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VW-Skandal : Piëch rückt Winterkorn ins Zwielicht

Lange Zeit waren sich Martin Winterkorn und Ferdinand Piech wohlgesinnt. Bild: dpa

Angeblich sprachen die beiden schon im März 2015 über den Abgasskandal. In Hamburg wendet sich VW indes der Zukunft zu.

          3 Min.

          Rache, heißt es, genießt man am besten kalt. Für Ferdinand Piëch, den ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden des Volkswagen-Konzerns und Intimfeind des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn, scheint nach Monaten des Schweigens nun der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, sich im Abgasskandal von VW zu Wort zu melden. Schon im März 2015 habe Winterkorn ihn auf dem Genfer Autosalon konkret auf die Ermittlungen der amerikanischen Umweltbehörden wegen zu hoher Abgaswerte von Dieselautos von Volkswagen angesprochen, hat Piëch den Ermittlern der amerikanischen Anwaltskanzlei Jones Day angeblich bei seiner Befragung in seinem Haus in Salzburg gesagt. Am Rande einer Gremiensitzung habe Winterkorn ihn damals aber abblitzen lassen, wird aus der Befragung von Piëch berichtet. Er habe die Sache im Griff, habe Winterkorn entgegnet. Damit drängt sich abermals der Verdacht auf, dass Winterkorn – der im September 2015 wegen des Abgasskandals zurücktreten musste – möglicherweise doch früher von den Manipulationen an der Motorensoftware wusste, mit denen die Abgaswerte von Dieselautos gefälscht wurden.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Ein Sprecher von Volkswagen sagte dazu am Montag nur, „Spekulationen kommentieren wir nicht“. Zudem dürfte sich das Unternehmen zu den laufenden Ermittlungen von Jones Day nicht äußern. Die amerikanische Kanzlei will ihren Abschlussbericht im Spätherbst vorlegen. Dann sollen die Verantwortlichen und die Geschichte des Abgasskandals veröffentlicht werden. Wie in Wolfsburg zu hören war, habe sich durch Piëchs Aussage nicht viel geändert. Unklar bleibt nach wie vor, ob Winterkorn von den Manipulationen der Motorensoftware und den gewaltigen finanziellen Risiken gewusst hat. Der frühere Konzernchef bestreitet das, interne Ermittlungen von VW haben seine Version bestätigt.

          Wer wusste wann was?

          Dass die erhöhten Abgaswerte und die Probleme bekannt waren, ist unstrittig. Schon 2014 bekam Winterkorn Notizen, in denen er über Schwierigkeiten in Amerika informiert wurde. Technische Schwierigkeiten tauchten aber in global tätigen Autokonzernen immer mal wieder auf, hieß es dazu in Wolfsburg. „Nach aktuellem Kenntnisstand erfuhr die Angelegenheit, da sie vielmehr als ein Produktthema unter vielen behandelt wurde, zunächst auf den Führungsetagen von Volkswagen keine besondere Aufmerksamkeit“, heißt es in der Klageerwiderung des Unternehmens, mit der sich VW gegen den Vorwurf klagender Anleger wehrt, aktienkursbewegende Ereignisse nicht umgehend gemeldet zu haben. Von den Manipulationen und dem Ausmaß der Affäre habe die VW-Führung erst am 18. September 2015 erfahren. Die Kläger sehen sich durch Piëch dagegen in ihrem Verdacht bestätigt, dass die Führung des Konzerns früher von dem Skandal wusste. „Die Aktionärskläger werden jetzt aufhorchen, denn dass der damalige Vorstandschef Winterkorn von der Abgasmanipulation gewusst hat, verdichtet sich mittlerweile zur Gewissheit. Die Klagen von Aktionären haben damit zunehmend mehr Aussicht auf Erfolg“, sagte Klägeranwalt Christopher Rother von der Anwaltskanzlei Hausfeld dieser Zeitung.

          Die Produktion bei VW ist derweil am Montag nach dem Ende des Machtkampfs mit der Zulieferergruppe Prevent an allen Standorten wieder normal aufgenommen worden. In allen betroffenen Werken sei die Arbeit mit der Frühschicht planmäßig angelaufen, sagte ein VW-Sprecher. Wegen der Auseinandersetzung fehlten dem Autokonzern in der vergangenen Woche Getriebe-Gussteile und Sitzbezüge der zur Prevent-Gruppe gehörenden sächsischen Zulieferer ES Automobilguss und Car Trim. In den VW-Fabriken in Emden, Wolfsburg, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig konnten deswegen vergangene Woche 27700 Menschen nicht so arbeiten wie geplant.

          Hamburg und VW wollen gemeinsame Konzepte entwickeln

          Ungestört von den Aufregungen über die angebliche Aussage Piëchs hat Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller in Hamburg den Willen der VW-Führung bekräftigt, den Konzern bis 2025 zum Marktführer bei E-Mobilität zu machen. „Wir werden die Batterietechnologie und das autonome Fahren zu Kernkompetenzen ausbauen“, sagte Müller am Montag nach der Unterzeichnung einer Grundsatzvereinbarung zwischen VW und der Hansestadt, gemeinsam an Verkehrskonzepten der Zukunft, autonomem Fahren und Elektromobilität zu arbeiten. „Die großen technologischen Trends unserer Industrie – die Digitalisierung, die Elektromobilität und das autonome Fahren – werden uns dabei helfen, den Verkehr und damit das Leben in der Stadt besser, angenehmer, menschlicher zu gestalten“, sagte Müller.

          In den kommenden drei Jahren wollen Hamburg und VW gemeinsam Konzepte entwickeln. Die Hansestadt ist für den Wolfsburger Konzern auch deswegen als Partner interessant, weil die Bundesregierung Hamburg als Testregion für autonomes Fahren fördert. Schon im vergangenen Monat hatten die Hamburger Verkehrsbetriebe beschlossen, gemeinsam mit der Volkswagen-Tochtergesellschaft MAN Elektrobusse zu entwickeln. Autonomes Parken als Vorstufe zum autonomen Fahren könnte der Vereinbarung zufolge in einem gemeinsamen Projekt am Hamburger Flughafen getestet werden. „Am Bürogebäude angekommen, steigen Sie aus, Ihr Auto sucht sich vollautomatisch den nächsten freien Parkplatz – und lädt dort induktiv ohne Ladekabel wieder auf. So stellen wir uns die Zukunft vor“, sagte Müller.

          Die Vereinbarung zwischen den beiden Partnern schließt nicht aus, dass sie auch mit anderen an vergleichbaren Projekten arbeiten können. „Wir reichen jedem die Hand, der mit uns an modernen Mobilitätslösungen arbeiten will“, sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD).

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