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Automobile : Neue Autos für den Aufschwung

Mit dem neuen Golf zur Prosperität? Bild: Volkswagen

Nach drei Jahren in der Talsohle meldet sich die deutsche Autoindustrie zurück: Golf und Astra sollen die Branche aus der Krise fahren. Doch Experten sind skeptisch.

          3 Min.

          Am Montag voriger Woche durften sie endlich mal wieder feiern. Die VW-Manager, nach dem Fehlschlag mit der Luxuskarosse Phaeton noch arg gescholten, stellten in Wolfsburg den neuen Golf vor. Mit der fünften Generation des Bestsellers will VW aus der Krise fahren - und mit dem niedersächsischen Autobauer die gesamte Branche. Es sind die deutschen Hersteller, die Anfang September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt ein wahres Feuerwerk an Modellneuheiten abbrennen. VW Golf, Opel Astra und BMW Fünfer sollen das müde Neuwagengeschäft ankurbeln.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          "Im Herbst kommt der Aufschwung", prophezeit Ferdinand Dudenhöffer, Geschäftsführer des Prognose-Instituts B&D-Forecast. Er glaubt sogar, daß dann die Konjunkturdelle überwunden ist: "Die Autoindustrie ist der Schrittmacher, dann folgt die Reisebranche, und beide führen uns in ein Wirtschaftswachstum." Fast zu schön, um wahr zu sein. Denn außerhalb der Sonntagsreden von Politikern ist der Umschwung in der deutschen Wirtschaft noch nicht fühlbar. Immerhin bessert sich die Stimmung. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, Barometer für die Wirtschaft, zeigt nach oben. Die Verbraucher scheinen ihren Konsumstreik aufgegeben zu haben. Und an der Börse pendelt der Dax tapfer um seinen Jahreshöchststand.

          Autos für den normalen Geldbeutel

          "Der VW Golf und die IAA im September kommen genau zum richtigen Zeitpunkt", sagt Ulrich Winzen. Der Marktforscher beim Essener Institut R.L. Polk Marketing Systems ist zuversichtlich, weil anders als auf vorangegangenen Motorshows auf der IAA nicht nur neue Rolls-Royce, Bugattis oder Maybachs gezeigt werden, sondern Autos für den normalen Geldbeutel. Diese Neuheiten dürften auf zahlungswillige Kunden treffen. "Das Ausgabeverhalten der Bürger hat sich seit der Diskussion um das Vorziehen der Steuerreform gebessert."

          Nur in den Auftragsbüchern der Autohersteller ist davon noch nichts angekommen. Die deutsche Automobilindustrie blickt auf einen Auftragsbestand, der auf das niedrigste Niveau seit 1994 gefallen ist. Zwar werden auch in diesem Jahr wieder 5 Millionen Autos in Deutschland gebaut werden, doch lassen sie sich im Inland nur schwer verkaufen. Wer Angst um seinen Job hat, kauft nicht für 15000 Euro einen VW Golf, selbst dann nicht, wenn der gegenüber dem Vorgängermodell nicht teurer geworden ist. Zum Glück gehen 70 Prozent der deutschen Pkw ins Ausland. Und hier könnte der jüngst wieder schwächelnde Euro, bisher Hemmschuh für den Export, das Geschäft beleben.

          Experten zweifeln

          Pures Wunschdenken? Die Experten plagen Zweifel. Kein Aufschwungsszenario ohne Seitenhieb auf die Politik: "In Deutschland ist der Virus der Verunsicherung nach wie vor im Markt", tritt Bernd Gottschalk vom Verband der Automobilindustrie (VDA) auf die Euphoriebremse. "Und der Virus wird genährt durch ständig neue Steuererhöhungsdiskussionen - höhere Firmenwagensteuer, neue Öko- und Dieselsteuer, Pendlerpauschale. Das zeigt auch der noch labile Auftragseingang."

          Auch Branchenexperte Dudenhöffer sieht in der Regierung den wahren Schuldigen. "Der Faktor Arbeit ist hierzulande viel zu teuer, die Sozialsysteme sind ineffizient, jetzt verteuert die Lkw-Maut die Logistikkosten", schimpft er. "Ein echtes Aufbruchssignal wäre die Einführung der 40-Stunden-Woche. Doch die ist mit einem Gewerkschaftsboß Jürgen Peters nicht zu machen."

          Wende im Herbst 2003?

          In der europäischen Wachstumskolonne, da ist sich der Professor an der Fachhochschule Gelsenkirchen sicher, wird Deutschland Schlußlicht bleiben. Trotz leistungsfähiger Autoindustrie. Die schafft nach seiner Prognose im Herbst 2003 die Wende. Zwar erreicht der Markt im laufenden Jahr mit nur noch 3,22 Millionen Zulassungen den absoluten Tiefpunkt der vergangenen drei Jahre (siehe Tabelle). Doch mit 3,45 Millionen Fahrzeugen in 2004 und 3,75 Millionen im Jahr darauf kehrt die Industrie zu alter Stärke zurück. Dabei unterstellt Dudenhöffer für die beiden kommenden Jahre ein Wirtschaftswachstum von 1,3 und 2 Prozent.

          Etwas pessimistischer fällt die Rechnung von Kollege Willi Dietz aus. "Der Aufschwung wird erst mit dem Frühjahrsgeschäft einsetzen, weil sich dann die Volumenmodelle Golf und Astra bemerkbar machen", sagt der Professor am Institut für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Nürtingen. Der Aufschwung wird auch deshalb nicht so kräftig ausfallen, weil zuvor der Abschwung durch Rabattaktionen der Hersteller künstlich gebremst wurde. Mit Preisnachlässen von mehreren tausend Euro, Null-Prozent-Finanzierungen oder Bezingutscheinen haben vor allem die Importeure Kunden geködert. Folge: Auch die stolzen deutschen Hersteller müssen seither Billigaktionen anbieten.

          Japaner und Franzosen

          Noch schlimmer: Den Qualitätsvorsprung haben die Deutschen in den Augen vieler Verbraucher verspielt, weil in den einschlägigen Pannenstatistiken die Japaner - allen voran Toyota und Mazda - regelmäßig erste Plätze belegen. Prestige und PS-Zahl wird zur Nebensache, Preis und Leistung stehen im Vordergrund.

          Gegenwind kommt auch aus Frankreich: Mit pfiffigem Design und fairem Preis ziehen Renault und Peugeot-Citroen auf und davon. In Europa hat der Renault Megane den VW Golf abgehängt, eine Klasse darunter ist der Peugeot 206 meistverkauftes Auto. Auch das muß den deutschen Herstellern zu denken geben: Autokäufer werden ihrer Marke untreu. Der Wechsel vom Golf zum Peugeot 307 oder Mazda 3 fällt vielen Kunden leichter als früher.

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