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Baden-Württemberg : Grüne wollen irritierte Autoindustrie beruhigen

  • -Aktualisiert am

„Weniger Autos sind natürlich besser als mehr”, sagte Kretschmann Bild: dapd

Der Betriebsrat von Porsche ist über eine Äußerung des zukünftigen grünen Ministerpräsidenten empört. Die SPD nutzt das, um Stellung zu beziehen. Im Koalitionsvertrag der beiden Parteien soll das Thema Auto trotz Aufregung keine Rolle spielen.

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          Im Koalitionsvertrag, den die künftige grün-rote Landesregierung am Mittwoch in Stuttgart vorstellt, wird das Thema Auto keine bedeutende Rolle spielen. Aufregung gibt es gleichwohl ob der Haltung von Winfried Kretschmann - denn der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland hat in einem Interview den verhängnisvollen Satz gesagt: „Weniger Autos sind natürlich besser als mehr.“

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          In Baden-Württemberg schrillen bei solchen Bemerkungen die Alarmglocken: Hier arbeiten knapp 200 000 Menschen direkt in der Autobranche, die meisten davon in der Region Stuttgart. Jeder vierte Arbeitsplatz der deutschen Autoindustrie ist in Baden-Württemberg angesiedelt. Die Grünen sahen sich genötigt, eine Pressemitteilung zu veröffentlichen, um die Gemüter zu beruhigen: „Gerade weil wir wollen, dass unsere Automobilhersteller auch in 20 Jahren noch im weltweiten Wettbewerb erfolgreich bestehen können, werden wir in einen intensiven Dialog mit ihnen treten und sie bei der Entwicklung zukunftsfähiger Autos und Mobilitätskonzepte unterstützen.“ Kretschmann hatte als „Mobilitätskonzepte“ „Laufen, Fahrradfahren, Autofahren, Eisenbahnfahren“ genannt.

          Die Unsicherheit über die grüne Linie hatte der Koalitionspartner SPD derweil schon einmal genutzt, um klar Position zu beziehen: Man müsse die industriellen Kerne pflegen, da könne man sich auf die SPD verlassen. Nils Schmid, künftig Kretschmanns Stellvertreter, sagte ganz plakativ: „Jede baden-württembergische Landesregierung hat Benzin im Blut.“ Die technische Innovation sei bisher stets zuerst für Premiumfahrzeuge entwickelt worden. Dieses Argument verwendet auch der Automobilverband. Die deutschen Premiummarken kommen nach Angaben des VDA bei der Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes (CO2) schneller voran als ihre Wettbewerber. Gerade in diesem Segment hätten die Deutschen die CO2-Emissionen in den vergangenen Jahren überproportional gesenkt.

          Unstimmigkeiten mit Porsche

          Verbandspräsident Matthias Wissmann, der aus Baden-Württemberg stammt und der CDU angehört, erklärte: „Wenn Herr Kretschmann grüne Autos sehen möchte, dann braucht er sich nur die Produkte anschauen, die in seinem Heimatland vom Band laufen. Die Zeit der Grabenkämpfe ist längst vorbei.“ Wissmann sprach eine Einladung zur Internationalen Auto-Ausstellung nach Frankfurt aus, Einladungen zu den Autoherstellern und wichtigen Zulieferern liegen Kretschmann ebenfalls vor. Es gibt auch Vorschläge für künftige Dienstwagen: „Das ideale Auto für Herrn Kretschmann wäre eine Mercedes S-Klasse 250 CDI, die mit 204 PS einen Verbrauch von 5,7 Liter hat - das ist der sparsamste Oberklassewagen auf dem Planeten“, wirbt ein Daimler-Sprecher. Schon in drei Jahren werde man eine S-Klasse mit einem Verbrauch von 3 Litern Sprit und 75 Gramm CO2 je 100 Kilometer anbieten.

          Vor allem bei den Beschäftigten des Sportwagenherstellers Porsche hat Kretschmann Empörung ausgelöst. „Die Philosophie von Porsche und die Mobilitätskonzepte meiner Partei passen nicht wirklich zusammen. Aber in der Welt gibt es eben auch immer Extravagantes, Unpassendes, Paradoxes. So ist sie nun einmal“, hatte Kretschmann gesagt. Der impulsive Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, selbst SPD-Mitglied, kritisierte: „Kretschmann hat noch nicht einmal mit uns geredet und sich angehört, an was wir arbeiten.“ Das passe nicht zu dem angekündigten neuen Politikstil.

          Auch in der IG Metall ist man auf Kretschmanns Haltung zur Autoindustrie nicht gut zu sprechen. „Die Investitionen in alternative und emissionsärmere Antriebstechniken und Leichtbau werden nun mal unter anderem durch den Verkauf von Luxuskarossen in China verdient“, gibt der IG-Metall-Sprecher Kai Bliesener zu bedenken. Gleichzeitig forderte er den künftigen Regierungschef zum konstruktiven Dialog auf. „Wir haben die gleichen Ziele vor Augen: ressourceneffizientes Wirtschaften und ein Schwenk zu alternativen Antriebssystemen.“ Mehr als Impulse geben kann die Landesregierung indes kaum. Selbst millionenschwere Fördertöpfe nehmen sich verschwindend aus neben einem Etat von knapp 5 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung, den allein Daimler im vergangenen Jahr ausgab. Insgesamt investierten deutsche Hersteller und Zulieferer nach VDA-Angaben pro Jahr rund 20 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, die Hälfte davon in Umwelttechnologien.

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