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Automobilindustrie : Jetzt kassiert die Arbeiterklasse

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.S.

Die Beschäftigten in der Automobilindustrie erhalten in diesem Jahr Prämien in bislang einmaliger Höhe. Die Prämien würden an die Marke von 10.000 Euro heranreichen, bestätigte ein IG Metall-Bezirksleiter.

          Rekord! Rekord! Rekord! So dröhnt es aus allen Ecken der Autoindustrie. Nie wurden mehr Autos verkauft, noch nie mehr Gewinn eingefahren. Und noch nie haben die Mitarbeiter so stark davon profitiert: Fünfstellige Prämien sind in diesem Jahr drin, so ist aus der Branche zu hören. Pro Kopf wohlgemerkt. Das hat die Welt noch nicht gesehen. Und da in den Betrieben keine Investmentbanker-Gehälter gezahlt werden, sind 8000, 10000 oder 12000 Euro obendrauf für den Einzelnen viel Geld. An diese Marke würden die Prämien heranreichen, bestätigt Jörg Hofmann, IG-Metall-Bezirksleiter im Südwesten, außerdem Aufsichtsrat von Daimler und Bosch: „Der Schlag Sahne obendrauf schmeckt gut.“

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine gewöhnliche Tarifrunde kann da jedenfalls nicht mithalten. Wenn Ministerin Ursula von der Leyen (CDU), sehr zum Ärger der Arbeitgeber, fordert, die Beschäftigten müssten spürbar an den Gewinnen beteiligt werden, dann geschieht dies längst: Noch ehe die erste Trillerpfeife geblasen ist, bekommen die Arbeiter ihren Bonus auf das Konto. 6,5 Prozent mehr Lohn verlangt die IG Metall für die 3,6 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie. Ein Klacks verglichen mit den Beträgen, die gegenwärtig verteilt werden, teils mehrere Monatslöhne pro Beschäftigten. Gigantische Gewinne, wie die sagenhaften 16 Milliarden Euro von VW, ziehen gigantische Extrazahlungen nach sich.

          „Die Prämie wird manche umhauen, so was gab’s noch nie“, tönt Uwe Hück, Betriebsratschef von Porsche, wo es traditionell großzügiger zugeht als im Rest der Republik. „Unsere Leute haben eine genial-intergalaktische Sonderzahlung verdient“, posaunt Hück. „Den Rekordgewinn hat ja nicht der Petrus auf dem Moped vorbeigebracht.“

          Bezahlt wird in Zuffenhausen pro Kopf (eine gewisse Betriebszugehörigkeit vorausgesetzt): Der Mann am Band oder die Frau in der Kantine kassiert so viel wie der Ingenieur. Bisher lag der Spitzenwert, noch aus Wendelin Wiedekings Zeit, bei 6000 Euro. Wie viel dieses Jahr rausspringt, darüber verhandelt Hück gegenwärtig mit dem Management - als er seine Forderung genannt hat, habe sich der Vorstand erst mal zur Regeneration ins Sauerstoffzelt gelegt.

          Noch runder läuft die Sache für die Belegschaft, wenn gar nicht erst gepokert werden muss, da feste Formeln für die Aufteilung des Gewinns gelten, wie zum Beispiel in Ingolstadt: Die 45000 Audi-Arbeiter sind die Bonus-Könige in diesem Jahr. Vor Jahren hat der Vorstand, die eigene Erfolgsserie offenbar nicht ahnend, folgender Regel zugestimmt: Von dem Teil des operativen Ergebnisses, der die Zahl 1,2 Milliarden Euro überschreitet, ist ein Zehntel an die Belegschaft auszuschütten, basta! Ein großartiges Geschenk, wobei sich der Betrag nach dem einzelnen Gehalt richtet: Im Schnitt kamen die Audi-Leute voriges Jahr auf 5000 bis 6000 Euro. Jetzt wird es mehr, viel mehr, so viel ist sicher, fünfstellig, sagen Überschlagsrechnungen. Die Prämie werde „ein gutes Stück höher ausfallen als im vorigen Jahr“, bestätigt ein Konzernsprecher. Wie viel höher, das verrät Audi-Chef Rupert Stadler mit Vorlage der Bilanz am Donnerstag.

          Was bedeutet der Geldsegen für die Tarifverhandlungen?

          Die Konkurrenz wappnet sich jedenfalls schon, um die Neidattacken der eigenen Belegschaft abzufedern: So hat Daimler, der einzige Autohersteller, der schon die Bilanz 2011 vorgelegt hat, eine Pro-Kopf-Rekordprämie von 4100 Euro bejubelt: eine stolze Zahl, immerhin ein Drittel mehr als im Vorjahr (während Vorstandschef Dieter Zetsche leichte Einbußen hinnehmen musste) - und doch bescheiden, verglichen mit den Kollegen in Ingolstadt.

          In ungeahnte Höhen schießt auch die Ergebnisbeteiligung von BMW: Auch hier wird ein historisches Ergebnis einen historischen Bonus auslösen, ohne dass der Betriebsrat einen Finger krümmen muss: Die individuelle Prämie berechnet sich nach einer sturen Formel. 2011 kamen so im Schnitt knapp 6000 Euro zusammen, dieses Jahr - o Wunder - wird es üppiger.

          Was bedeutet dieser Geldsegen nun für die Tarifverhandlungen, die Anfang März beginnen? Dämpfen die Rekordprämien die Streikbereitschaft der Metaller oder werden sie dadurch erst aufgestachelt? Beide Seiten, Gewerkschaft wie Arbeitgeber, richten ihre Taktik jedenfalls darauf ein. So betont Gesamtmetall, mit den Rekordprämien sei der Gerechtigkeit genüge getan: Noch mehr geht nicht, die geforderten 6,5 Prozent seien eine Zumutung. Diejenigen Betriebe, die tatsächlich glänzend verdient haben, hätten mit dem Bonus ihre Schuldigkeit getan, bei den anderen ist nichts zu holen - so läuft die Argumentation der Arbeitgeber, die im Übrigen hoffen, dass die Prämien die Mobilisierung der Gegenseite lähmen. Die fettesten Extras zahlen die Großkonzerne, dort, wo die Streiks entschieden werden: Warum sollten die Leute dort für ein paar Zehntel mehr oder weniger Tariflohn streiken, so das Kalkül, wenn sie doch schon mit ein paar Tausendern auf dem Konto belohnt wurden?

          Trägheit im Arbeitskampf lässt sich die IG Metall freilich nicht nachsagen: „Unsere Leute sind höchst mobilisiert und kampfbereit“, sagt Jörg Schlagbauer, IG-Metall-Chef bei Audi in Ingolstadt. Ein einmaliger Bonus sei strikt zu trennen vom Tarif, der allen zugutekomme. „In der Fläche hilft nur der Tarifvertrag, dafür kämpfen wir mit voller Solidarität“, sekundiert Uwe Hück. Und IG-Metall-Anführer Hofmann sagt: „Wenn der Magen geweitet ist, wird der Hunger nicht kleiner.“ So freilich lässt sich jede intergalaktische Lohnforderung begründen.

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