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Automobilindustrie : Opel trennt sich von 500 Führungskräften

  • -Aktualisiert am

Vor dem Werksgelände in Rüsselsheim Bild: Wresch, Jonas

Der Autokonzern General Motors greift durch: Nach zwei Vorständen sollen nun auch noch 500 weitere Opel-Manager aus dem Mittelbau das Unternehmen verlassen. Man will ihnen Abfindungen bieten.

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          Der Personalabbau bei Opel erreicht nun auch die zweite, dritte und vierte Führungsebene. Nach der Bestellung des Sanierungsexperten Thomas Sedran zum Interims-Chef hat der ums Überleben kämpfende Autohersteller auch die Vorstände für Finanzen und Forschung ausgewechselt. Damit nicht genug: In den kommenden Wochen und Monaten will sich das Unternehmen nach Informationen der F.A.Z. von weiteren 500 Führungskräften trennen, darunter zahlreiche Direktoren und Abteilungsleiter, deren Gehälter allesamt mindestens sechsstellig sind. Ihnen sollen Abfindungsangebote gemacht werden, damit sie formal freiwillig das Unternehmen verlassen. Das haben zwei Mitglieder des Aufsichtsrats, die nicht genannt werden wollen, übereinstimmend berichtet. Das Unternehmen selbst gab zunächst keine Stellungnahme dazu ab.

          Den Angaben zufolge soll der vom Mutterkonzern General Motors (GM) mit der Opel-Sanierung beauftragte Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky in der jüngsten Sondersitzung des Kontrollgremiums am Dienstag sogar noch weitaus mehr gefordert haben. Nach Girskys Forderungen in der Spitzenrunde soll sich Opel von insgesamt einem Fünftel der Führungskräfte trennen. Das wären nach seiner Berechnung 2400. Von den rund 40.000 Mitarbeitern gelten nach Girskys sehr weit gefasster Definition 12.000 als Führungskräfte. Nach dem Verständnis des GM-Managers gilt jeder als Führungskraft, der andere Mitarbeiter leitet. Bei den meisten Unternehmen in der Autoindustrie gibt es sechs Führungsebenen. Bei Opel sind es neun. Die 500 Stellen für Führungskräfte, die der neue Interimschef Sedran nun möglichst schnell abbauen soll, gehören zu den oberen vier Ebenen. Seit 2009 hat Opel 8000 von 48.000 Arbeitsplätzen abgebaut, vornehmlich einfache Mitarbeiter.

          Noch am Dienstag hatte Aufsichtsratschef Girsky betont, bei Opel solle Bürokratie abgebaut und die Unternehmenskultur verändert werden. Dass er es so ernst meint, ahnte kaum jemand. Girsky ist zugleich Vizechef von GM und leitet für den amerikanischen Autokonzern dessen Europageschäft. Sein ehrgeiziges Ziel, ganz an die Spitze des GM-Konzerns zu kommen, kann er nur erreichen, wenn er die Milliardenverluste bei Opel beendet. Für den jüngsten Schritt könnte Girsky sogar die Gewerkschafter der IG Metall als Unterstützer gewinnen. Denn sie zielen in die gleiche Richtung: „Opel darf nicht bei einer Kultur der Excel-Tabellen stehen bleiben. Es müssen flachere Hierarchien geschaffen werden, in denen das Verständnis für Zusammenhänge entsteht“, sagte Armin Schild, Chef des IG Metall Bezirks Mitte, dieser Zeitung. Schild, der auch Mitglied im Bundesvorstand der SPD ist, leitet derzeit die Verhandlungen über den möglichen Verzicht auf die Tariferhöhung im Gegenzug für Standortzusagen.

          Der geplante Kahlschlag im Mittelbau trifft Opel in einer schwierigen Phase. Der Absatz des Unternehmens ist in der ersten Hälfte des Jahres um 15 Prozent auf 468.000 Einheiten eingeknickt. Deshalb droht im laufenden Jahr der fünfte Milliardenverlust hintereinander.

          Am Mittwoch hat Opel darüber hinaus überraschend noch die Entwicklungschefin Rita Forst und den Finanzchef Mark James von ihren Posten entfernt. Forst wird zur Last gelegt, sie habe die Modernisierung der Antriebe, etwa das Doppelkupplungsgetriebe, zu zögerlich voran getrieben. James soll die Zahlen über die Finanzlage von Opel unangemessen optimistisch geplant haben. Beide befanden sich am Dienstag noch im Urlaub und konnten dort nicht rechtzeitig informiert werden. Deshalb wurde die Trennung von den beiden Managern erst am Mittwoch bekannt gemacht, damit sie es nicht aus der Zeitung erfahren mussten.

          Der neue Finanzchef Michael Lohscheller kommt von VW, der künftige Forschungsvorstand Michael Ableson steigt intern auf. Der 43 Jahre alte Diplom-Kaufmann Lohscheller ist derzeit Finanzvorstand bei VW in Amerika. Dort habe er in den vergangenen vier Jahren eine erfolgreiche Trendwende beim Ergebnis erreicht, hieß es. Beide neuen Manager sollen ihre Posten zum 1. September antreten. Sie würden „den Opel-Revitalisierungsplan weiter beschleunigen“, erklärte Aufsichtsratschef Girsky.

          In den kommenden Wochen und Monaten werden existenzielle Entscheidungen bei Opel getroffen. Es geht zunächst darum, ob betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen tatsächlich bis Ende 2016 vertraglich ausgeschlossen werden, wie die IG Metall das wünscht. Parallel dazu wird auch die Allianz mit dem französischen Partner Peugeot voran getrieben, an dem GM mit 7 Prozent beteiligt ist. Da Peugeot die Unterstützung des französischen Präsidenten Francois Hollande auf seiner Seite hat, wird in Rüsselsheim befürchtet, Opel könnte beim koordinierten Abbau von Überkapazitäten übervorteilt werden.

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