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Carsten Germis (cag.)

Automobilindustrie : Machtvakuum bei Volkswagen

Martin Winterkorn (links) und Ferdinand Piech (rechts) auf einer Hauptversammlung von VW. Bild: dpa

VW geht stürmischen Zeiten entgegen und die Zweifel sind groß, ob der Autokonzern es schafft, umzusteuern. Denn nach dem Rücktritt von Ferdinand Piëch aus dem Aufsichtsrat gibt es ein Machtvakuum, überfällige Entscheidungen bleiben einfach hängen.

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          Die Zahlen, die Volkswagen-Chef Martin Winterkorn für das erste Halbjahr vorgelegt hat, beeindrucken. Vor allem dank des schwachen Euros sind die Umsätze im Jahresvergleich um 10,1 Prozent auf fast 109 Milliarden Euro gestiegen. Der Gewinn nach Steuern beträgt wie im Vorjahr 5,7 Milliarden Euro. Trotzdem geht VW nach dem Rekordjahr 2014 stürmischeren Zeiten entgegen. Die Halbjahreszahlen spiegeln den fulminanten Start ins Jahr. Seit April schrumpfen Absatz und Ergebnis jedoch. Das hat stark mit dem chinesischen Automarkt zu tun, wo VW im Juni erstmals einen Rückgang meldete. Die rapiden Zuwachsraten im Reich der Mitte aus den vergangenen Jahren, die dem Wolfsburger Konzern Milliardengewinne in die Kasse brachten, neigen sich dem Ende zu. Hinzu kommen Schwierigkeiten in Amerika, wo VW bei Verkäufen unter „ferner liefen“ rangiert. Rivale Toyota hält dort fast ein Viertel des Markts. Auch wenn VW in diesem Jahr weltweit möglicherweise mehr Autos als die Japaner verkauft - renditestärker und effizienter als Massenhersteller ist Toyota.

          Das liegt an der Schwäche der Kernmarke VW. Meldet Porsche eine operative Marge von 15,7 Prozent, verharrt sie bei Golf, Passat und Co. bei mageren 2,7 Prozent. Baustellen gibt es im Konzern auch sonst reichlich. VW muss umsteuern, um seine Erfolgsgeschichte fortzusetzen. Doch an der Börse und bei Marktbeobachtern sind die Zweifel groß, ob VW das schafft. Noch immer gibt es im Konzern ein Machtvakuum, in dem überfällige Entscheidungen hängenbleiben. Der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn hat im April zwar publikumswirksam den spektakulären Machtkampf gewonnen gegen den Übervater des Unternehmens, Ex-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Aber die Lücke, die der erzwungene Rückzug des Patriarchen hinterlassen hat, ist nicht gefüllt.

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          Im Aufsichtsrat hält der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber für die Übergangszeit als neuer Aufsichtsratschef die Zügel locker in der Hand. Nach außen hin stellt sich VW fast als volkseigener Betrieb dar, dessen Betriebsratschef lange Interviews zum Umbau gibt, dessen Aufsichtsratschef nicht handeln darf und dessen Vorstandvorsitzender eine Nachfolgedebatte am Hals hat, während er selbst als möglicher neuer Aufsichtsratschef von 2016 an gehandelt wird.

          Winterkorn: VW muss sich ändern

          Von wettbewerbsfähigen Strukturen ist in Wolfsburg zwar viel die Rede, verkündet wurden bislang aber nur Selbstverständlichkeiten. Dass sich ein Konzern, der mit zwölf Marken auf unterschiedlichen Märkten aktiv ist und bald 600.000 Beschäftigte hat, nicht zentral aus Wolfsburg steuern lässt, das zeigen die Probleme, mit denen VW zu kämpfen hat. Zumal sich die Konzernführung bisweilen sogar für die Qualität der Bleche zuständig fühlte, die in diesem oder jenem Auto verarbeitet werden.

          Winterkorn, so heißt es, habe aus dem Machtkampf mit Piëch gelernt. Er wisse, dass sich VW ändern müsse. Aber hat er noch die Macht, Notwendiges durchzusetzen? Kann er es wagen, Betriebsratschef Bernd Osterloh zu brüskieren, wenn es gilt, die schwache Rentabilität der Kernmarke VW zu verbessern? Kann er sich als Konzernchef in Wolfsburg auf das Wesentliche beschränken und den Chefs der Marken Porsche, Audi, der Laster oder der Kernmarke VW mehr Verantwortung geben, wenn sich diese schon als mögliche Nachfolger in Stellung bringen? Oder macht Winterkorn nun doch bald den Weg frei für einen Übergangschef, der den Umbau vorantreibt, der sein Augenmerk weniger auf technische Details als auf neue Konzernstrukturen lenkt? Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch, 64, könnte so ein Mann sein, der den Generationenwechsel vorbereitet und den Umbau auf den Weg bringt.

          Die zu starke Abhängigkeit von China macht VW verwundbar

          Winterkorn könnte diesen Prozess dann als der von den Familien Porsche und Piëch benannte neue Aufsichtsratsvorsitzende kontrollieren. Für Volkswagen wäre das eine gute Lösung, solange Winterkorn der Versuchung nicht erliegt, in die Fußstapfen seines langjährigen Förderers Ferdinand Piëch zu treten: Schlankere Entscheidungsstrukturen, schnellere Entscheidungswege und mehr Eigenverantwortung für die einzelnen Markengruppen sind unabdingbar, wenn das Unternehmen seine Position verteidigen will. VW muss in Amerika und Ländern wie Indien stärker werden. Die zu starke Abhängigkeit von China macht VW verwundbar. Die Wolfsburger tun also gut daran, Antworten auf ihre stärker werdenden chinesischen Wettbewerber und ihre billigeren Autos zu finden.

          Das Machtvakuum, das Piëch hinterlassen hat, und die Unfähigkeit der Mehrheitseigentümer Porsche und Piëch, einen neuen Aufsichtsratschef zu finden, sowie die geschwächte Position Winterkorns haben in den vergangenen Wochen immer wieder den Eindruck erweckt, VW sei im Moment nicht in der Lage, zwingend notwendige Entscheidungen zu treffen. Es ist an der Zeit, dass die starken Egos im Aufsichtsrat, im Vorstand, in den Gewerkschaften und in der Eigentümerfamilie ihre Interessen dem Ziel unterordnen, VW fit zu machen für eine globale Führungsrolle auf den Automärkten der Zukunft.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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