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Amerikas Automarkt : Selbstbewusstsein made in Germany

  • -Aktualisiert am

Gesprächsthema Automobil: In Detroit dreht sich alles um die Weltpremieren der Hersteller Bild: REUTERS

Der amerikanische Automarkt wächst, und die deutschen Hersteller bauen ihre Produktion vor Ort aus. Sorgen bereiten ihnen nur die Attacken der Gewerkschaft UAW und die geplanten strengen Umweltauflagen.

          Die gesamte Automobilwelt blickt derzeit neidisch auf die Deutschen. Während französische und italienische Hersteller Mühe haben, über die Runden zu kommen, melden Volkswagen, Daimler und BMW auf der Automesse in Detroit eine Rekordzahl nach der anderen. Erstmals haben sie 2011 auf dem bedeutenden amerikanischen Markt mehr als eine Million Autos verkauft, was einem Marktanteil von 8,2 Prozent entspricht.

          Der VW-Konzern hat rund um den Globus 8,2 Millionen Fahrzeuge verkauft - rund eine Millionen mehr als im Jahr zuvor. Damit haben die Wolfsburger den Konkurrenten Toyota überholt und sind hinter General Motors der zweitgrößte Hersteller der Welt geworden. Mit solchen Zahlen im Rücken kann VW-Chef Martin Winterkorn in den Messehallen in Detroit selbstbewusst auftreten. „Wir wollen vor allem zufriedene Mitarbeiter und zufriedene Kunden“, sagt er in einem Pressegespräch, „dann werden wir auch die meisten Autos verkaufen.“

          Die Deutschen feiern ihre Erfolge unterschiedlich. Daimler eher fein im teuren Westin Cadillac Hotel in Detroits Zentrum, VW eher bodenständig in Bell’s Bar. Gemein haben sie aber die Erfolge und eine Dominanz, die zunehmend den nationalen Hintergrund verliert: Um unabhängiger von Schwankungen des Dollar zu werden, bauen alle deutschen Hersteller immer stärker ihre Produktion in Amerika aus. VW, Daimler und BMW haben schon längst Fabriken im gewerkschaftsfreien Süden der Vereinigten Staaten, die bald zusätzliche Modelle produzieren sollen oder erweitert werden.

          Jüngste zusätzliche Schritte zur Lokalisierung der Produktion sind eine Motorenproduktion von Daimler mit dem Partner Nissan in Tennessee sowie eine geplante erste Fabrik für die VW-Premiummarke Audi, die dem Vernehmen nach in Huntsville, Alabama, errichtet werden könnte.

          Robustes Wachstum in Amerika erwartet

          Die Vereinigten Staaten sind für die Deutschen besonders wichtig, weil das noch immer der größte Markt für Personenwagen der Welt ist vor China - und trotz der Befürchtungen einer konjunkturellen Abkühlung noch immer wächst. Da die amerikanischen Verbraucher in den vergangenen Jahren wegen der Wirtschaftskrise viele eigentlich geplante Autokäufe aufgeschoben haben, gibt es mittlerweile einen großen Nachholbedarf: das amerikanische Durchschnittsauto ist zehn Jahre alt. Der Verband der deutschen Autoindustrie erwartet daher im Jahr 2012 ein robustes Wachstum des amerikanischen Markts um 5 Prozent auf 13,4 Millionen Einheiten.

          Günstig wirken sich auch die vielen neuen Modelle, die stabilen Benzinpreise und niedrigere Kreditzinsen aus. Auch Daimler-Chef Dieter Zetsche ist optimistisch: „Wir werden die Entwicklung nicht beobachten wie ein Kind, das Angst vor dem Monster unter dem Bett hat“, sagt der Manager während der Premierenfeier des neuen Mercedes SL, einem Supersportwagen, dessen Karosserie erstmals fast vollständig ganz aus leichtem Aluminium hergestellt wurde.

          Neue Umweltauflagen werden ausgearbeitet

          Sorgen bereitet den Konzernmanagern anderes: Zum einen hat die amerikanische Automobilarbeitergewerkschaft UAW angekündigt, sie wolle künftig auch die Beschäftigten der deutschen Konzerne mit ihren Fabriken in Alabama (Daimler), South Carolina (BMW) und Tennessee (Volkswagen) als Mitglieder werben. In den deutschen Werken in Tuscaloosa, Spartanburg und Chattanooga sind inzwischen fast 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Hat die UAW mit ihrer Mitgliederwerbung Erfolg, dürfte das für langfristig steigende Lohnkosten der deutschen Hersteller in Amerika sorgen. Die Deutsche würden dadurch einen ihrer Kostenvorteile gegenüber den amerikanischen Konkurrenten General Motors, Ford und Chrysler verlieren.

          Darüber hinaus arbeitet die amerikanische Regierung gerade neue Umweltauflagen aus. Ziel des für die Jahresmitte geplanten Gesetzes ist eine Halbierung des Durchschnittsverbrauchs der Autos in Amerika auf 4,3 Liter je 100 Kilometer bis 2025.

          466.000 Autos rollten vergangenes Jahr von den Bändern

          Volkswagen und Daimler kritisieren an den geplanten Regeln, dass die von deutschen Herstellern angebotenen Dieselfahrzeuge zu wenig berücksichtigt werden. Die schweren Geländewagen amerikanischer Hersteller würden dagegen bevorzugt behandelt. Die deutsche Autoindustrie plant nun eine gemeinsame Kampagne. „Wir wollen in Anzeigen die Vorteile des sparsamen Dieselantriebs in Amerika bekannter machen“, sagt Branchenverbandspräsident Matthias Wissmann.

          Die deutsche Autoindustrie wird immer stärker zu einem festen Bestandteil der heimischen amerikanischen Industrie. Mit einem Anteil von 12 Prozent an den gesamten deutschen Autoexporten sind die Vereinigten Staaten nicht nur einer der wichtigsten Ausfuhrpartner für die deutschen Autohersteller nach Großbritannien und China. Auch die Produktion in Amerika wird immer wichtiger: Im Jahr 2011 liefen 466.000 Autos von den Bändern.

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