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Automobile : Herstellern droht Verlust des Fachwissens

  • Aktualisiert am

Produktion bei Porsche Bild: dpa

Es ist ein Trend bei den Automobilherstellern, immer mehr Arbeit der Zulieferindustrie zu überlassen. Jetzt gerät diese Unternehmenspolitik in die Kritik.

          2 Min.

          Europäische Autohersteller, darunter Ford und DaimlerChrysler, fragen sich derzeit, ob sie sich zu sehr in die Abhängigkeit ihrer Zulieferer begeben haben. Mit 72 Prozent tragen die Zulieferer zur Wertschöpfungskette eines Pkw bei. Gegenüber 1990 ist dieser Anteil um 65 Prozent gestiegen.

          Die Autobauer haben die Teilehersteller in der Vergangenheit dazu gedrängt, vollständige Systeme statt nur Einzelteile zu fertigen. Oder sie haben gar Sonderbaureihen komplett extern fertigen lassen, um zu vermeiden, dass dem eigenen Konzern durch Nischenprodukte teure Produktionskapazitäten verloren gehen.

          Anteil der Zulieferer steigt weiter

          Der Anteil der Zulieferer am Herstellungsprozess dürfte bis 2010 auf 80 Prozent steigen, schätzt das Center for Automotive Research. Jedoch beginnen die ersten in der Branche umzudenken, denn eine Auslagerung des Herstellungsprozesses bedeutet auch die Auslagerung des entsprechenden Know-hows.

          „Das Pendel ist zu weit ausgeschlagen", erklärte etwa der Vize-Präsident für den Einkauf bei Ford, Paul Stokes, auf einer Branchenkonferenz. „In einigen Fällen sind wir bei der Einbindung von Zulieferern zu weit gegangen und wir müssen die Lage nun überdenken", sagte er.

          Expertise der Hersteller könnte schwinden

          Komplexe Systeme wie elektronische Bremsen werden aus Bauteilen zusammengesetzt, die von Dutzenden von Zulieferern kommen. Um den Verwaltungsaufwand zu minimieren und Kosten zu reduzieren, konzentrieren sich die Autohersteller zunehmend auf die größten Zulieferer. Diese so genannten Tier-1-Zulieferer arbeiten dann mit den kleineren Zulieferern zusammen.

          „Hat der Zulieferer die Rolle eines Zwischenhändlers übernommen und verschiebt sich das eigentliche Fachwissen auf tiefere Ebenen?", fragte sich der Chef des Einkaufmanagements bei DaimlerChrysler, Harald Boelstler. „Wir müssen uns fragen, ob wir mit Systemzulieferern auf das richte Pferd gesetzt haben, oder ob wir nicht doch mehr Expertise im Haus halten sollten".

          Auslagerung quer durch die Branche üblich

          Verzögerungen bei der Auslieferung des Maybach waren ein Beispiel für die Rückschläge, die durch ein massives Outsourcing entstehen können. Da DaimlerChrysler mit der Qualität der Bauteile für die 317.000 Euro teure Limousine nicht zufrieden war, wurde die Auslieferung des Maybach um drei Monate zurück gehalten. Bei welchen Zulieferern die Qualitätsmängel aufgetreten waren, wollte der Konzern nicht mitteilen.

          Baureihen mit kleinen Auflagen geben die Kraftfahrzeughersteller gerne an kleinere Unternehmen mit freien Kapazitäten ab. So fertigt das französische Unternehmen Henri Heuliez für die Rüsselsheimer Adam Opel AG ein neues Roadster Coupé, das ab 2004 erhältlich sein wird. Die deutsche Wilhelm Karmann GmbH wird den Sportwagen Crossfire im Auftrag der DaimlerChrysler AG herstellen. Und BMW lässt seinen Geländewagen X3 beim Wiener Autobauer Steyr-Daimler-Puch Fahrzeugtechnik produzieren.

          Gewinnpotentiale im Vertrieb- und Marketingbereich am größten

          Die Fondsmanagerin Pia Hellbach bei Union Invest in Frankfurt sieht es so: „Fahrzeughersteller haben im Vertriebs- und Marketingbereich ihre größten Gewinnpotentiale. Unternehmen, die möglichst viele Schritte des Herstellungsprozesses outsourcen, halte ich für attraktive Investments. Ich denke nicht, dass die europäischen Hersteller hier bereits zu weit gegangen wären."

          Etwas anders fällt dagegen das Urteil von Aufsichtratsmitglieds Wolfgang Ziebart beim Reifenhersteller Continental aus. Er erklärte auf der Branchenkonferenz in Cannes im November: Die Autoindustrie „wird niemals die Entwicklung und die Herstellung ihrer Fahrzeuge aus den Händen geben und sich ganz auf Vertrieb und Marketing konzentrieren und damit die Entwicklung in der Bekleidungsindustrie nachvollziehen." Er könne sich vielmehr vorstellen, dass kleinere und stärker spezialisierte Unternehmen zunehmend an Bedeutung erlangen.

          Bei BMW stammen 80 Prozent der Bauteile von Zulieferern. Es gäbe keinerlei Bestrebungen, diesen Anteil zu reduzieren, sagt der Konzern. „Durch Outsourcing können Kosten gespart werden, aber es kann auch zu Qualitätsproblemen kommen - beides muss miteinander abgewogen werden", erklärt der Analyst Jürgen Pieper beim Bankhaus Metzler. „Autohersteller fahren in der Regel besser, je mehr sie outsourcen."

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