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Autokauf : „Will sonst noch jemand einen Corsa?“

Viel los im Autohaus Bild: dpa

Alle reden von der Abwrackprämie und vom neuen Ansturm auf Autohäuser wie Schrottplätze. Löst sich die Autokrise gerade in Luft auf? Wie geht es momentan wirklich zu bei den Händlern? Ein Autokauf-Selbstversuch mit erstaunlichen Ergebnissen.

          Ich kann einfach nicht widerstehen: Ich will ein Auto kaufen mitten in der Wirtschaftskrise. 2500 Euro Abwrackprämie gibt mir die Regierung für meinen alten, klapprigen Ford Fiesta, der vielleicht noch ein paar hundert Euro wert ist. 20 Prozent Rabatt und mehr geben mir die Autohäuser, weil Krise ist. Und wegen des ersten Konjunkturpakets kann ich auch noch ein Jahr lang Steuern sparen.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Der Mann im Peugeot-Autohaus um die Ecke ist am Ende. Hektische Flecken im Gesicht, Chaos auf dem Schreibtisch, dauernd klingelt das Handy. „Seit einer Woche geht das schon so“, jammert er. 12 bis 14 Stunden hätten seine Arbeitstage und während der Öffnungszeiten nur noch Kundschaft, am laufenden Band. Zur Büroarbeit komme er kaum. „Dabei sind wir quasi ausverkauft!“ Schon wieder klingelt das Telefon: „Ja, das wäre total nett, vielen Dank, bis später.“ - „Das war meine Mutter“, erklärt mir der Verkäufer. „Die hat gefragt, ob sie wieder Suppe kochen und den Tisch decken soll.“ Zeit, sich sein eigenes Essen zu kochen, habe er im Moment leider keine.

          „Also das was alle wollen“

          Beinahe amüsiert hört er sich an, was ich haben möchte. Einen Kleinwagen, möglichst verbrauchsarm und umweltfreundlich. Die Farbe ist mir egal. Vier Türen sollte er haben, möglicherweise eine Klimaanlage. Sonst kein Schnickschnack.

          „Also das was alle wollen“, fasst er kurz und bündig zusammen und wirft seinen Computer an, scannt mit geübtem Blick Tabellen und Preise und schüttelt dann langsam den Kopf. „Genau einen haben wir noch im Verzeichnis“, sagt er dann, „aber der ist noch gar nicht gebaut“. Bis März müsste ich auf den Wagen warten und mich „bitte auch schnell entscheiden“. Denn morgen sei bestimmt auch dieses Auto weg, versichert der Verkäufer und deutet mit unbestimmtem Kopfnicken auf die vielen Leute, die mit Kaffeebechern in der Warteecke herumstehen oder gelangweilt um die ausgestellten Autos mit den „Leider verkauft“-Schildern herumwandern.

          „Leider haben wir nur zwei Verkäufer“

          Statt schnell zu entscheiden gehe ich lieber noch mal weiter. Opel ist mein Ziel, da war doch was mit übler Finanznot beim Mutterkonzern und mit Kurzarbeit in den deutschen Werken. Da wurde doch ohne Ende über Staatshilfen debattiert - bei Opel muss doch einfach ein Krisenschnäppchen zu holen sein.

          Erstmal gibt es wieder Kaffee. „Leider haben wir nur zwei Verkäufer“, sagt die blonde Empfangsdame bedauernd - „und Sie sehen ja, was hier los ist“. Das sehe ich. In losen Warteschlangen haben sich die Interessenten um die Schreibtische der beiden Herren postiert. „Ich habe einen Termin“, merkt eine Frau an, doch so wirklich beachtet das keiner. Eine andere Dame ist an der Reihe. „Ich will einen Corsa kaufen“, erklärt sie dem Verkäufer, „Farbe egal, wenig Schnickschnack, verbrauchsarm...“. „Moment“, unterbricht er sie und ruft in die Runde. „Will hier noch jemand einen Corsa, der kann sich gleich dazusetzen.“

          Auf die Gefahr hin, mich in dem Massenverkaufsgespräch zu blamieren, frage ich nach einem Jahreswagen - und werde ausgelacht. Was ich denn für Vorstellungen hätte? Jahreswagen seien schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr zu haben. „Letzte Woche, da hätten wir immerhin noch Tageszulassungen gehabt“, erklärt mir der Verkäufer. „Aber da hätten Sie sich dann drum kloppen müssen.“

          „Ein Ansturm wie kurz nach dem Mauerfall“

          Ich beschließe, mich auch noch bei den Japanern umzusehen. Im Toyota-Autohaus hat erst mal nur der Azubi für mich Zeit. Mit geröteten Wangen vertraut er mir an: „Das ist mein erstes echtes Verkaufsgespräch. In diesen Zeiten muss hier jeder mithelfen.“ Sein Chef erklärt später: „Es ist der totale Wahnsinn, was hier los ist. Die Leute sind wie angestochen.“ Er habe einen solchen Ansturm noch nie erlebt. „Das kenne ich nur aus Erzählungen aus der Zeit nach dem Mauerfall. Da kamen sie auch in Massen aus Ostdeutschland, weil sie ihre Trabbis satt hatten und neue Autos wollten.“ Ein einzelnes Angebot für eine Tageszulassung kramt er mir dann doch noch aus dem Computer. Den Vertrag soll ich sofort unterschreiben. „Sonst ist der auch weg.“

          Das geht mir alles entschieden zu schnell. Resigniert finde ich mich irgendwann in einem BMW-Autohaus wieder. In der Ausstellungshalle ist ruhig. Eine einzelne Kundin begutachtet die blankgewienerten Wagen. „Leider verkauft“-Schilder kann ich keine entdecken. Der Verkäufer hat sofort Zeit und berät mich ausführlich. Die Abwrackprämie? „Naja“, sagt er, „soviel haben wir damit nicht zu tun. Kaum einer unserer Kunden hat ein neun Jahre altes Auto zu Hause.“ Einen Unterschied in der Nachfrage merke man eigentlich nicht in den letzten Wochen, vertraut er mir an.

          Auch meine Nachfrage hält sich in Grenzen. Einen 1er BMW kann ich mir im Moment leider nicht leisten. Als ich das Autohaus verlasse, hält mir der Verkäufer sogar noch die Tür auf. Hinter mir wartet sowieso kein Interessent. Im Herausgehen sagt er dann tatsächlich noch: „Helfen Sie mit, gegen die Krise zu kämpfen. Kaufen Sie hier, unterstützen Sie deutsche Qualitätsarbeit.“

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