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Automobilindustrie : Ford legt Abfindungsprogramm auf

  • -Aktualisiert am

Frühes Krisenzeichen: Ford beantragte schon Ende April Kurzarbeit für seine Produktion in Köln. Bild: dpa

Mit einem Personalabbau reagiert der Hersteller auf den Absatzrückgang. Auch Daimler plant Einschnitte im Produktionsprogramm - vorläufig noch ohne Abbau von Stammpersonal. Doch die Verhandlungen mit dem Betriebsrat sind gescheitert.

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          Die Absatzflaute auf dem europäischen Automarkt hat nach Fiat, Opel und Peugeot nun auch Ford voll erfasst. Als Reaktion auf die in jüngster Zeit dramatisch abnehmenden Verkäufe von Neuwagen tritt der Konzern auf die Kostenbremse. Dazu wurde ein Abfindungsprogramm für die Beschäftigten in Europa aufgelegt. Ziel sei das freiwillige Ausscheiden „einiger hundert Mitarbeiter“, wie eine Sprecherin auf Anfrage bestätigte. Hinzu kommt nach Informationen dieser Zeitung ein grundsätzlicher Einstellungsstopp; wichtige Posten, hieß es, würden aber weiterhin neu besetzt.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Darüber hinaus wird aus Kreisen des Aufsichtsrats berichtet, Ford erwäge die Auflösung der Kooperation mit dem französischen Wettbewerber PSA Peugeot Citroën bei der Produktion kleinerer Dieselmotoren am britischen Standort Dagenham mit 4000 Beschäftigten. Hintergrund ist der Einstieg des Rivalen General Motors bei PSA. Dadurch, so lautet die Befürchtung bei Ford, könnte wohl technisches Fachwissen in die Hände des Konkurrenten gelangen. Für Peugeot wäre der Ausstieg von Ford aus der Zusammenarbeit ein weiterer harter Schlag, nachdem BMW den Franzosen schon die Kooperation bei Komponenten für Hybridantriebe aufgekündigt hat.

          Bild: F.A.Z.

          Die Schritte zur Neuordnung sind Teil einer dem Anschein nach geplanten weiter gehenden Restrukturierung des Ford-Konzerns in Europa. Der für das Europageschäft verantwortliche Manager Stephen Odell hatte in den vergangenen Wochen schon mehrfach darauf hingewiesen, dass alle Optionen geprüft würden, um eine Rückkehr zur Profitabilität in die Wege zu leiten. Ford geht für das Gesamtjahr 2012 in seinem Europageschäft seit August von einem operativen Verlust von mehr als einer Milliarde Dollar aus. Schon Ende April, als Ford den Verlust noch auf maximal 600 Millionen Dollar schätzte, hatten die Kölner Ford-Werke Kurzarbeit beantragt. Ford beschäftigt in Köln rund 4000 Mitarbeiter in der Produktion. Dort sollten die Bänder zwischen Mai und Oktober an bis zu acht Tagen vor den Werksferien stillstehen.

          „Anders als Fiat, Opel und Peugeot muss Ford nur kleinere Korrekturen vornehmen, bekennt sich aber weiter fest zum europäischen Markt. Dass auch Ford etwas tun muss, ist klar“, sagt Analyst Arndt Ellinghorst von der Bank Credit Suisse. Er erwartet, dass die jüngsten Produktionsrückgänge um bis zu 20 Prozent bei vielen Autoherstellern „nur die Spitze des Eisbergs“ seien. Ford hat in den ersten acht Monaten 12 Prozent weniger Autos abgesetzt als im Vorjahr, im August lag das Minus sogar bei 29 Prozent.

          Daimler wollte in Sindelfingen die Spätschicht streichen

          Im Vergleich dazu sehen die Verkaufszahlen von Daimler noch bestens aus, dennoch gehen die Wogen hoch. Verhandlungen zwischen dem Vorstand und dem Betriebsrat des Werks Sindelfingen wurden abgebrochen. Dabei sollte es um Produktionskürzungen im Mercedes-Montagewerk gehen. So wollte Daimler die Spätschicht streichen, was bei den betroffenen Mitarbeitern zu Einkommenseinbußen von bis zu 11 Prozent führen könnte. Außerdem steht offenbar die Beschäftigung von bis zu 1400 Leiharbeitern zur Disposition, wie der Leiter des Montagewerks auf einer gut besuchten Betriebsversammlung angekündigt hat. Dem Widerstand des Betriebsrats begegnete der Vorstand mit dem Ruf nach einer Einigungsstelle - ein Vorgehen, das für Daimler völlig unüblich ist. Jetzt wird ein Arbeitsrichter den Konflikt schlichten müssen.

          Die Produktionskürzungen sind notwendig, weil sich bei Mercedes mehrere negative Effekte überlagern: zur Marktschwäche in Europa gesellen sich hausgemachte Vertriebsprobleme in China, und die margenstarken Modelle S-Klasse und E-Klasse sind schon viele Jahre auf dem Markt, weshalb ihre Strahlkraft für Kunden nachgelassen hat. Für die E-Klasse ist im nächsten Frühjahr eine Runderneuerung geplant, die sieben Jahre alte S-Klasse kommt mit einem ganz neuen Modell auf den Markt.

          Bei Daimler wird indessen betont, dass trotz der Verkaufsrückgänge die S-Klasse in ihrem Segment immer noch Marktführer sei. Zudem sei für Mercedes insgesamt ein Absatzrekord in diesem Jahr geplant - lediglich im Erfolg der einzelnen Modelle habe man sich getäuscht. Kurzarbeit sei aber in keinem der Autowerke geplant, hieß es in Stuttgart weiter. Bis August hat der schwäbische Autohersteller noch einen Absatzzuwachs von 5 Prozent erreicht. Allerdings musste der Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche in der vergangenen Woche einräumen, dass das zweite Halbjahr deutlich schlechter ausfallen werde als das erste, weshalb der Gewinn der Mercedes-Sparte unter dem Vorjahreswert liegen werde.

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