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Neu im Straßenverkehr : Wenn der Elektroroller nicht mehr weiter will

Mehr als 4000 Roller von Circ können bundesweit gemietet werden. Bild: Reuters

Die Elektroroller haben die Städte erobert. Nun müssen die Anbieter der E-Scooter-Verleihsysteme viel Wert auf Wartung legen.

          Aus der Ferne könnte man den mitten in Frankfurt abgestellten Elektroroller für ein Modell mit Klappfunktion halten. Die Lenkstange des Fahrzeugs des Vermieters Circ ist nach hinten geknickt und ragt nun parallel über das Trittbrett. Aus der Nähe betrachtet wird allerdings schnell deutlich: Dieser Roller, der an einem Teich im Frankfurter Anlagenring nahe der Alten Oper steht, ist kaputt, die Lenkstange ist aus der Halterung gebrochen. Und es ist nicht das einzige Circ-Fahrzeug mit diesem Defekt. Nur ein paar hundert Meter weiter, an der Mainzer Landstraße, hat ein Kunde des Rollervermieters den nächsten vermeintlichen Roller zum Einklappen abgestellt.

          Nach eigenen Angaben hat Circ derzeit mehr als 700 Roller in Frankfurt in Betrieb. Die beiden kaputten Fahrzeuge ergeben daher noch nicht einmal eine Ausfallquote in einstelliger Prozenthöhe. Zudem ist nicht klar ist, was genau zu dieser Beschädigung führte: War es ein Materialfehler, war es Vandalismus, oder ließ das Fehlverhalten eines Nutzers die Lenkstangen brechen?

          Auf Anfrage teilt Circ jedenfalls mit, dass dem Unternehmen der aufgetretene Defekt bisher nicht bekannt sei. „Uns liegen von daher noch keine Daten über derartig beschädigte Roller vor“, heißt es weiter. Es handele sich vermutlich um Einzelfälle. Was die selbst entwickelten Roller betrifft, lege Circ ohnehin wert auf hohe Qualitätsstandards und besondere Sicherheitsmerkmale, sagt eine Sprecherin.

          Rund um die Uhr

          Ob Einzelfall oder nicht – die defekten E-Scooter in Frankfurt werfen ein Schlaglicht auf die Frage, was eigentlich passiert, wenn der Roller eines Vermietsystems nicht mehr funktioniert, weil die Batterie leer oder er sogar beschädigt ist? Nachdem die Elektrokleinstfahrzeuge Ende Juni in Deutschland zugelassen worden sind, steigt ihre Zahl zumindest in vielen großen deutschen Städten derzeit weiter. Die Circ-Flotte in Berlin, Hamburg, München, Köln oder Frankfurt umfasst inzwischen mehr als 4000 Roller.

          Der Konkurrent Tier hat nach eigenen Angaben in 16 deutschen Städten mehr als 14.000 Roller bereitgestellt und inzwischen mehr als zwei Millionen Fahrten vermittelt. Alle diese Roller müssen früher oder später aufgeladen, gewartet und manchmal eben auch umfassender repariert werden.

          Was diese Tätigkeiten betrifft, verfolgen die Rolleranbieter einen ähnlichen Ansatz. Über Logistikdienstleister oder mit eigenen Angestellten holen sie entladene oder defekte Roller in Werkstätten, die sie in den jeweiligen Städten angemietet haben. Dort arbeiten dann Mechaniker, die die Roller aufladen, Schrauben anziehen oder defekte Teile austauschen.

          Je nach Stadt sind nach Angaben der Circ-Sprecherin 15 bis 50 Angestellte des Unternehmens rund um die Uhr mit der Wartung der Fahrzeuge beschäftigt. Auch Tier unterhält solche Standorte mit gut einem halben Dutzend Mitarbeitern in allen deutschen Städten, sagt ein Sprecher. Wenn der Bedarf groß sei, werde die Mitarbeiterzahl kurzfristig aufgestockt.

          Die intensive Wartung liegt den Unternehmen aus einem relativ einfachen Grund am Herzen. Jeder einzelne Elektroroller kostet viel Geld, je nach Anbieter mehr als 500 Euro. Um diese Anschaffungskosten wieder einzufahren, müssen die Fahrzeuge eine gewisse Mindestlebensdauer erreichen. Je länger aber ein Roller darüber hinaus in Betrieb gehalten werden kann, desto mehr Geld wirft er auch ab.

          Den Rolleranbietern hierzulande dürfte zudem die Erfahrung der schon länger auf dem Markt agierenden Konkurrenz in den Vereinigten Staaten bewusst sein: Eine Auswertung von offen zugänglichen Daten aus der Stadt Louisville durch das Online-Medium „Quartz“ hatte ergeben, dass ein Roller des Anbieters Bird durchschnittlich gerade einmal 29 Tage hält, bevor er kaputt geht. Auch wenn sich diese hochgerechnete Lebensdauer auf eine relativ kleine Zahl von Fahrzeugen bezieht, ist sie doch viel zu kurz, um das Aufstellen der Roller rentabel betreiben zu können.

          Deshalb ist die regelmäßige Wartung ein Grundprinzip der Anbieter. „Uns ist daran gelegen, dass die Roller möglichst lange halten“, sagt die Circ-Sprecherin. Auch Tier achtet genau auf die Langlebigkeit seiner Roller. Nach den ersten beiden Betriebsmonaten hat sich die prognostizierte Lebensdauer nach Angaben des Sprechers auch wegen der Wartung von anfangs zehn auf inzwischen vierzehn Monate erhöht. Wenn aber dennoch mit einem Roller wie in Frankfurt gar nichts mehr geht, landet er nach Angaben der Unternehmen nicht auf dem Müll. Er werde zum Ersatzteillager für andere Roller, die zur Reparatur kommen.

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