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Abgasskandal bei VW : Künftiger Aufsichtsratschef sieht  „existenzbedrohende Krise“

  • Aktualisiert am

Designierter VW-Aufsichtsratschef: Hans Dieter Pötsch Bild: dpa

Hans Dieter Pötsch sieht VW offenbar in seiner Existenz gefährdet. Das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft sei aber weiter intakt, sagt die Kanzlerin. Jedenfalls, wenn VW schnell aufklärt.

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          Der designierte VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sieht den Autobauer einem Zeitungsbericht zufolge wegen des Abgasskandals in einer äußerst prekären Lage. Pötsch habe bei einer internen Veranstaltung in Wolfsburg von einer „existenzbedrohenden Krise für den Konzern“ gesprochen, berichtet die Zeitung „Welt am Sonntag“.

          Bei der Veranstaltung am vergangenen Montag, bei der sich Pötsch und der neue Vorstandsvorsitzende Matthias Müller den Fragen von Führungskräften stellten, soll Pötsch aber auch Zuversicht verbreitet haben. Die „Welt am Sonntag“ zitiert ihn mit den Worte: Das „kriegen wir hin“. Dem Bericht zufolge steht das geplante Investitionsbudget von mehr als 100 Milliarden Euro bis 2018 auf dem Prüfstand. Da sei viel Luft zum Sparen, zitierte die Zeitung einen Insider.

          Volkswagen steht unter hohen Druck, seit vor zwei Wochen herausgekommen war, dass der Autobauer in den Vereinigten Staaten mit einem Computerprogramm die Prüfung der Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert hatte. Auf der ganzen Welt sind laut VW elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davon rund 2,8 Millionen in Deutschland. Der Konzern tauschte in der Folge des Skandals seine Führungsspitze aus, mehrere leitende Mitarbeiter wurden beurlaubt.

          In der Folge gab es viele Spekulationen darüber, dass der Skandal das Vertrauen in die gesamte deutsche Wirtschaft nachhaltig geschädigt haben könnte. Die Börsen reagierten äußerst nervös. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versucht nun höchstselbst zu beruhigen: Sie halte den Schaden für die deutsche Wirtschaft durch den Abgasskandal bei Volkswagen für begrenzt, sagte sie. Es sei zwar ein einschneidendes Ereignis. „Ich glaube aber, dass die Reputation der deutschen Wirtschaft, das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft damit nicht so erschüttert ist, dass wir nicht weiter als ein guter Wirtschaftsstandort gelten“, so wird Merkel in einem am Sonntag veröffentlichten Interview des Deutschlandfunks zitiert. Volkswagen müsse allerdings nun schnell Transparenz herstellen und die Dinge aufarbeiten.

          Der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hat den Autobauer hingegen mit scharfen Worten attackiert. „Das war ein Anschlag auf den Standort Deutschland, auf viele tausend Kunden und Arbeitnehmer“, sagte der SPD-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Es ist kaum zu fassen, was da mit Fahrlässigkeit und möglicherweise sogar krimineller Energie gemacht wurde.“ Schulz forderte die rasche Einführung neuer Prüfverfahren, die Kontrollen müssten schärfer werden. Zugleich unterstrich Schulz, VW sei „ein starker Konzern (...), der alle Chancen hat,  die Krise zu überstehen“. Der EU-Parlamentschef forderte, die Schuldigen rasch juristisch zur Rechenschaft zu ziehen.

          Erste Geständnisse

          Dabei könnte der Konzern einen entscheidenden Schritt vorangekommen sein. Wie die „Bild am Sonntag“ berichtet, liegen der internen Revision von Volkswagen mittlerweile erste Geständnisse vor. Mehrere VW-Ingenieure hätten bei Befragungen übereinstimmend ausgesagt, die Manipulations-Software im Jahr 2008 installiert zu haben, berichtet die Zeitung. Zu diesem Zeitpunkt habe der Dieselmotor EA 189, der bei VW seit 2005 entwickelt worden war, kurz vor der Serienproduktion gestanden.

          Damals sei keine Lösung gefunden worden, mit der sowohl die Abgasnormen als auch die Kostenvorgaben für den Motor eingehalten worden wären. Deshalb sei entschieden worden, die Manipulations-Software zu verwenden, gaben die VW-Ingenieure laut dem „BamS“-Bericht zu Protokoll. Anderenfalls hätte das für den Konzern überaus wichtige Motorenprojekt gestoppt werden müssen.

          Unklar ist laut „BamS“ weiterhin, wer die Anweisung zur Installation der Manipulations-Software gab. In den Befragungen durch die VW-Konzernrevision hätten mehrere Ingenieure Vorwürfe gegen einen hochrangigen Mitarbeiter in der Entwicklung erhoben. Dieser habe von dem Betrug gewusst und ihn angeblich sogar in Auftrag gegeben. Zu seiner Rolle lägen allerdings widersprüchliche Aussagen vor, berichtet die Zeitung. Der Beschuldigte wurde bereits beurlaubt. Laut „BamS“ wollte er sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.

          Mehr Manager als zugegeben verstrickt

          Klar ist, dass in den Skandal weit mehr VW-Manager verstrickt sind als die Konzernspitze zunächst zugeben wollte. Dies berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter Berufung auf Aufsichtsratskreise. „Die These, alles sei nur das Werk von ein paar kriminellen Entwicklern, ist nicht haltbar“, heißt unter den Kontrolleuren, nachdem die ersten Ergebnisse interner Untersuchungen vorliegen. Der Konzern habe „systematisch Kunden und Behörden getäuscht.“

          Da sich der Kreis der Verdächtigen und Mitwisser so weit zieht, schwant dem Aufsichtsrat, dass er weitere externe Ermittler brauchen wird – zusätzlich zu der amerikanischen Kanzlei, die ihre Arbeit in Wolfsburg bereits aufgenommen hat. Vom neuen Konzernchef Matthias Müller verlangen die VW-Aufsichtsräte, dass er möglichst rasch nach Amerika fliegt und dort Reue zeigt – noch bevor er offiziell in dem Verfahren gegen Volkswagen vorgeladen wird.

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