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Automobilindustrie : Daimler drosselt Produktion im Werk Sindelfingen

  • Aktualisiert am

Ein Mitarbeiter schraubt an einer E-Klasse in Sindelfingen Bild: dapd

Erstmals seit Jahren drosselt Daimler wieder die Pkw-Produktion in seinem größten Montagewerk Sindelfingen. Das Unternehmen will dabei ohne Kurzarbeit über die Runden kommen.

          Der Stuttgarter Konzern zollt da mit einer schwächeren Nachfrage nach seinen ertragreichen E- und S-Klasse-Modellen Tribut. „Wir schauen uns die Nachfrage genau an und richten unsere Produktion daran aus“, teilte Daimler am Dienstag mit. Kurzarbeit sei aber weder im Werk Sindelfingen noch an anderen Produktionsstandorten ein Thema, versicherte der Autobauer. Mercedes-Benz peile in diesem Jahr weiter einen Verkaufsrekord über alle Klassen hinweg von mehr als 1,38 Millionen Pkw an, die Produktion sei daher „auf Wachstum ausgerichtet“.

          Daimler trimmt lange vor den 2013 anstehenden Modellwechseln bei den hochpreisigen Baureihen S- und E-Klasse die Bestände, um die Gewinnerosion im laufenden Jahr zu begrenzen. Erst in der vergangene Woche hatte Daimler-Chef Dieter Zetsche, der auch die Mercedes-Benz Pkw-Sparte leitet, die Gewinnerwartungen für die größte und ertragreichste Konzerneinheit einkassiert: Wegen des verschärften Wettbewerbs in China und der schwachen europäischen Absatzmärkte wird der operative Gewinn von Mercedes-Pkw 2012 deutlich schrumpfen.

          Die im Jahr 2011 mit dem Pkw-Verkauf verdienten knapp 5,2 Milliarden Euro sind - entgegen den ursprünglichen Planungen - bis Ende dieses Jahres nicht mehr zu erreichen. Denn der Gewinn werde in der zweiten Hälfte 2012 unter den im ersten Halbjahr dieses Jahres erwirtschafteten 2,56 Milliarden Euro bleiben, rechnete Zetsche vor. Entlastung auf der Kostenseite soll ein Sparprogramm bringen, das zugleich auch Impulse für weitere Absatzzuwächse liefern soll. Ingesamt wird Unternehmenskreisen zufolge ein Einsparvolumen von deutlich mehr als einer Milliarde Euro angestrebt, das größtenteils aber erst im kommenden Jahr wirksam werden wird.

          Von Januar bis Juni liefen bei Mercedes-Benz Pkw mit knapp 720.000 Autos vier Prozent mehr Fahrzeuge vom Band als im Vorjahreszeitraum. Der Absatz lag in den ersten acht Monaten mit weltweit gut 911.000 verkauften Pkw vom Smart bis zum Maybach rund fünf Prozent über Vorjahr. Allerdings waren die Verkaufszahlen der ab 40.000 Euro erhältliche E-Klasse zuletzt im Sinkflug, erst im kommenden Jahr kommt ein optisch und technisch überholtes Modell des Kassenschlagers auf den Markt. Auch die margenträchtige Mercedes-Benz S-Klasse steht am Ende ihres Lebenszyklus: Die nächste Generation der ab knapp 72.000 Euro erhältlichen Baureihe wird ab 2013 bei den Händlern stehen. Beide Baureihen werden im Werk Sindelfingen gefertigt.

          Dort liegen die Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Werkleitung über reduzierte Schichten im vierten Quartal unter anderem wegen Unstimmigkeiten über die finanziellen Auswirkungen auf die Beschäftigten derzeit auf Eis. Die „Stuttgarter Zeitung“ berichtete in ihrer Dienstagausgabe, die S-Klasse solle künftig nur noch in einer Schicht produziert werden. Ein Konzernsprecher wollte sich dazu nicht äußern. Er bekräftigte jedoch das Ziel, die Belegschaft in Sindelfingen bis 2014 um 250 Stellen aufzustocken, um unter anderem mehr Varianten der S-Klasse zu montieren. 2011 liefen in dem südlich von Stuttgart gelegenen Werk rund 484.000 Pkw vom Band - jeder dritte von Daimler weltweit montierte Pkw.

          Daimler zieht Lehren aus der Krise 2008

          Nachdem Daimler in diesem Sommer noch 6500 Ferienkräfte an Bord geholt hatte, um die Nachfrage befriedigen zu können, ziehen die Stuttgarter nun mit der frühzeitigen Drosselung der Produktion Lehren aus der weltweiten Autokrise 2008: Daimler trat damals erst sehr spät auf die Bremse und baute Fahrzeugbestände auf, deren Verkauf hohe Rabatte erforderten. Mit einer Kapitalspritze über knapp zwei Milliarden Euro sprang den finanziell geschwächten Schwaben Anfang 2009 das Emirat Abu Dhabi bei, seitdem sind die Araber größter Anteilseigner mit rund neun Prozent des Kapitals. Analysten hatten nach der jüngsten Gewinnwarnung bei Mercedes Einschnitte in der Produktion für „unumgänglich“ erklärt.

          Besser als in der Ober- und Luxusklasse läuft es für Daimler bei den neuen Kompaktwagen von Mercedes-Benz, mit denen die Stuttgarter Terrain in der umkämpften Golf-Klasse gutmachen wollen. Seit Jahresbeginn wurden gut 92.000 Fahrzeuge der B-Klasse verkauft, wie Vertriebschef Joachim Schmidt sagte. Nie zuvor habe Mercedes-Benz in diesem Zeitraum mehr Autos der Kompaktwagen-Baureihe ausgeliefert. Die seit Mitte September erhältliche kompakte A-Klasse soll den Absatz zusätzlich beflügeln. Die Kompaktwagen laufen in Rastatt und in Ungarn vom Band, bringen Daimler im Schnitt aber weniger Ertrag als die hochpreisigen Mercedes-Modelle ein.

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