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Diesel-Manipulationen : Wusste Winterkorn schon 2007 Bescheid?

Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, kommt als Zeuge zur Sitzung des Abgas-Untersuchungsausschusses des Bundestags. Bild: dpa

Der ehemalige starke Mann von VW beteuert bislang, erst 2015 von dem Betrug im eigenen Haus erfahren zu haben. Doch nun taucht in Ermittlungsakten eine Präsentation über fragwürdige Software auf.

          Der frühere Volkswagen-Chef Martin Winterkorn kommt im Skandal um manipulierte Motorensoftware bei den Abgaswerten von Dieselautos durch Zeugenaussagen offenbar stärker unter Druck als bislang bekannt war. So sollen Zeugenaussagen und Dokumente nach Informationen des „Spiegel“ nahelegen, dass Winterkorn und andere Führungskräfte des Unternehmens bereits 2007 in die Software-Pläne eingeweiht waren, die womöglich den Grundstein für die Abgasmanipulation legten.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Das Blatt beruft sich auf die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Braunschweig, nach denen die Ermittler auf eine Sitzung am 8. November 2007 bei Volkswagen gestoßen seien. „Bei diesem Treffen wurde unter Beteiligung Winterkorns und anderer Topmanager besprochen, wie ein neuer Dieselmotor umgerüstet werden könnte“, heißt es in dem Vorabbericht des Blattes vom Freitag. Unklar bleibt aber auch nach diesen Aussagen und Dokumenten offenbar, wie weit Winterkorn während dieser Sitzung von den Manipulationen erfahren hat. Winterkorn ließ über seinen Anwalt gegenüber der F.A.Z. erklären, er schließe aus „dass bei einem Treffen 2007 in seiner Gegenwart etwas vorgetragen worden wäre, das auf mögliche Manipulationen von Abgaswerten durch Softwareeinsatz hingedeutet hätte“.

          Volkswagen hat stets erklärt, der Abgasbetrug sei das Werk einiger Ingenieure und Motorenentwickler gewesen. „Die Entscheidung zur Entwicklung und zur Installation dieser Softwarefunktion wurde 2006 von bestimmten VW-Mitarbeitern aus den Abteilungen ,Dieselmotorenentwicklung’ (EAD) und ,Antriebselektronik’ des Bereichs ,Aggregate-Entwicklung’ (EA) und damit unterhalb der Vorstandsebene getroffen“, heißt es in der Klageerwiderung im Anleger-Musterverfahren vor dem Braunschweiger Oberlandesgericht. Die betreffenden VW-Motorenentwickler hätten zum damaligen Zeitpunkt keine andere technologische Möglichkeit gesehen, die von 2007 an geltenden verschärften amerikanischen Abgas-Grenzwerte zu erreichen.

          Volkswagen bestreitet

          In dem Schriftsatz, der der F.A.Z. vorliegt, heißt es auch, dass kein Vorstandsmitglied von VW „zu diesem Zeitpunkt oder in den nachfolgenden Monaten und Jahren“ Kenntnis von der manipulierten Motorsteuerungen der EA 189-Dieselmotoren hatte. Volkswagen zufolge hat die Führungsebene von VW von den betrügerischen Manipulationen erst erfahren, als die amerikanischen Umweltbehörden den Betrug im September 2015 öffentlich machten.

          Aus dem Bericht über das Treffen geht nicht hervor, dass Winterkorn auf der Sitzung im November 2007 direkt über die Software informiert wurde. Während der Sitzung sollen zwei VW-Ingenieure mögliche technische Lösungen präsentiert haben, zum Beispiel sollte der Motor einen neuen leistungsfähigen Katalysator erhalten.

          „Allerdings tauchte in den ergänzenden Unterlagen der Präsentation offenbar auch eine fragwürdige Software auf: Sie konnte anhand bestimmter Parameter unterscheiden, ob das Auto im Normalbetrieb war oder im ,testrelevanten Bereich’ – also ob die Fahrbedingungen auf eine Testsituation schließen ließen“, heißt es in dem Bericht. Volkswagen habe die Aussagen der Zeugen nicht kommentiert: „Die gesamthafte Einordnung der Aussagen und Geschehnisse ist Sache der zuständigen Gerichte und Behörden.“

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