https://www.faz.net/-gqe-9v8ow

Übernahme von IT-Spezialisten : So will VW seine Autos zu digitalen Einkaufszentren machen

Das Logo des Stuttgarter IT-Spezialisten Diconium Bild: dpa

VW übernimmt den Stuttgarter IT-Spezialisten Diconium. So sollen Kunden künftig im Auto digitale Dienste wie Multimedia-Streaming oder automatisches Bezahlen beim Tanken oder Laden nutzen können.

          3 Min.

          Volkswagen übernimmt den Stuttgarter IT-Spezialisten Diconium und stärkt damit spürbar seine Software-Kompetenz. „Die Übernahme ermöglicht es, dass unsere Software-Einheit sehr viel schneller wächst“, sagte der Software-Chef von VW, Christian Senger, der F.A.Z. Volkswagen gab am Freitag bekannt, dass die Wolfsburger den Software-Entwickler zu 100 Prozent übernehmen. Schon Ende 2018 war VW mit 49 Prozent bei Diconium eingestiegen, nachdem beide Unternehmen bereits Jahre zusammengearbeitet hatten.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Das Stuttgarter IT-Unternehmen, das 1995 gegründet wurde, entwickelt Vertriebsplattformen für digitale Produkte. „Wir machen Software zu unserer weiteren Kernkompetenz“, sagte Senger. Für Volkswagen war der Einstieg in das inhabergeführte Unternehmen ein wichtiger Schritt in der Strategie, mit dem Verkaufsstart für das neue Elektroauto ID.3 in diesem Sommer auch umfassend digitale Dienste im vernetzten Auto anbieten zu können.

          Unter dem Dach der neuen Software-Organisation von VW entwickeln die Fachleute in Stuttgart eine globale Online-Vertriebsplattform. „Digitalisierung wird immer wichtiger“, sagte der Vertriebsvorstand der Marke VW, Jürgen Stackmann. Kunden sollen über die Plattform künftig digitale Dienste wie Multimedia-Streaming im Auto oder automatisches Bezahlen beim Tanken oder Laden sowie Updates für das Fahrzeug kaufen und verwalten können. „Das Nutzerverhalten ändert sich, die Vernetzung des Autos wird für die Kunden immer wichtiger“, sagte Andreas Schwend, einer der Mitbegründer von Diconium, der F.A.Z.

          Ein hoher dreistelliger Millionenbetrag

          Für Senger, der Vorstand der Marke VW ist, ist die Übernahme der Stuttgarter IT-Spezialisten auch ein großer Schritt auf dem Weg, die neue Software-Einheit im Konzern zu einer eigenen Marke im Wolfsburger Konzern auszubauen. Diconium hat eine Art digitales Kaufhaus mit Nutzeroberfläche entwickelt, über das VW-Kunden in Zukunft neue Dienste buchen sollen. „Parken, tanken, bezahlen, das läuft dann alles über eine App“, sagte VW-Vertriebsvorstand Stackmann. Digitalisierung werde für die Fahrzeuge immer wichtiger. „Unser Ziel ist es, das Auto zu einem vernetzten, digitalen Einkaufszentrum zu machen.“

          Die Plattform soll als Grundlage von allen Konzernmarken genutzt werden. Über den Kaufpreis vereinbarten VW und Diconium Stillschweigen. Nach Informationen der F.A.Z. lässt sich Volkswagen die Digitalisierung der Kundenseite und damit auch den Aufbau des von Stackmann angesprochenen digitalen Einkaufszentrums einen hohen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Diconium soll unter dem Dach von VW weiter als eigenständiges Unternehmen agieren und seinen Namen behalten.

          „Das ist wichtig, weil wir auch in Zukunft einen großen Teil unserer Umsätze mit Drittkunden machen wollen“, sagte Schwend. In Stuttgart ist die Rede von rund 50 Prozent. „Unsere Marke und DNA bleiben erhalten“, sagte Schwend. Für VW sei es wichtig, dass die digitalen Geschäftsmodelle in der eigenen Hand bleiben. „Software wird in Zukunft einen immer größeren Teil der Wertschöpfung ausmachen.“

          So begründen die Gründer den Verkauf

          Sengers neue Einheit gewinnt mit dem Stuttgarter IT-Spezialisten, der einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro macht, auf einen Schlag 1200 neue Mitarbeiter. „Mit der Übernahme bekommen wir Zugang zu exzellenter Expertise“, sagte der VW-Vorstand. Mit rund 500 Software-Fachleuten in einer, wie es bei VW damals hieß, „agilen Software-Einheit“ hat Senger im Frühjahr 2019 begonnen. Bis 2025 soll die Zahl der Mitarbeiter seiner Einheit auf 10.000 steigen. Allein in diesem Jahr will VW neben der Übernahme von Diconium rund 2500 neue Software- und Digitalexperten einstellen. Knapp 10 Prozent der Software entwickelt VW derzeit selbst, bis 2025 sollen es mehr als 60 Prozent sein.

          „Der Aufbau der Software-Unit bei VW ist so spannend, dass wir dabei sein wollten“, begründete Schwend die Entscheidung der Gründer, ihr Unternehmen ganz an VW zu verkaufen. Die Zusammenarbeit mit den neuen Gesellschaftern sei im letzten Jahr sehr viel angenehmer gewesen, „als wir das erwartet hatten. Der neue Schritt gibt uns nun die Perspektive, weiter zu wachsen“, sagte er. Diconium hat Mitarbeiter in Deutschland, Portugal, Indien und den Vereinigten Staaten. Senger sagte, dass es VW wichtig sei, dass das Gründerteam dabei bleibe. „Wir wollen Software mit ihnen zu einem Zukunftsmodell für Volkswagen machen“, sagte er.

          Vorne mit dabei

          Neu in den Vorstand des Stuttgarter IT-Spezialisten zieht Anja Hendel ein. Sie hat in den letzten 6 Jahren bei Porsche die Digital-Strategie mit entwickelt. Aufgabe sei es jetzt, aus einer Dienstleisterrolle zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe zu kommen. „Die Kunst wird es sein, die Hardware-Welt bei VW mit der Software-Welt zusammenzubringen“, sagte sie. Auch damit habe Diconium Erfahrung. „Schon jetzt unterstützen wir Unternehmen bei der digitalen Transformation“, sagte Schwend.

          Wie wichtig Software-Kompetenz für die Automobilunternehmen wird, machte in dieser Woche der japanische Elektronikkonzern Sony auf der Technik-Messe CES in Las Vegas deutlich. Die Japaner präsentierten dort überraschend ein eigenes Auto – wobei es ihnen in erster Linie darum ging zu zeigen, was an Sony-Elektronik und Software im Auto ist. „Sony zeigt, was für ein Wandel in der Branche stattfindet“, sagte VW-Software-Vorstand Senger. 

          Alle investierten jetzt in Elektromobilität und in Vernetzung. „Deswegen bekommen wir völlig neue Wettbewerber.“ Senger erwartet, dass noch vor 2025 eine Neuordnung der Branche stattfinden wird und dass sich in den nächsten zwei Jahren mehr neue Spieler im Markt bewegen. VW sei mit seiner Strategie aber auch bei der Software und beim vernetzten Auto vorne mit dabei. „Die entscheidende Frage wird sein, wer als erster auf eine augenfällige Zahl von Nutzern kommt“, sagte er. „Da haben wir eine gute Chance.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Besuch am Tegernsee dürfte vielen Münchnern in diesem Jahr verwehrt bleiben.

          Regelungen wegen Corona : Was an Ostern erlaubt ist

          Kurz vor den Ferien haben einige Bundesländer neue Bußgelder eingeführt, Verstöße gegen das Kontaktverbot können teuer werden. Mecklenburg-Vorpommern setzt auf strenge Kennzeichen-Kontrollen, Berlin lockert die Regeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.