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Automobile : Arbeitskampf bei VW spitzt sich zu

  • -Aktualisiert am

Arbeitersprecher Luiz Marinho Bild: Gerhard dilger

Der Ton wird schärfer im Kampf um Arbeitsplätze im brasilianischen VW-Werk São Bernardo do Campo. FAZ.NET war vor Ort.

          Im Morgengrauen ziehen Tausende vor die imposanten VW-Werkhallen in São Bernardo do Campo zur wichtigsten Vollversammlung der letzten Wochen. Fahnen und Transparente werden entrollt, doch die Stimmung unter den 16.000 ist gedämpft. Mitte letzter Woche hat die örtliche Firmenleitung ihre Drohung wahrgemacht und 3.000 Kündigungsschreiben verschickt.

          Die Industriestadt südöstlich von São Paulo galt lange Zeit als die Hochburg der brasilianischen Autoindustrie. Allein bei VW arbeiteten in den Siebzigerjahren bis zu 40.000 Arbeiter. Seither ist die Belegschaft im Zuge der technischen Modernisierung kontinuierlich geschrumpft. Doch zugleich entwickelte sich eine Verhandlungskultur zwischen Unternehmensleitung und Metallern, die für Lateinamerika beispielhaft ist. Seit 1987, als zu Beginn einer zeitweiligen Fusion mit Ford auf einen Schlag 5.000 Stellen gestrichen wurden, gab es keine Massenentlassungen mehr.

          In den Krisenjahren 1997/98 einigte man sich auf einen 15-prozentige Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich. Zugleich erhielt São Bernardo den Zuschlag für die Produktionsanlagen des neuen Polo. Damit waren auf Dauer 6.000 Arbeitsplätze gesichert.

          Arbeiter wollen neue Investitionen

          Doch das reichte nicht. VW hat nicht nur mit der jetzigen Wirtschaftsflaute zu kämpfen, die die Lagerbestände in Rekordhöhen treibt. "Die Produkte sind überaltet," schimpft Arbeitersprecher Luiz Marinho, "den VW-Bus bauen wir seit 1959, den Gol seit 1980, den Santana seit 1984." Seine Schlußfolgerung: "Das ist inkompetentes Management."

          "Wir sind bereit, über weitere Einkommenseinbußen zu verhandeln," sagte Marinho, der die Arbeiter "mit dem Rücken zur Wand" sieht. "Doch diese Massenentlassungen sind unsozial und inakzeptabel." Damit die Arbeitsplätze auf Dauer gesichert werden könnten, seien umfangreiche Investitionen in neue Produktlinien erforderlich.

          VW fordert mehr Flexibilität

          Firmenchef Herbert Demel fordert hingegen eine "neue Mentalität" und "höhere Flexibilität". In São Bernardo läge der Durchschnittslohn von umgerechnet 1.500 Mark drei Mal so hoch wie im neuen VW-Werk von Curitiba im südlichen Bundesstaat Paraná. Der personelle Überhang lasse sich nur durch eine 15-prozentige Arbeitszeit- und Lohnkürzung auffangen. Bestenfalls könne man sich vorstellen, die Hälfte der Entlassungen rückgängig zu machen. Zudem sollten jährlich sechs Prozent der Belegschaft "herausrotieren" - bei einem um 30 Prozent reduzierten Einstiegslohn für die Neuen.

          Hoffen auf das Mutterhaus

          Einig sind sich die Kontrahenten über die Krise, in der VW steckt. In Brasilien hat die Firma ihre traditionelle Spitzenposition unter den Autoherstellern eingebüßt. Bei den PKW-Verkaufszahlen liegen General Motors und Fiat gleichauf. Im Oktober setzte Volkswagen knapp 24.000 Autos ab, 15 Prozent weniger als im gleichen Monat des Vorjahres.

          Am Montag früh entschieden sich die Arbeiter per Akklamation für den Streik. Dann zogen sie mit ihren entlassenen Kollegen in die Montagehallen. Eine weitere Gesprächsrunde mit der Geschäftsführung am Dienstag nachmittag blieb ohne Ergebnis. Um einen "Ausweg aus der Sackgasse" zu finden, will Marinho nun nach Wolfsburg fahren, um direkt mit Personalvorstand Peter Hartz zu verhandeln.

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