vor das Kanzleramt treten, sind im Morgengrauen tiefe Schatten um ihre Augenwinkel zu erkennen. Finanzminister Peer Steinbrück murmelt etwas von zwei Stunden Schlaf, die er jetzt gerne noch hätte. Und selbst der jungenhafte Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wirkt leicht ermattet. „Wir haben eine bemerkenswerte Nacht hinter uns“, sagt der CSU-Politiker mit feinem Understatement.

          Acht Stunden haben die Minister mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit vier Ministerpräsidenten, mit Vertretern des amerikanischen Finanzministeriums, des amerikanischen Autokonzerns General Motors und mit möglichen Investoren über die Rettung des schwer angeschlagenen deutschen Autobauers Opel verhandelt. Ziel war es, das Unternehmen zumindest befristet finanziell so abzusichern, dass Zeit für eine langfristige Lösung gewonnen würde. Doch am Ende kommen Guttenberg, Steinbrück und der hessische Ministerpräsident Roland Koch mit fast leeren Händen.

          Die Rettung liegt auf Eis - und die Amerikaner sind schuld

          Der von der Regierung in Aussicht gestellte Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro kann doch noch nicht zugesagt werden, lautete die überraschende Botschaft. Damit fehlt die Grundlage für das sogenannte Treuhandmodell - die befristete Übernahme von Opel durch einen Treuhänder -, das wiederum als Vorbereitung für die Übernahme durch einen Investor gilt. Kurzum, die Rettung liegt auf Eis, und die deutschen Politiker lassen keinen Zweifel, bei wem sie die Schuld sehen: beim Opel-Mutterkonzern General Motors und beim amerikanischen Finanzministerium.

          Sichtlich übernächtigt: Hessens Ministerpräsident Koch, Wirtschaftsminister zu Guttenberg, Finanzminister Steinbrück (v.l.)

          GM hat nach Angaben von Steinbrück völlig überraschend einen zusätzlichen Finanzbedarf von 300 Millionen Euro angemeldet - über die anvisierten 1,5 Milliarden Euro hinaus. Die will der Bund keinesfalls auch noch übernehmen, wie die drei deutschen Unterhändler klar machen. Und dann fehlen auch für den ursprünglich in Aussicht gestellten Kredit aus deutscher Sicht die Sicherheiten durch die amerikanischen Regierung. Die Gefahr, dass das Geld der Steuerzahler versickert oder in die Vereinigten Staaten abfließt, ist Steinbrück zu groß. Oder, wie Guttenberg es ausdrückt: „Wir müssen bei einer Brücke auch das andere Ufer sehen.“

          Zeit für Zigaretten, Rotwein und Brötchen

          Immer wieder hat es im Laufe der Nacht offensichtlichen Leerlauf gegeben. Sergio Marchionne, Chef des sehr an Opel interessierten italienischen Autobauers Fiat, tritt immer wieder zum Rauchen vor das Portal des Kanzleramts. Steinbrück und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier rauchen derweil im Sitzungssaal um die Wette, wie Augenzeugen berichten. Gereicht werden Rotwein und Brötchen, nur Guttenberg hält sich mit Cola über Wasser.

          Erst in den letzten zwei Stunden der endlos langen Nachtsitzung habe sich der Vertreter des amerikanischen Finanzministeriums bewegt, berichtet Koch später. Er spricht von einer „nicht gerade sehr hilfreichen Verhandlungsweise der amerikanischen Seite“. Auch Guttenberg lässt ziemlich deutlich Kritik durchklingen. Das Treasury Department hätte „noch etwas mehr Mühe auf die Auswahl ihrer Vertreter“ verwenden können, findet der CSU-Politiker. Immerhin habe man dann über Videokonferenz auch direkt mit Washington in Verbindung gestanden. „Allerdings ist hier in unseren Augen durchaus Verbesserungsmöglichkeit gegeben“, sagte Guttenberg.

          Freitag: Droht schon wieder ein Verhandlungsmarathon?

          Schon am morgigen Freitag könnte es dafür die nächste Chance geben - es droht die Neuauflage des Verhandlungsmarathons. Die beiden verbliebenen Investoren - das amerikanische Unternehmen Ripplewood wurde nach Steinbrücks Worten im Lauf der Nacht mangels Erfolgschancen „abgewählt“ - sollen zusammen mit der amerikanischen Regierung und General Motors in etwas mehr als 24 Stunden ein tragfähiges Konzept ausarbeiten.

          Obwohl dies nach dem nun monatelangen Vorlauf fast verwegen klingt, geben sich vor allem Steinbrück und Koch durchaus optimistisch. Der hessische Ministerpräsident verweist auf die konstruktive Mitarbeit der Interessenten, die das endlose Prozedere scheinbar klaglos ertragen. „Die Bieter sind sehr daran interessiert, eine solche Vereinbarung abzuschließen“, sagt Koch.

          Steinbrück und die Suche nach einem Satzende

          Und auch der Finanzminister klingt hoffnungsfroh, auch wenn er sich zum Abschluss dieser langen Nacht fast noch in einem fast ebenso langen Satzlabyrinth verheddert: „Ich glaube, wir können durchaus aus dieser Nacht herausgehen in der eher positiven Erwartung, dass man am Freitag eine Lösung im Sinne einer Fortsetzung von Opel als Automobilbauer erzielen kann.“

          Weitere Themen

          Bis zu 6300 Euro Entschädigung für VW-Kunden Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : Bis zu 6300 Euro Entschädigung für VW-Kunden

          Die Einigung von VW und Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) im Dieselstreit sieht auch weiterhin ein Vergleichsangebot in Höhe von 830 Millionen Euro vor. Kunden, die sich in das Klageregister eingetragen haben, bietet VW eine Einmalzahlung an.

          Erstes Land der Welt führt kostenlosen ÖPNV ein

          Luxemburg : Erstes Land der Welt führt kostenlosen ÖPNV ein

          Wer von Samstag an in Luxemburg in einen Bus oder eine Bahn steigt, muss nichts mehr zahlen. Das kleine Großherzogtum will damit Vorreiter bei der Verkehrswende werden. Kostenpunkt: 41 Millionen Euro im Jahr.

          Topmeldungen

          Ein Hotel in Wuhan dient auch als Quarantänestation.

          Helfer in Wuhan : Lieber im Hotel als zu Hause schlafen

          Hotelmanagerin Xiao Yaxing leitet vier Hotels in Wuhan. Die Häuser sind derzeit ausgebucht, aber nicht mit Gästen: Yaxing lässt medizinisches Personal dort übernachten. Solch ein Engagement ist in China nicht selbstverständlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.