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Was geschah bei VW? : Nützliche Kriminalität

Staatliche Abgasmessung in Südkorea Bild: dpa

„Existenzbedrohend“ nennt der künftige VW-Aufsichtsratschef den Abgasskandal. Warum bloß setzt ein Konzern seinen Fortbestand so leichtfertig aufs Spiel? Soziologen haben Erklärungen - sogar einen Fachbegriff: „Nützliche Illegalität“. Warum nützlich?

          Volkswagen macht einen fassungslos: Wie kann ein Automobilkonzern seine Existenz so leichtfertig aufs Spiel setzen? Weshalb riskiert ein Unternehmen durch Tricksereien mit Abgaswerten Schadenersatzforderungen und Strafzahlungen, die es ruinieren können - und womöglich die ganze deutsche Industrie mit in den Abgrund ziehen? Wie konnten elf Millionen Autos manipuliert werden, ohne dass die Konzernspitze einschreitet? Vielleicht hat der Skandal eine eigene Rationalität und ist am Ende gar nicht so absurd - sondern ziemlich alltäglich?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein berühmter Betrugsfall läuft so: Bei der Montage der Tragflächen für Kampfflugzeuge in einer Fabrik im Staat New York in der Nachkriegszeit müssen Schrauben in vormontierte Muttern eingeführt werden. Leider lassen sie sich aber häufig nicht genau einpassen. Da kam die Idee auf, einen Gewindebohrer einzusetzen, um ein wenig nachzuhelfen, so dass die jeweilige Schraube doch noch in die Mutter passt. Der Einsatz von Gewindebohrern ist in dem Unternehmen strikt verboten, denn das könnte dazu führen, dass sich später durch die Vibration des Flugzeuges die Schrauben lösen. Im Extremfall würde dies zum Absturz eines Flugzeuges führen.

          Der Clou: Trotz des strikten Verbotes wird der Gewindebohrer in der Fabrik breit eingesetzt. Jeder Montagemitarbeiter hatte Zugang zu einem der Bohrer, die Hälfte der Arbeiter im Montagebereich besitzt sogar persönlich einen. Auch die Vorarbeiter, die eigentlich auf korrekte Anwendung der Vorschriften achten müssen, dulden den Verstoß: Denn der Betrug macht es möglich, dass die strengen Zeitvorgaben erfüllt werden. Selbst die für Qualität zuständigen Inspekteure im Unternehmen sind durch stillschweigende Übereinkunft eingebunden. Nur die Kontrolleure der Luftwaffe werden als rigide gefürchtet (intern nennt man sie „Gestapo“). Tauchen sie auf, warnen die Arbeiter einander rechtzeitig gegenseitig und lassen die Bohrer so lange verschwinden, bis die Kontrolleure wieder weg sind.

          Die Parallelen sind frappierend

          Der Gewindebohrer-Betrug in der Flugzeugfabrik ist ein Klassiker der amerikanischen Organisationssoziologie. Er schildert das typische Muster von Fällen „nützlicher Illegalität“ (Niklas Luhmann): Dabei geht es um Verstöße gegen interne Regeln einer Firma und, in schlimmeren Fällen, auch gegen staatliche Gesetze. Solche Verstöße sind „nützlich“ und funktional im Sinne des Unternehmenszwecks, verkürzen Abläufe, sparen Geld. Viele Kollegen sind eingebunden: Sie wissen, ahnen dumpf, dulden stillschweigend. Anders als im Märchen gibt es keine eindeutigen Schurken.

          Könnte es so bei VW gelaufen sein? Die Parallelen sind frappierend. Weil eine Abgasreinigung in neuen Dieselmotoren, die alle gesetzlich geforderten Grenzwerte der Stickoxid-Emissionen einhält, zu teuer gewesen wäre, behalf man sich mit einer Software, die die Messwerte auf dem Prüfstand manipulierte. Eine saubere Lösung für Techniker, deren oberstes Ziel es ist, die ihnen vorgegebenen Messwerte zu erreichen - und dafür Boni erhalten. Ein Unrechtsbewusstsein ist in so einer Welt erst einmal nicht vorgesehen, jedenfalls sehr selten.

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