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Automobile : Opel-Arbeiter gründen Aktiengesellschaft

  • -Aktualisiert am

Bald in Arbeiterhand: Opel-Produktionslinie in Rüsselsheim Bild: Frank Röth / F.A.Z.

Die Opel-Arbeiter wollen mit anderen Partnern künftig in ihr eigenes Unternehmen investieren. Bis dahin muss noch vieles geregelt werden: Die Pensionslasten betreffen 74.000 Personen, wie ein Sprecher bestätigte. Und Fiat meldet sich zurück: Man habe einen Einstieg bei Opel noch immer nicht aus den Augen verloren.

          Während für die hohen Pensionslasten von Opel noch nach einer Lösung gesucht wird, hat der Betriebsrat am Freitag beschlossen, eine Aktiengesellschaft zu gründen. „Die neue Gesellschaft soll die Mitarbeiterkapitalbeteiligung im Zuge der Sanierung verhandeln und den Beitrag der Beschäftigten verwalten“, sagte Opel-Betriebsratschef Klaus Franz. Aufsichtsrat und Vorstand würden mit Anwälten und Betriebsräten aller Standorte besetzt. Die Beschäftigten streben im Gegenzug für Lohnverzicht eine Beteiligung von 10 Prozent an Opel an. Derzeit gehört das Unternehmen zu 65 Prozent einer staatlich kontrollierten Treuhandgesellschaft und zu 35 Prozent dem einstigen Mutterkonzern General Motors. Geplant ist der Verkauf von Opel an ein Konsortium aus dem Zulieferer Magna und der russischjen Sberbank.

          Dabei ist die Übernahme der Pensionslasten weiter Gegenstand der Verhandlungen zwischen Opel, GM und Magna. Das sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin und bestätigte damit einen Bericht der F.A.Z. (siehe auch: Pensionslasten gefährden Opel-Übernahme). Der Bund habe klargemacht, dass es ihm nicht möglich sei, hier zusätzliche Leistungen zu übernehmen, sagte Steg.

          Ein Sprecher von Opel sagte der F.A.Z., die Pensionsverpflichtungen bestünden für 74.000 Personen in Deutschland. Der Gesamtbetrag liegt bei 4 Milliarden Euro. „Die Auszahlungen werden aus dem laufenden Geschäft gestemmt und sind fester Bestandteil der jährlichen Finanzplanung“, sagte ein Konzernsprecher. Magna habe sich verpflichtet im Falle der Übernahme von Opel auch die Pensionslasten mit zu übernehmen. Ein Fall für den Pensionssicherungsverein (PSV) würden die Pensionen nur dann, wenn Opel in die Insolvenz ginge. Der Bund hatte eine Übernahme der Lasten abgelehnt und bekräftigte dies nun.

          BAIC und Fiat sind noch im Rennen

          Für eine Übernahme von Opel sind neben Magna auch noch der chinesische Hersteller BAIC und Fiat im Rennen. Für Fiat ist Opel wichtig, weil die Italiener dabei sind in Amerika Chrysler zu übernehmen und einige Komponenten von Opel an Chrysler liefern wollen. Allerdings verfügt Magna als einziger Bieter über einen Vorvertrag mit dem insolventen Opel-Haupteigentümer General Motors (GM). Um diesen Vertrag im Juli verbindlich unterzeichnen zu können, erhält Magna derzeit Einblick in die Bücher von Opel.

          Der bisherigen Vereinbarung zwischen GM und Magna zufolge muss Opel nach Informationen der F.A.Z. künftig deutlich weniger Lizenzgebühren für die Nutzung von Technologie zahlen. „Bisher mussten wir 5 Prozent vom Umsatz mit verkauften Autos dafür zahlen“, sagte Opel-Betriebsratschef und Vizeaufsichtsratschef Klaus Franz der F.A.Z. Künftig würden nur noch 3,25 Prozent Lizenzgebühr pro Auto gezahlt. „Das entspricht einer Einsparung von jährlich rund 350 Millionen Dollar.“ Darüber hinaus habe GM sich verpflichtet, für die Kosten der gemeinsamen Entwicklung neuer Autos aufzukommen und dazu Aufträge an die rund 6000 Ingenieure in Rüsselsheim zu vergeben. Zahlt GM nicht mehr für die Entwicklung, muss Opel laut Franz auch keine Lizenzgebühren mehr zahlen. Eine Eingung zeichnet sich auch bei den Märkten ab, die Opel bedienen darf: So bleibt Nordamerika zwar weiter für Opel verboten. Dafür dürfen die Rüsselsheimer aber Autos nach China und Kanada verkaufen.

          Derweil hat Fiat einen Einstieg bei Opel noch nicht aus den Augen verloren. „Das Interesse bleibt, es hängt nicht von uns ab“, sagte Fiat-Chef Sergio Marchionne in Turin. „Technisch ist das noch nicht abgeschlossen, wir werden sehen“, sagte er. Opel selbst erwartet im Juli einen Abschluss der Verhandlungen über einen Einstieg von Magna. „Wir erwarten, dass eine definitive Vereinbarung im Juli erreicht wird und wir die Transaktion im September abschließen können“, sagte Opel-Chef Carl-Peter Forster. Die Hoffnung von BAIC und Fiat, bei Opel doch noch zum Zug zu kommen, wird indes auch von der Bundesregierung genährt. Solange mit Magna kein endgültiger Vertrag unterschrieben sei, gebe es die theoretische Möglichkeit, dass andere Interessenten noch verbesserte Angebote vorlegen könnten, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg.

          Sperbank-Präsident German Gref sagte am Wirtschaftsforum in St. Petersburg, dass die Staatsbank kein strategischer Partner für Opel sei. Vielmehr werde der Anteil von 35 Prozent nach der Strukturierung des ersten Teils der Transaktion weiterverkauft. Gref nannte zwar keine Details, es gab aber zugleich Spekulationen, dass die Beteiligung bei einem russischen Unternehmen wie beispielsweise der Staatskorporation Rostechnologii landen könnte, die derzeit 25 Prozent am Lada-Hersteller Awtowas hält. Gref sagte auch, dass die Rechte für die in Russland beliebte Automarke Chevrolet beim Opel-Konsortium liegen würden.

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