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Automobile : Daimler-Vorstand will auf Gehaltserhöhung verzichten

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z

Der Vorstand von Daimler-Chrysler hat 2003 fast 41 Millionen Euro bekommen. Jetzt will er seine Bezüge nicht erhöhen - sollte es eine Einigung mit dem Betriebsrat geben. Die IG Metall wittert Taktiererei.

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          Der Daimler-Chrysler-Vorstand will auf eine Gehaltserhöhung verzichten. Ein Konzernsprecher bestätigte am Montag in Stuttgart, der Vorstand sei zu diesem Schritt bereit, sollte es eine Einigung mit dem Gesamtbetriebsrat bei der Senkung der Arbeitskosten geben. Er nannte aber keine konkrete Summe oder Prozentzahl. Einen Gehaltsverzicht bis zu 10 Prozent, wie am Wochenende in Medien berichtet worden war, bestätigte das Unternehmen aber nicht.

          Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Rogowski, hob am Montag in Köln hervor, im internationalen Vergleich lägen nicht die Managergehälter, sondern die Löhne im oberen Bereich. Um den Standort Deutschland wettbewerbsfähig zu halten, brauche man daher vielmehr flexible Arbeitszeiten und mehr Autonomie.

          „Kosmetik“

          Die IG Metall hat sich skeptisch über das Angebot des Daimler-Chrysler-Vorstandes auf Einkommensverzicht geäußert. Dies sei der Versuch, „Kosmetik zu betreiben, die Wogen zu glätten“, sagte der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Berthold Huber am Montag im Westdeutschen Rundfunk. Das nehme aber den aktuellen Problemen nicht die Schärfe. Auch Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser hat sich zurückhaltend geäußert - wenn auch aus anderen Gründen. „Es ist ja mehr eine Geste, Schulterschluß zeigen zu wollen, als daß es (...) materiell nun Berge bewegen könnte", sagte Kannegiesser. Aber eine solche Geste guten Willens dürfe nicht verkleistern, daß Einsparungsmöglichkeiten dort lägen, wo die Masse der Personalkosten entstehe. Das sei dort, wo das Gros der Beschäftigten arbeitete.

          Nicht mehr Geld, aber auch nicht weniger
          Nicht mehr Geld, aber auch nicht weniger : Bild: dpa/dpaweb

          Der Gewerkschafter klagt, das Angebot sei ohnehin nicht zu vergleichen mit den gesamten Sparplänen: Die Manager bekämen bei einem Einkommensverzicht vielleicht zwei oder drei Millionen Euro zusammen. Auf der anderen Seite steht laut Huber weiter die Forderung an den Daimler-Betriebsrat, Einsparungen von 500 Millionen Euro zu akzeptieren. „Also irgendwie ist das alles ein unsauberes Spiel. Und das ist Taktiererei“, sagte der Gewerkschafter.

          Was der Vorstand tatsächlich verdient

          Ob Huber mit dieser Einschätzung richtig liegt, ist eine politische Frage. Zu niedrig schätzt er jedoch die Vorstandsbezüge ein - und damit den Effekt, den ein Gehaltsverzicht haben könnte. Daimler-Chrysler veröffentlicht auf seinen Internetseiten Angaben darüber, was die Mitglieder des zwölfköpfigen Vorstands bezahlt bekommen - nicht im Detail, aber als „Summe aller zufließenden Vergütungen in bar und in geldwerten Vorteilen aus Sachbezügen“.

          Demnach betrugen diese Gesamtbezüge „im Jahr 2003 für den Vorstand der Daimler-Chrysler AG 40,8 Mio. Davon entfielen 13,4 Mio. auf fixe und 27,4 Mio. auf kurz- und mittelfristig erfolgsbezogene Vergütungskomponenten. Im Jahr 2003 wurden keine Bezüge auf Basis langfristiger Vergütungskomponenten gewährt.“

          Weiter heißt es: „Dem Vorstand wurden im Jahr 2003 insgesamt 3,14 Mio. Stock Options, aus dem von der Hauptversammlung im Jahr 2000 genehmigten Optionsplan, als langfristige Vergütungskomponente sowie 503.000 Performance-Based Awards auf Basis eines 3-Jahres- Leistungsplans gewährt.“

          Und noch eine interessante Summe taucht auf, die bisher in der Debatte um das Sparpotential noch nicht in den Focus geraten ist: die Zahlungen an den Aufsichtsrat. Dazu heißt es bei dem Unternehmen: „Die Vergütung für die gesamte Tätigkeit der Mitglieder des Aufsichtsrats der DaimlerChrysler AG betrug im Jahr 2003 ¬ 2,8 Mio.“

          Entscheidende Runde am Dienstag

          Die Pkw-Produktion von Daimler-Chrysler in Deutschland lief am Montag ohne Ausfälle. Bis zur anstehenden Verhandlungsrunde werde es keine größeren Proteste der Beschäftigten geben, sagte eine Sprecherin des Gesamtbetriebsrats. Doch droht der Gesamtbetriebsrat mit weiteren bundesweiten Protestaktionen, falls es nicht keine Einigung über die Sparpläne des Konzerns gibt. Sollten sich Vorstand und Gesamtbetriebsrat diese Woche nicht einigen, werde es kommenden Freitag erneut bundesweit an den Standorten und Niederlassungen protestiert, teilte die Arbeitnehmervertretung am Montag in Stuttgart mit.

          Die Verhandlungen gehen am Dienstag in ihre entscheidende Runde. Die Konzernspitze droht mit dem Wegfall von 6000 Stellen im Werk Sindelfingen, falls Einsparungen in Höhe von 500 Millionen Euro nicht erbracht werden. In dem Fall soll die neue C-Klasse in Bremen und Südafrika produziert werden. Huber kündigte an, die Gewerkschaft werde sich nicht unter Druck setzen oder gar erpressen lassen. Auch die IG Metall verfüge noch über eine ganze Menge Druckmittel. Im übrigen wisse er noch nicht, ob er den Optimismus von Konzernchef Jürgen Schrempp vor der neuen Verhandlungsrunde teilen könne. Schrempp hatte am Wochenende erklärt, er sei „zuversichtlich, daß wir in Kürze eine Lösung herbeiführen“.

          Nach Informationen der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ will der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Klemm, einen Tarifvertrag für Dienstleister vorlegen, wonach die Arbeitnehmer in Kantine, Druckereien und Werksschutz künftig schlechter bezahlt werden als die Metaller in der Automobilfertigung.

          Die Mehrheit der Bundesbürger unterstützt die Führung des Daimler-Chrysler-Konzerns in ihrem Bemühen Personalkosten zu sparen. In einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Handelsblatts sagten 53 Prozent der 1002 befragten Bundesbürger, sie hätten Verständnis dafür, daß Daimler-Chrysler die besonderen Privilegien, die ihre Arbeitnehmer in Baden- Württemberg im Gegensatz zu den Arbeitnehmern in anderen Werken genießen, abschaffen wolle. 42 Prozent haben dagegen kein Verständnis dafür.

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