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Automobilindustrie : Daimler greift in China an

Besucher am Mercedes-Stand einer Automesse in China: Bis Ende 2015 sollen dort 20 neue oder aufgehübschte Modelle auf den Markt kommen. Bild: REUTERS

Vor einem Jahr stand Mercedes noch als der Verlierer auf dem größten Automarkt der Welt da. Nun soll die S-Klasse das Geschäft retten und den 7er BMW dieses Jahr überholen.

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          Das Grauen lässt sich leicht in Zahlen fassen: 26.000 Mal hat BMW im vergangenen Jahr den noblen 7er in China verkauft, Mercedes aber bringt es mit der S-Klasse nur auf einen Absatz von 22.000 Stück. Eine Schmach – hält man in Stuttgart doch die Mercedes S-Klasse für das einzig wahre Top-Modell. So etwas soll sich nicht wiederholen: „Wir werden dieses Jahr mit der neuen S-Klasse die Wettbewerber wieder überholen. Und 2015 wird insgesamt noch viel besser“, verspricht Hubertus Troska. Auf seinen Schultern lastet seit 18 Monaten die Verantwortung für das China-Geschäft der Daimler AG. Man hat eigens einen Vorstandsposten dafür geschaffen – denn nicht nur die S-Klasse patzte, Mercedes hatte in dem mittlerweile größten Automarkt der Welt komplett den Anschluss verpasst. Die Autos wurden verramscht, teilweise ein Viertel unter Listenpreis verkauft, und trotzdem waren Audi und BMW weit voraus.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Schlagartige Verbesserungen konnte Troska nicht bewirken, doch inzwischen demonstriert er Zuversicht: „Ich bin sehr positiv gestimmt.“ Troska spricht von einem Absatzplus von 40 Prozent für Mercedes, seit Jahresbeginn. Das hohe Plus liegt vor allem daran, dass die Vorjahreszahlen katastrophal waren – im Lauf des Jahres wird sich das relativieren. Interne Planungen von Mercedes sehen vor, dass in diesem Jahr 265.000 Autos verkauft werden, ein Viertel mehr als im vorigen Jahr. Das für 2015 gesteckte Ziel von 300.000 verkauften Autos sieht im Verhältnis dazu geradezu bescheiden aus, zumal die Chinesen nicht nur mit der neuen S-Klasse verführt werden, sondern bis Ende nächsten Jahres mit mehr als 20 neuen oder aufgehübschten Mercedes-Modellen beglückt werden sollen.

          Das Wachstumsprogramm von Daimler scheint nur schwer zu den Bildern zu passen, die man aus Peking und Schanghai sieht: Menschen mit Atemschutzmasken gegen den Smog und Staus ohne Ende. Trotzdem sind die Marktprognosen eindeutig. So schätzt etwa McKinsey, dass der Autoabsatz in China bis 2020 um vier Millionen auf 22 Millionen Autos steigt. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen erwartet in zehn Jahren sogar einen Anstieg auf 35 Millionen Fahrzeuge jährlich.

          Alte Autos werden per Gesetz aus dem Verkehr gezogen

          Die chinesischen Politiker werden ihren Teil dazu beitragen. „Die Urbanisierung ist erklärtes Ziel der chinesischen Regierung“, sagt Troska, der sich in seiner Funktion als Daimler-Vorstand mal mit dem Forschungsminister, mal mit dem Pekinger Bürgermeister trifft: „Gepaart mit strengen Abgasgesetzen, wird es für die Autoindustrie ein sehr ordentliches Wachstum geben.“ Die Logik: Während die alten Dreckschleudern, vor allem Lastwagen, per Gesetz aus dem Verkehr gezogen werden, können moderne Autos punkten. Troska sagt sogar: „Ein moderner Motor bringt keine nennenswerte Feinstaub-Belastung.“ Geht Troskas Kalkül auf, dann füllen sich in den nächsten Jahren die Kassen der Daimler AG vor allem durch die dicken Gewinne aus China. Analysten zufolge erreichen die Ergebnismargen deutscher Premium-Hersteller beim Export nach China locker 20 Prozent. Noch mehr ist drin, wenn in China selbst produziert wird, wo die Arbeitskosten und auch die Materialkosten für lokal zugekaufte Teile deutlich niedriger sind.

          Da gibt es noch einiges Potential: Bis zum Jahr 2020 plant Mercedes, den Anteil der lokalen Autoproduktion von derzeit 50 Prozent auf 75 Prozent zu erhöhen. Einstweilen übt man sich bei Mercedes darin, die Chinesen zu verstehen, um sie zu treuen Mercedes-Kunden zu machen. Für jeden sechsten Käufer ist der Mercedes das allererste Auto überhaupt. „Die Herausforderung besteht darin, den Chinesen den Wert eines Mercedes vor Augen zu führen“, sagt Troska. Der Ausbau des Händlernetzes auf rund 440 Standorte allein in diesem Jahr reicht nicht, räumt der Daimler-Vorstand ein – es gehe auch um einen qualitativen Ausbau: „Es gibt nichts Schlimmeres für einen ersten Kundenkontakt als einen schlecht geschulten Verkäufer.“

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