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Automobilindustrie : Fiat hat Opel noch nicht aufgegeben

Sergio Marchionne: „Unsere Vorschläge für Opel liegen weiter auf dem Tisch” Bild: AFP

General Motors hat den Verkauf von Opel erst einmal aufgeschoben. Fiat galt schon lange nicht mehr als ernster Bieter. Doch die Führung von Fiat hat Opel noch nicht aus den Augen verloren.

          Die Führung von Fiat hat den Wettbewerber Opel noch nicht aus den Augen verloren. Die aktuelle Situation bietet dem Fiat-Vorstandsvorsitzenden Sergio Marchionne auch die Genugtuung, dass seine Vorhersagen von Ende Mai eingetroffen sind. Damals war Marchionne zum zweiten Mal zu Gesprächen nach Berlin gekommen und hatte gespürt, dass Fiat mit seinem Angebot für Opel gegenüber den Konkurrenten Magna und RHJI ins Hintertreffen geriet.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Zudem sah sich Fiat einer Forderung nach einer schnellen Finanzspritze für Opel gegenüber, ohne großen Einblick in die Bilanzen erhalten zu haben. Marchionnes Reaktion überraschte: Der Fiat-Chef verzichtete auf weitere Gespräche in Deutschland, bekräftigte sein Angebot für Opel in einer Pressemitteilung, flog dann nach Detroit und stürzte sich in sein neues Projekt als Sanierer von Chrysler.

          „Das wird eine Telenovela“

          Für die Entwicklung im Fall Opel hatte Marchionne beim Abschied aus Berlin eine eher abfällige Bemerkung übrig: „Das wird eine Telenovela“, lautete der Kommentar gegenüber Mitarbeitern. Gegen die beiden Bieter Magna und RHJI um Finanzkonditionen und über reduzierte staatliche Bürgschaften zu pokern hat den Fiat-Chef nicht interessiert. Motivation zum Weiterverhandeln hätte nur ein konkurrierender Unternehmensplan eines anderen Autoherstellers wie etwa Peugeot bieten können, als Ansporn, das bessere Zukunftsprojekt zu bieten. Doch im Vergleich zu Magna und RHJI sieht der selbstbewusste Marchionne weiterhin den Fiat-Plan für Opel als den einzigen mit Perspektive. Denn seiner Meinung nach kann Opel auf sich alleine gestellt wegen der viel zu kleinen Produktionszahlen nicht überleben.

          Fiat hat seine Vorschläge für eine Übernahme von Opel bekräftigt, auch wenn sie derzeit nicht sehr aussichtsreich erscheinen. Schließlich gilt weiterhin, dass für Fiat ein Zusammengehen die gesamte Produktion des Konzerns in Richtung der Marke von 5 Millionen Autos im Jahr steigern würde, die für Marchionne den Mindestwert für langfristiges Überleben darstellen. Zudem wäre das Opel-Entwicklungszentrum in Rüsselsheim in den nächsten Monaten sehr nützlich, weil es für Fiat darum geht, für den neu übernommenen amerikanischen Autobauer Chrysler so schnell wie möglich eine neue Modellpalette zu entwickeln.

          So schnell wie möglich viele Veränderungen erzwingen

          Gerade der Name Chrysler ist aber für Marchionne ein Symbol dafür, dass Fiat für langfristigen Erfolg nicht unbedingt auf Opel angewiesen ist. Der Manager hat zusätzlich zu seinen Positionen an der Spitze der Fiat-Holding und der Autosparte von Fiat auch noch die Position des Vorstandsvorsitzenden von Chrysler übernommen und innerhalb von Tagen nach dem Amtsantritt die gesamte Führungsmannschaft erneuert. Wie bei der Sanierung von Fiat vor wenigen Jahren geht es ihm nun bei Chrysler darum, so schnell wie möglich viele Veränderungen zu erzwingen. Marchionne scheint dabei schnell voranzukommen.

          Anlass zu Genugtuung bieten weitere Nachrichten von Fiat: Nach einem erfolglosen Versuch in der Vergangenheit scheint nun ein Partner für eine langfristige Zusammenarbeit in China gefunden, der Fiat-Modelle für den asiatischen Markt produzieren kann. Und in einer Chrysler-Fabrik in Mexiko soll bald der erfolgreiche Kleinwagen „Fiat 500“ für den nordamerikanischen Markt gebaut werden.

          Umsatz- und Ertragseinbruch weit weniger dramatisch als bei Magna

          Außerdem ist die Unternehmensleitung darum bemüht, Gerüchte zu widerlegen, wonach Fiat überschuldet ist oder dass die Italiener Opel nur übernehmen wollten, um deutsche Staatshilfen auf Turiner Konten umzuleiten. Der Halbjahresbericht von Fiat liefert andere Perspektiven: Im Konzern fiel demnach der Umsatz- und Ertragseinbruch weit weniger dramatisch aus als bei Magna. Die Fiat-Gruppe kann trotz Krise einen kleinen operativen Gewinn vorweisen und wagt es, für das Jahresende einen Nettogewinn zu versprechen. Die Nettoverschuldung des Fiat-Konzerns ist von Ende März bis Ende Juni von 6,6 Milliarden Euro auf 5,7 Milliarden Euro gefallen, die verfügbare Liquidität von 5,1 auf 6,4 Milliarden Euro gewachsen.

          Ein weiteres Argument spricht allerdings gegen Fiat. Stellen die Italiener doch aus Perspektive von General Motors den unangenehmsten Kandidaten für eine Übernahme von Opel dar. Wenn Fiat Chrysler wieder wettbewerbsfähig macht, müsste GM fürchten, dass Opel und die Rüsselsheimer Ingenieure den Konkurrenten auf dem nordamerikanischen Heimatmarkt zu sehr stärken würden.

          „Unsere Vorschläge für Opel liegen weiter auf dem Tisch“

          Doch selbst dieses Problem hält die Italiener nicht davon ab, noch ein Eisen im Feuer zu behalten, für den Fall, dass eine unerwartete Wende neue Chancen bietet. Noch am vergangenen Wochenende bekräftigte Fiat-Präsident Luca di Montezemolo: „Unsere Vorschläge für Opel liegen weiter auf dem Tisch.“ Schon Ende Mai hatten Fiat-Manager spekuliert, dass es vor den Bundestagswahlen wohl ohnehin keine endgültige Entscheidung über Opel geben werde. Danach könnte Fiat wieder auf die Bühne zurückkehren, falls Opel in eine Insolvenz getrieben wird, um den bisherigen Aktionär GM zu entmachten.

          Bis dahin arbeitet Marchionne schon einmal daran, den Konkurrenten Magna die eisige Logik seiner Entscheidungen spüren zu lassen: Der Umstand, dass Fiat nun die stillgelegte Autofertigung des Karosserieschneiders Bertone übernommen hat, wird Magna womöglich schon in absehbarer Zeit Fertigungsaufträge für Chrysler- und Jeep-Modelle kosten. Bisher wurden etwa das Großraumauto Chrysler Voyager und Jeep-Geländewagen für den europäischen Markt von Magna in Österreich gebaut. Wenn Marchionne diese Kleinserienfertigung nach Turin holt und dort Arbeitsplätze sichert, kann er die Zusammenarbeit von Fiat und Chrysler vertiefen, zugleich gegenüber den italienischen Gewerkschaften in Vorleistung treten und bei diesen mehr Kompromissbereitschaft in der Zukunft erwarten.

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