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Automobilbranche : Alle Räder stehen still

Rotes Licht für die Opel-Produktion. In den Werken Eisenach, Bochum, Saragossa und Antwerpen stehen für drei Wochen die Bänder still Bild: ddp

Die Finanzkrise ist in Deutschlands Vorzeigeindustrie angekommen: Überall werden jetzt weniger Autos gebaut. Mit allen Konsequenzen für Händler, Lieferanten und Beschäftigte. Denn richtig vorbereitet war man auf die Krise nicht.

          6 Min.

          Auf dem geteerten Platz, direkt neben dem Eingang des schmucklosen Autohauses, dürfen nur Opel-Kunden parken. Vor dem Schaufenster reihen sich Opel an Opel, vom "aeroblauen" Corsa 1,2 TP für 13 290 Euro bis zum "saphirschwarzen" Vectra Caravan für 39 535 Euro.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Modernste Technik versprechen sie ihren potentiellen Fahrern, sparsam sind sie allesamt und günstig zu haben sowieso. Als Tageszulassung schon mal gern 30 Prozent billiger. Nur die Kunden fehlen.

          An diesem Morgen ist es besonders trostlos, niemand verirrt sich auf das Gelände des Frankfurter Autohändlers Georg von Opel. Geschäftsführer Claus Bauernfeind ist seit 25 Jahren im Geschäft, kennt das Auf und Ab. "Wir spüren natürlich die Verunsicherung", sagt er. "Mir haben sogar schon Kunden erzählt, sie hätten ihr Geld von der Bank geholt."

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          Gold geht vor Auto

          Aber die Kunden holen nicht das Geld, um es zum Autohändler um die Ecke zu tragen. Wer denkt in diesen Tagen schon an den Autokauf, wenn ihm das Geld sogar auf dem Bankkonto nicht mehr sicher scheint? Der Ansturm auf das Edelmetall Gold ist jedenfalls größer.

          Glaubt man den Erzählungen von Börsianern, dann steht der Autoindustrie eine ähnliche Krise bevor, wie sie die Banken in aller Welt gerade durchmachen. So manch einer redet gar von Übernahmen und Fusionen. Da könnte aus den Überlegungen, wie Daimler und BMW gemeinsam Teile einkaufen oder Motoren für Kleinwagen entwickeln, in der Krise schnell mal ein Fusionskonzern gezimmert werden. Unter tatkräftiger Mithilfe der Bundesregierung, versteht sich. Auch wenn das manchem Beobachter heute noch abwegig erscheint, so sind sich die Fachleute seit dieser Woche einig, dass die Finanzkrise in der Realwirtschaft angekommen ist. Und zwar zuerst in Deutschlands Vorzeigeindustrie.

          „Das ist alles sehr heftig“

          "Das, was zunächst nach einer Bankenkrise aussah, ist eine echte Wirtschaftskrise", sagt etwa Norbert Wittemann, Direktor der internationalen Unternehmensberatung PRTM. Und die Autoindustrie, fügt er hinzu, "ist ein Konjunkturindikator." Und für Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut Global Insight steht fest: "Nächstes Jahr wird noch härter als dieses Jahr."

          Hohe Materialpreise und Rohstoffkosten, fehlende Nachfrage in gesättigten Märkten, noch dazu ein gestiegenes Refinanzierungsrisiko, und das in Zeiten, in denen sich viele Autokonzerne große Investitionsprogramme genehmigt haben, um Milliarden in die Entwicklung sparsamer und umweltfreundlicher Autos zu stecken: "Das zusammen", sagt Stürmer, "ist alles sehr heftig."

          Produktionskürzungen als Vorsichtsmaßnahme

          Ziemlich heftig waren bereits die Meldungen in dieser Woche aus den Zentralen der großen Autokonzerne. Von General Motors bis zu BMW und Daimler - fast alle Hersteller müssen schon jetzt ihre Produktion drosseln, weil die Nachfrage in aller Welt wegbricht.

          Vom kommenden Montag an brauchen die Opel-Beschäftigten in Eisenach nicht mehr in den Fabrikhallen zu erscheinen. Im ostdeutschen Opel-Werk stehen in den kommenden drei Wochen die Bänder still, ebenso in Bochum, Saragossa, Antwerpen. Gut 40 000 Corsa, Astra oder Meriva werden nicht gebaut. Opel-Händler Bauernfeind hält die angekündigten Produktionskürzungen für eine Vorsichtsmaßnahme. Autos zu bauen, für die es keine Nachfrage gibt, träfe auch ihn: "Unter Preis verkaufen wäre viel schlimmer."

          Sie sind erst der Anfang

          So sinnvoll Produktionskürzungen in der augenblicklichen Lage auch sein mögen, sie können auch Angst machen. Dann nämlich, wenn es nur der Auftakt für eine Krise ist, die im Verlust Tausender von Arbeitsplätzen mündet. Allein in Deutschland hängt jeder siebte Job an der Autoindustrie. Erste Fachleute sehen von den 750 000 Stellen in Deutschland gleich 100 000 in Gefahr.

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