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Sinkende Verkaufszahlen : China hat den Auto-Kater

Alles unter Kontrolle: Ein Sicherheitsmitarbeiter überwacht den Aufbau der Automesse in Schanghai. Bild: EPA

Heute beginnt die Automesse in Schanghai. Doch zum ersten Mal gehen die Verkäufe im größten Markt der Welt zurück. Haben die Chinesen etwa die Lust am Auto verloren?

          In einem Volkswagen-Autohaus im Schanghaier Westen will der Händler den schlechten Nachrichten vom größten Automarkt der Welt nicht trauen. Denn bisher brummte die Autokonjunktur in China. Schließlich hatten die Chinesen erst Anfang der neunziger Jahren begonnen, in bedeutender Zahl Autos zu kaufen. Seitdem sind die Verkäufe jedes Jahr kräftig gestiegen, zuletzt auf rund 28 Millionen Stück. Für Volkswagen und die anderen deutschen Hersteller ist China längst zum größten und profitabelsten Markt avanciert.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Doch wenn am Dienstag in Schanghai eine der größten Automessen der Welt für Fachbesucher und Presse ihre Türen öffnet, hängt die Zahl neun wie ein böses Omen über den 340.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in den Messehallen: Den neunten Monat in Folge ist der Absatz auf dem chinesischen Markt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken. Im Februar um fast 14 Prozent, im März immerhin noch um mehr als 5 Prozent. „Glaube ich nicht“, sagt der VW-Händler im Westen der Stadt. „Die Zahlen sind bestimmt manipuliert. In Wahrheit müssten sie noch viel schlechter sein. Im März habe ich ein einziges Auto verkauft.“

          Da mögen es der Volkswagen-Konzern, Daimler und BMW an den Vorabenden während ihrer Auftaktpartys zur Auto Show gemäß dem Stil der Branche auch noch so krachen lassen. Dahin ist das gute Gefühl der Vorjahre, als sich Autos in China fast wie von selbst mit zuweilen zweistelligen Wachstumsraten verkauften. Auf 1000 Chinesen kämen statistisch betrachtet noch nicht einmal 200 Autos, beliebte Daimlers China-Vorstand Hubertus Troska früher in seinen Präsentationen vorzurechnen. Da sei noch viel Luft nach oben, Smog in den Innenstädten hin oder her. In Amerika läge die Zahl schließlich bei rund 800, in Deutschland immerhin bei fast 600 Autos.

          Wer im Bordunterhaltungsprogramm von chinesischen Fluglinien einen Spielfilm anschauen will, muss sich zunächst zehn Minuten lang durch Werbespots für Autos quälen. Kaum eine Investition in China galt in den vergangenen Jahren so sicher wie in die Lust der Chinesen, ihren wirtschaftlichen Aufstieg mit einem funkelnden neuen Fahrzeug Ausdruck zu verleihen. Allein in den zehn Jahren von 2008 bis 2017 stieg die Zahl der verkauften Autos von 6,7 Millionen auf 24,7 Millionen, ein Zuwachs von 270 Prozent. Dann sank die Zahl im vergangenen Jahr zum ersten Mal in der Geschichte der Volksrepublik: auf 23,7 Millionen.

          Ist der Aufschwung nun vorbei, der Markt gesättigt, wie in China allenthalben zu hören ist? Der immer noch nicht gelöste Handelsstreit mit den Vereinigten Staaten wird als Grund angeführt dafür, dass die Chinesen die Lust am Konsum verloren hätten. Dass der Aktienmarkt im vergangenen Jahr in Schanghai um ein Viertel, an der Börse in Shenzhen um rund 30 Prozent eingebrochen war, dürfte ebenfalls die Kauflaune gezügelt haben.

          VW-Manager sieht „keine Goldgräberstimmung“

          Marktführer Volkswagen, der in guten Jahren in China zwei Drittel des gesamten Konzerngewinns eingefahren hat, versucht die Erzählung vom Ende des chinesischen Auto-Aufschwungs mit Optimismus zu zerstreuen. Dass der Markt im März lediglich um 5 Prozent im Minus gelegen habe und nicht mehr zweistellig wie in den Vormonaten, nennt VW-Marken-Vertriebschef Jürgen Stackmann eine „Belebung“. Allerdings herrsche noch „keine Goldgräberstimmung“, gesteht der Manager ein.

          Nachdem Chinas Regierung mit Wirkung zum April den Mehrwertsteuersatz um 3 Prozentpunkte gesenkt hat, solle der Absatz in der zweiten Jahreshälfte jedoch wieder an Fahrt aufnehmen. Ein Ergebnis auf Vorjahresniveau hält VW für möglich. Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen hingegen glaubt, dass der Gesamtmarkt auch im laufenden Jahr rückläufig sei. Eine Überkapazität von fast 5 Millionen Neuwagen hat er für das laufende Jahr in China errechnet. Das bedeutete, dass rund ein Fünftel der Produktionskapazität ungenutzt bliebe. Erst nach dem Jahr 2022 sei das Problem der Überkapazitäten gelöst.

          Der Markt in China sei eben wie alles im Land getrieben von den staatlichen Eingriffen der Regierung, schreibt Ernan Cui vom Pekinger Analysehaus Gavekal Dragonomics. Nachdem im Sommer 2015 der chinesische Aktienmarkt eingebrochen war und die Autoverkäufe spürbar zurückgingen, senkte die Regierung deren Besteuerung um 5 Prozentpunkte – so, wie sie es schon nach Ausbruch der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 getan hatte.

          Daraufhin stiegen die Verkäufe im vierten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Fünftel. In der Folgezeit hielt der Aufschwung an. Im Jahr 2017 nahm die Regierung die Steuererleichterung wieder teilweise zurück. Im Jahr 2018 eliminierte sie die Subvention komplett. Nachdem an den Börsen die Kurse fielen wie Steine, Hunderte Kredittauschbörsen im Land zahlungsunfähig wurden und das Ersparte von zig Millionen Anlegern vernichteten und zu allem Übel auch noch die Unsicherheit über den Zollkrieg zwischen China und den Vereinigten Staaten zunahm, gingen die Verkäufe im vierten Quartal um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück.

          Potential noch nicht erschöpft

          Selbst wenn die Chance in Metropolen wie Schanghai, ein Nummernschild zu erhalten, wegen der strikten Regulierung äußerst gering ist, dürfte in den weniger bekannten Millionenstädten im Hinterland noch viel Raum sein für den Verkauf von Autos – genauer gesagt: von sportlichen Geländewagen (SUV) mit klassischem Benzinmotor.

          Aus diesem Segment stammen schon heute 40 Prozent aller Fahrzeugverkäufe. Hersteller Great Wall aus der nördlichen Provinz Hebei hat im vergangenen Jahr 884.000 SUV verkauft, was sogar 85 Prozent seines gesamten Absatzes ausmacht.

          Von dem Phänomen haben mittlerweile auch die deutschen Hersteller gehört. Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche kündigte am Montag in Schanghai an, noch dieses Jahr einen neuen kompakten SUV in China zu verkaufen. Volkswagen will bis zum Ende nächsten Jahres gar ein Dutzend SUV-Modelle im Angebot haben – damit der Konzern wieder träumen darf im größten Automarkt der Welt.

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