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Automobilindustrie : Volkswagen zittert vor Hyundai

Die Konkurrenz im Blick: VW-Chef Winterkorn beobachtet den Wettbewerb Bild: dpa

Nicht mehr Toyota, sondern Hyundai ist der Angstgegner von VW. Die Koreaner holen rasant auf und spielen mit ihren Autos mittlerweile in der ersten Liga.

          3 Min.

          Wer auf dem Automarkt bestehen will, behält die Konkurrenz ganz scharf im Auge. Welchen Konkurrenten sehen die Autogiganten Toyota oder Volkswagen wohl als größte Gefahr für sich? Yukitoshi Funo, Vorstandsmitglied des größten japanischen Autobauers, lehnt sich im Sessel im Besprechungsraum der Firmenzentrale zurück. Er muss nicht lang überlegen. „Hyundai ist für uns die größte Herausforderung“, sagt der Manager, der für Toyota in den 80er und 90er Jahren den amerikanischen Markt eroberte. „Da bin ich mit VW-Chef Martin Winterkorn ganz einer Meinung“, sagt er.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Zwar ringen die Deutschen und die Japaner in diesem Jahr darum, wer nach General Motors zweitgrößter Autokonzern der Welt wird. Doch der wahre Konkurrent sitzt in Südkoreas Hauptstadt Seoul. Erst 1967 gegründet, wächst kein Autounternehmen so rasant wie Hyundai. Optimisten in Seoul meinen, der Autobauer könnte es schaffen, in diesem Jahr die Nummer vier der Autowelt zu werden.

          Bild: F.A.Z.

          Die Ingenieure und Manager von Hyundai machen heute das, was ihnen einst Toyota vormachte: Sie beobachten aufmerksam die Märkte und die Aktivitäten ihrer Konkurrenten und entscheiden schneller als die bisweilen schwerfälligen Japaner. „Aus der Beobachtung lernen Sie“, sagt Toyota-Vorstand Funo. Lernen, Produkte anpassen, auf Qualität achten, günstige Preise anbieten - Funo zählt die Stärken des Konkurrenten aus dem asiatischen Nachbarland an den Fingern seiner Hand ab und zuckt mit den Schultern. Man beobachte den Konkurrenten aus Seoul sehr aufmerksam, sagt der Toyota-Manager.

          Das tut auch VW-Chef Martin Winterkorn. Wenn der von Hyundai spricht, zieht er gern die Augenbrauen hoch. „Lange hatten wir vor allem Toyota im Blick. Inzwischen ist es Hyundai“, sagt er. „Die Koreaner drücken die Japaner an die Wand.“

          In Seoul reibt man sich freudig die Hände

          Nicht nur die Japaner. Auch in Wolfsburg spürt man, dass man sich warm anziehen muss. Die Zeiten, in denen Hyundai mit Billigautos Marktanteile eroberte, sind lang vorbei. Das zeigt ein wackeliges Handy-Video, das auf der Automesse IAA in Frankfurt aufgenommen wurde. Der VW-Chef ist darauf zu sehen, der, begleitet von einem Tross Mitarbeiter, den Hyundai-Stand besucht. Sein Interesse gilt dem neuen i30, mit dem die Südkoreaner das Wolfsburger Erfolgsmodell Golf direkt angreifen.

          Winterkorn setzt sich ins Auto, tastet, prüft, sieht sich um. Je länger er sich umsieht, desto genervter wird er. Der Moment der Schmach kommt, als der selbstbewusste VW-Chef die Lenkradverstellung des Autos aus Südkorea testet. „Bischoff“, faucht er, sein Chefdesigner Klaus Bischoff solle umgehend kommen. Winterkorn führt die Lenkung vor. „Da scheppert nichts“, schwäbelt er - warum können die Koreaner das? Winterkorn wird wütend. „BMW kann’s nicht“, ruft er, „wir können’s nicht.“ Hyundais Ingenieure können es.

          Während VW das Video flugs zu viralem Marketing erklärt, reiben sich die Manager in Seoul freudig die Hände. Es soll dort Mitarbeiter geben, die sich das Video nahezu täglich ansehen. Es macht allen klar: Die Autos aus Südkorea spielen in der ersten Liga. Hyundai verdient sogar mehr Geld als die Konkurrenten. Als einziger Autokonzern ist er in der Finanzkrise von 2009 gewachsen. In den Vereinigten Staaten verkaufte das Unternehmen damals drei Prozent mehr Autos - während alle anderen Einbrüche im Verkauf beklagten.

          Die Manager laufen der Konkurrenz nicht mehr nach

          Aggressiv gingen die Koreaner vor auf den Märkten, klagt Winterkorn. In Amerika ging ihre Strategie vor allem auf Kosten Toyotas. Hyundai bot den Amerikanern damals an, jeder Käufer könne sein Auto zurückgeben, falls er seinen Job verliert. Das trieb die Amerikaner, die um ihre Arbeitsplätze fürchten wie selten zuvor, in Scharen in Hyundais Verkaufshallen.

          Profitiert hat Hyundai auch von der Schwäche Toyotas: Erst mussten die Japaner, bis 2010 die Nummer eins aller Autounternehmen, wegen technischer Pannen Millionen Autos zurück in die Werkstätten rufen. Dann legte das Erdbeben vom 11. März in diesem Jahr die Produktion teilweise lahm. Die Manager in Seoul wären schlechte Geschäftsleute, hätten sie diese Chance nicht genutzt.

          Der Anfang von Hyundai 1967 war bescheiden. Gerade 12000 Autos wurden damals verkauft. Gegründet von Chung Ju-yung, der in Südkorea als große Unternehmerpersönlichkeit verehrt wird, brachte Hyundai erst 1975 ein eigenes, selbst entwickeltes Fahrzeug auf den Markt. „Pony“ hieß das Auto, es war im Wesentlichen eine Lizenzproduktion von Ford.

          Jetzt laufen die Manager der Konkurrenz nicht mehr nach, sie eilen ihr voraus. „Lange Zeit sind wir anderen gefolgt, nun wollen wir selbst die Autoindustrie anführen“, sagt Präsident Steve Yang nüchtern, aber voller Selbstbewusstsein. Deshalb fließen fünf Prozent der Einnahmen in Forschung und Entwicklung. Wer die Entwicklungslabore des Unternehmens besucht, stößt überall auf Transparente mit großen koreanischen Schriftzeichen. „Der Stolz der Weltbesten“, lesen die Mitarbeiter sinngemäß, wenn sie jeden Tag daran vorübergehen. Zum Erfolg haben der Fleiß und der unbedingte Wille der Belegschaft viel beigetragen, die lange Wochenarbeitszeiten leistet. Ingenieure übernachten auch mal in der Fabrik, bis ein Problem gelöst ist.

          Ist Hyundai nicht mehr zu stoppen?

          Auch die Politik hilft nach. Staatspräsident Lee Myung-bak will Südkorea zur Autonation machen, und Hyundai-Firmenpatriarch Chung Mong-koo weiß das für sein Unternehmen einzusetzen. Da wird die Landeswährung Won gezielt geschwächt, der Binnenmarkt abgeschottet und jede erdenkliche Förderung gewährt, um die Aufholjagd zu erleichtern. Dass der Hyundai-Chef schon wegen Bestechung von Beamten und Korruption verurteilt wurde, hat dem Unternehmen auch nicht geschadet.

          Ist der Siegeszug von Hyundai also nicht zu stoppen? Funo lächelt. Seine Augen verraten, dass er VW-Chef Winterkorn gern eine Botschaft mit auf den Weg geben will: Vor lauter Starren auf Hyundai sollte der Wolfsburger Toyota nicht aus den Augen lassen.

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