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Volkswagens Abgasskandal : Warum bei VW niemand „Stopp“ rief

Sinnbildlich: Ein verblichenes VW-Logo an einem Güterwagon steht für den maroden Zustand des Gesamtkonzerns. Bild: dpa

Haben wirklich nur wenige Mitarbeiter bei VW von den Abgas-Manipulationen gewusst? Ein Verhaltensforscher vermutet etwas ganz Anderes.

          Wie konnte es in einem als seriös geltenden Konzern wie Volkswagen zu einem derart schwerwiegenden Betrug kommen? Diese Frage hält nicht nur Staatsanwälte, Politiker und VW-Kunden in Atem, auch Forscher suchen nach Antworten. „Im vorliegenden Fall mussten viele unter den Mitarbeitern und im Management von der Manipulation gewusst haben“, sagt Bernd Irlenbusch, Professor für Unternehmensentwicklung und Wirtschaftsethik an der Universität Köln. Der Wissenschaftler widerspricht damit den Aussagen des neuen VW-Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller, der der F.A.Z. vor wenigen Tagen gesagt hatte, dass nach jetzigem Kenntnisstand nur wenige Mitarbeiter involviert gewesen seien.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Falls Irlenbusch richtigliegt, stellt sich umso dringender die Frage, warum in dem riesigen Unternehmen nicht ein einziger Manager lautstark gegen den Betrug an Kunden und Behörden widersprochen hat. Verhaltensforscher Irlenbusch, der das moralische Verhalten von Menschen in vielen empirischen Studien untersucht hat, sieht eine Reihe von Bedingungen, die das Fehlverhalten begünstigt haben könnten. So sei es möglich, dass die Mitarbeiter auf eine moralisch „schiefe Ebene“ geraten seien, sich also eher kleinere Grenzüberschreitungen aneinandergereiht haben. „Das Problem ist, dass man solche kleinen Schritte bei sich selbst oder bei anderen kaum wahrnimmt und sie noch gerade so rechtfertigen kann“, erklärt Irlenbusch. So gebe es viele kleinere Mittel, um Abgaswerte im Test besonders vorteilhaft erscheinen zu lassen: „Da ist das Verwenden von Software zur Manipulation der Abgaswerte in gewisser Weise nur ein kleinerer weiterer Schritt.“

          „Saubermann“-Image führte zu moralischer Verzerrung

          Außerdem beobachtet der Forscher eine Reihe von Verzerrungen in der Organisation, die den Betrug begünstigt haben könnten. „VW hat sich selbst immer das Bild des sehr sauberen Autoherstellers gegeben“, sagt Irlenbusch. Was eigentlich positiv erscheint, kann zum Problem werden. Denn aus Studien mit Probanden ist bekannt, dass Menschen, die von ihrem moralischen Verhalten überzeugt sind, vor sich selbst den ein oder anderen Fehltritt besser rechtfertigen können – Irlenbusch spricht von einer „moralischen Lizenz“. Auch weitere systematische Verzerrungen im moralischen Verhalten, „wie zum Beispiel Konformität, Gehorsam in Hierarchien oder Gruppendruck scheinen in der Natur des Menschen zu liegen“, sagt der Ökonom. Angesichts dieser Erkenntnisse könnten Verfehlungen in Organisationen nicht ausschließlich durch Verweise auf einzelne Mitglieder erklärt werden können. „Unternehmen und deren Compliance-Abteilungen müssen gemeinsam mit der Wissenschaft innovative Wege finden, wie Bedingungen geschaffen werden können, dass solche systematischen Verzerrungen im moralischen Verhalten von Organisationsmitgliedern verringert werden“, fordert Irlenbusch.

          Volkswagen ist derzeit damit beschäftigt, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Am Dienstag kündigte der Konzern Sparmaßnahmen an. Zudem will VW stärker auf Elektroautos setzen. Saubere Technologien nun voranzutreiben, sieht der Forscher als aussichtsreich an, um wieder aus der Vertrauenskrise herauszugelangen. „Hier wären mutige Schritte von VW als Vorreiter hin zu einer breiten, preiswerten Einführung der alternativen Elektrotechnologie ein sichtbares Zeichen“, sagt der Ökonom. Allerdings greifen die bisherigen Ankündigungen des Konzerns nach Einschätzung des Wissenschaftlers zu kurz: „Es klingt für mich so, als sollte vor allem ein höherpreisiger Markt und nicht die breite Masse mit E-Autos versorgt werden.“ Tatsächlich zum Vorreiter zu werden sei hingegen eine Chance, die zur Tradition des Konzerns passe.

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