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Automobile : Schrempp und Kopper sichern ihre Macht bei Daimler

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Die Machtverhältnisse an der Spitze des größten deutschen Industriekonzerns werden in dieser Woche voraussichtlich für die nächsten Jahre festgezurrt.

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          Die Machtverhältnisse an der Spitze des größten deutschen Industriekonzerns werden in dieser Woche voraussichtlich für die nächsten Jahre festgezurrt. Zunächst wird die Hauptversammlung am Mittwoch in Berlin die Weichen für eine Fortsetzung des bisherigen Kurses stellen, indem sie genau diejenigen Kandidaten in den Aufsichtsrat wählt, die bisher schon für die Kapitalseite in dem Kontrollgremium sitzen - allen voran der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende und frühere Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper, 68, der bis zur Hauptversammlung 2007 gewählt werden soll.

          Direkt im Anschluß an die Hauptversammlung, so ist es geplant, soll dann der Aufsichtsrat den Vorstandsvertrag von Jürgen Schrempp bis zum Jahr 2008 verlängern. Dies ist bereits in der Aufsichtsratssitzung im Februar einstimmig beschlossen worden. Eine sofortige Vertragsverlängerung war damals noch nicht möglich, weil Schrempps bisheriger Vertrag bis April 2005 läuft. Mehr als ein Jahr vor Ablauf des Vertrags ist eine Verlängerung aktienrechtlich jedoch nicht erlaubt.

          Das Manöver sorgt für reichlich Unmut unter den Aktionären und ist Gegenstand von mehreren Gegenanträgen. "Statt die verlustbringenden Aktivitäten des Vorstands und insbesondere des Vorsitzenden, Herrn Schrempp, zu unterbinden, hat der Aufsichtsrat tatenlos dem Treiben des Vorstandes zugesehen und den Vertrag des Hauptschuldigen, Herrn Schrempp, sogar vorzeitig verlängert, statt ihn mit Schimpf und Schande aus dem Amt zu jagen", schreibt ein Aktionär aus Bocholt zur Begründung, warum er gegen die Entlastung des Aufsichtsrats stimmen wird.

          Anlässe, dem Vorstand Vorwürfe zu machen, gibt es reichlich: Die Fusion mit Chrysler, die dem Konzern neben jahrelanger Sanierungsarbeit mittlerweile auch milliardenschwere Klagen in Amerika beschert hat, und die Beteiligung an dem krisengeschüttelten japanischen Autobauer Mitsubishi sind seit Jahren Kritikpunkte. Dazu kommt das Toll-Collect-Desaster, das Daimler-Chrysler als einen der Großgesellschafter des Mautkonsortiums in die Negativschlagzeilen brachte. Einen wichtigen Kritikpunkt hat Daimler-Chrysler vorsorglich von der Tagesordnung nehmen lassen: Der Aufsichtsrat sollte mit Phantomaktien ausgestattet werden. Weil damit die Vergütung des Kontrollgremiums vom Aktienkurs abhängig wäre, könnte das rechtlich problematisch sein, erkannte der Stuttgarter Konzern nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs, das sich mit einem ähnlichen Fall befaßt hatte. Dafür hat ein Daimler-Chrysler-Sprecher angekündigt, daß Vorstandschef Schrempp über ein neues Modell für die variable Vergütung der 6000 Konzern-Führungskräfte sprechen werde. An dem bisherigen, noch bis 2005 laufenden Aktienoptionsprogramm war immer wieder kritisiert worden, daß es zu wenig ehrgeizig sei.

          Während in der Vergangenheit überwiegend einzelne Kleinaktionäre sowie Kleinaktionärsvereinigungen ihrem Ärger Luft gemacht und der Unternehmensspitze die Entlastung verweigert haben, zeigt sich mittlerweile, daß auch institutionelle Investoren unzufrieden sind. Erstmals empfiehlt beispielsweise ISS, die nach eigenen Angaben weltweit größte Gesellschaft für Stimmrechtsvertretung, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten (siehe nebenstehendes Interview). Ausdrücklich wird nicht nur die Leistung des Managements kritisiert, sondern auch die Tatsache, daß in dieser Schieflage der Vertrag des Vorstandsvorsitzenden Schrempp sogar noch vorzeitig verlängert werde.

          Auch die großen deutschen Fonds melden sich in Berlin zu Wort. So hat Deka Investment, die sonst eher zurückhaltende Fondsgesellschaft der Sparkassenorganisation, bereits angekündigt, von ihrem Rederecht Gebrauch zu machen - weil die Kommunikation auf direktem Wege nicht zielführend war. Einen Auftritt auf der Daimler-Hauptversammlung plant zudem Union Investment, die Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken. Solche Aktivitäten von Fondsgesellschaften nahmen in jüngster Zeit zu, nachdem der Branchenverband BVI vor gut einem Jahr erstmals "Wohlverhaltensrichtlinien" für seine Mitglieder verabschiedete. Darin findet sich unter anderem die freiwillige Verpflichtung, die mit den Wertpapieren in den Fondsportfolios verbundenen Aktionärs- und Gläubigerrechte im Interesse der Fondssparer aktiv auszuüben. Dieser Passus lädt ausdrücklich zu öffentlicher Kritik an schlecht geführten Unternehmen und einem entsprechenden Abstimmungsverhalten auf den Aktionärsversammlungen ein. Darüber hinaus haben die Fondsanbieter aber wohl auch die positiven Marketingeffekte erkannt, die mit einem gelungenen Auftritt verbunden sind. Sehr aktiv sind mit Auftritten auf Hauptversammlungen neben den beiden genannten Fondsgesellschaften noch der Marktführer DWS sowie SEB Invest.

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