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Nach der Dieselaffäre : Volkswagen braucht einen Neustart

  • -Aktualisiert am

Volkswagen-Werk in Baunatal (Hessen): Der Automobilkonzern steht vor einem radikalen Wandel. Bild: dpa

Der Dieselskandal hat den weltgrößten Autokonzern erschüttert. Jetzt muss alles anders werden bei VW: Neue Strategie, neue Technologie – und sogar ein neuer Großaktionär wurde gesichtet.

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          Die erste Generation baut auf, die zweite erhält, meine Generation ist die dritte. Und die ruiniert normalerweise.“ Diesen Satz ließ Ferdinand Piëch, lange Zeit der Allmächtige im VW-Imperium, vor einigen Jahren fallen.

          Georg Meck
          (mec.), Geld & Mehr, Wirtschaft

          Man nennt es das Buddenbrooks-Gesetz, nach dem Roman von Thomas Mann. Es ist das Schicksal aller großen Familien. Womöglich auch des Porsche-Clans? Jener Nachfahren Ferdinand Porsches, der einst den Käfer konstruiert und damit Volkswagen auf dem Brachland am Mittellandkanal erst gegründet hat. Die dritte Generation arbeitet hart daran, dass es nicht so schlimm kommt, ihre Entsandten haben es als VW-Aufseher aber nicht zu verhindern vermocht, dass ihr Erbe, der VW-Konzern, in Richtung Abgrund rutscht.

          Volkswagen, zeitweise größter Autohersteller der Welt, hat der Dieselskandal arg zerrupft. Manager und Ingenieure haben die Kunden millionenfach betrogen, die Umwelt geschädigt – der Clan als Eigentümer wird dafür mit gestraft. Von einer existenzbedrohenden Krise sprechen sie in Wolfsburg, einem „Trümmerhaufen“, den sie abzutragen haben, nachdem aufgeflogen ist, wie VW über Jahre die Software von Dieselmotoren manipuliert hat. Der daraus entstandene Schaden ist noch immer nicht vermessen, in jedem Fall aber geht er in die Milliarden. Ob es nun 20, 30 oder 40 Milliarden Euro werden, wer vermag das heute schon zu sagen? Der amtierende VW-Vorstand jedenfalls nicht. Auch die strafrechtlichen Konsequenzen sind längst noch nicht abzusehen. In Amerika so wenig wie hierzulande, die Staatsanwälte sind überall unterwegs.

          Hoffnung auf baldigen Neustart - Angst vor Silicon Valley

          Möglichst bald, so hofft der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller, sollen die vom Aufsichtsrat beauftragten Ermittler der Anwaltskanzlei Jones Day ihre Ergebnisse abliefern. Millionen Dateien wurden von ihnen bereits gesichtet, Hunderte Zeugen verhört. Und VW-Chef Müller kann nur schwer verbergen, wie sehr ihn das alles nervt. Das tägliche Gezerre. Die Behörden, die Juristen, die Medien.

          Das alles ist nur schwer erträglich für einen Mann, der endlich nach vorne schauen mag: sich auf alte Stärke besinnen und damit die neuen Herausforderungen bestehen. Das ist es, was der leidenschaftliche Porsche-Fahrer Müller empfiehlt zum Neustart von Volkswagen. Am Freitag hat Müller in Wolfsburg verkündet: Neue Strategie, neue Technologien, weniger Kosten – und damit weniger Leute. 30.000 Stellen fallen im Konzern weg, 23.000 davon alleine in Deutschland, alles VW-gemäß sozialverträglich abgefedert.

          Stammbaum der Porsche-Piëch-Dynastie
          Stammbaum der Porsche-Piëch-Dynastie : Bild: F.A.Z.

          Nur zum geringsten Teil ist die Maßnahme den kriminellen Dieseltricksern geschuldet. Die Automobilindustrie insgesamt marschiert aufregenden Zeiten entgegen. Elektromobilität, Car Sharing und selbstfahrende Autos sind dafür die Stichworte. Die Angreifer aus dem Silicon Valley haben randvolle Kassen und noch mehr Ideen. Aufreizend aggressiv sind sie sowieso. Niemand weiß, ob in 50 Jahren überhaupt noch jemand ein Auto besitzen mag – oder wir unsere Fahrten mit einer Flatrate bezahlen; ob uns nun der Uber-Chauffeur abholt oder das selbstfahrende Google-Mobil. Mehr Zukunft war selten, mehr Ungewissheit auch nicht.

          Alte Männer weiter im Amt

          Was heißt das für Volkswagen? Und wie gehen die maßgeblichen Eigentümer des Konzerns, also die Nachfahren Ferdinand Porsches, damit um, die über ihre Stuttgarter Finanzholding die Mehrheit der Stimmrechte kontrollieren? Noch herrscht dort die alte Garde, die Enkel des Käfer-Erfinders, die sogenannte dritte Generation, vertreten durch die Vettern um Ferdinand Piëch, den im Zorn ausgeschiedenen Patriarchen, und Wolfgang Porsche, das aktuelle, auf Versöhnung gestimmte Oberhaupt der Familie. Was aber kommt danach? Einer aus der nachrückenden Generation, Peter Daniell Porsche, streckt jetzt den Kopf raus, bietet sich für höhere Ämter an: „Ich stelle mich zur Verfügung“, sagt er. Der Segen der Restfamilie steht noch aus. Die Sache ist vertrackt, von immenser Bedeutung für Clan wie Konzern.

          Bild: F.A.Z.

          Gesucht wird ein Wortführer der VW-Eigentümer, wenn die Altvorderen abtreten. Gefordert ist die vierte Generation, die Urenkel von VW-Pionier Ferdinand Porsche: 34 junge Frauen und Männer, im Alter von Anfang 20 bis Ende 50 und auch sonst alles andere als eine homogene Gruppe. Sie alle stehen zur Auswahl. „Die Mitglieder der vierten Generation übernehmen sukzessive mehr Verantwortung“, hat Clan-Chef Wolfgang Porsche in der Hauptversammlung der „Porsche Holding SE“ im Sommer angekündigt. Auf dem Podium neben ihm saßen freilich die Senioren, seine eigene Altersklasse, deutlich jenseits der 70. Die Jüngeren, teils noch erkennbar ungeübt in Schlips und Anzug, begnügen sich zu solchen Anlässen mit Plätzen auf den Zuschauerrängen.

          Die Anführer der dritten Generation: Ferdinand Piëch, Jahrgang 1937 (l.) und Wolfgang Porsche, Jahrgang 1943. Beide sind Enkel von Käfer-Konstrukteur Ferdinand Porsche.
          Die Anführer der dritten Generation: Ferdinand Piëch, Jahrgang 1937 (l.) und Wolfgang Porsche, Jahrgang 1943. Beide sind Enkel von Käfer-Konstrukteur Ferdinand Porsche. : Bild: dpa

          Der Lauf der Welt aber lässt sich nicht aufhalten: Irgendwann, eher früher als später, ist die vierte Generation am Zug. Ambitionen und Talent sind darin unterschiedlich verteilt. Im Kreis der 34 Urenkel findet sich eine mehrfache Landesmeisterin im Reiten, „Österreichs vielversprechendste Dressurreiterin im Nachwuchsbereich“ (O-Ton Sportpresse). Textil- wie TV-Fabrikanten sind dabei, Juristen und Wirtschaftsprüfer. Junge Frauen aus dem Clan werfen ihre eigene Modekollektion auf den Markt, andere träumen davon, die Kunstwelt aus den Angeln zu heben oder zumindest mit der eigenen PR-Agentur Wirbel zu veranstalten.

          Porsche-Nachfahren: Feinkosthändler und Philosophiestudent

          Einer der männlichen Nachfahren der Porsches steckt sein Geld in japanische Brennstoffzellen, der nächste seine Energie in die Chirurgie, ein jüngerer studiert Philosophie. Und wieder ein anderer reüssiert als Feinkosthändler: „Feinkost Böhm“, der Caterer der besseren Stuttgarter Gesellschaft, bekocht sogar die Kanzlerin, wenn sie schwäbische Unternehmer trifft. Auch dahinter steckt ein Porsche, genauer gesagt ein Piëch: Ferdinand „Nando“ Piëch, der älteste Sohn von Ferdinand Piëch macht in filigranen Häppchen und nebenbei als Immobilienentwickler in robustem Beton.

          Wesentlich für den Alltag der Porsche-Erben sind die Ämter und Funktionen in den diversen Firmen der Familie, die sie in aller Verschwiegenheit ausüben. Einer von ihnen hat sage und schreibe 20 solcher Posten als Geschäftsführer in den Registern eingetragen. Die jeweiligen Firmen und Stiftungen sitzen in Stuttgart, München-Grünwald sowie – und das überwiegend – in Salzburg. Viel mehr als ein Briefkasten, ein Zettel mit Beteiligungen und vielleicht eine Assistentin steckt kaum hinter den Unternehmen, ein geheimniskrämerischer Name scheint dafür Pflicht, à la „FF 1440 Alpha GmbH“ oder „ZH 1420 GmbH“.

          Das VW-Werk am Mittellandkanal in Wolfsburg: Wenn hier in Zukunft die Elektroautos vom Band rollen, braucht es weniger Arbeiter.
          Das VW-Werk am Mittellandkanal in Wolfsburg: Wenn hier in Zukunft die Elektroautos vom Band rollen, braucht es weniger Arbeiter. : Bild: dpa

          Aufmerksam wird im Konzern und darum herum notiert, wer sich von den Jungen zu den einschlägigen Terminen zeigt: Auto-Rennen, Auto-Premieren, Auto-Messen. Ein paar der Nachfahren sind immer da. Aus der Präsenz wird abgeleitet, dass diese Urenkel Ferdinand Porsches eine emotionale Verpflichtung für das Unternehmen spüren. Irgendwie muss sich der Nachwuchs ja herantasten. Der Name Porsche oder Piëch genügt nicht als Fähigkeitsnachweis. Unternehmerisches Genie wird selten eins zu eins vererbt.

          Ein Automanager alter Schule ist nicht unter den wackeren 34, so viel ist klar. Keine oder keiner aus der vierten Generation konnte bislang zeigen, dass sie oder er einen Global Player führen kann: Wie sollten sie auch? All die Jahre wurden sie niedergehalten im Familienkonzern. Ferdinand Piëch war das Maß aller Dinge. Er hat die Sachen geregelt, ohne die anderen groß zu fragen. Notfalls hat ein Satz von ihm genügt, um Projekte zu stoppen: „Ich glaube, das ist keine gute Idee.“ Dann musste man darüber gar nicht erst reden. Die anderen haben genickt. Wer wollte es mit so einem aufnehmen?

          Es ist kein Zufall, dass niemand sich vorzustellen vermochte, dass so ein Mann wie Ferdinand Piëch im Vollbesitz seiner Kräfte und seiner Macht irgendjemanden als Nachfolger einsetzen würde. Ein Ferdinand Piëch tritt nicht ab, der hat keinen Nachfolger, der rackert bis zum letzten Atemzug, das war die Meinung in der Familie.

          Kronprinzen oder -prinzessinnen? Nicht zu sehen. Niemand wurde aufgebaut in der nächsten Generation. Als der Dieselskandal explosionsartig ans Licht kam, wirkte die Familie so, als sei sie auf die neue Situation nicht vorbereitet: hilflose Erben, so der Eindruck. Unerfahren oder unwillig.

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          Name Kurs %
          VOLKSWAGEN VZ -- --
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          Dabei sind kluge Menschen unter den Porsche-Nachfahren, smarte, sympathische Leute. Allerdings keiner, der auftritt mit der natürlichen Autorität eines Ferdinand Piëch, mit der respekteinflößenden Aura des absoluten, von jeglichem Selbstzweifel befreiten Gebieters. Nirgendwo zeigte sich einer, der mit absolutem Willen zur Macht vorprescht, an den Zäunen der Konzernzentrale rüttelt und die Zähne fletscht: Ich will da rein!

          Nett? Schön und gut - aber bei VW braucht es Durchsetzungskraft

          Die höfliche Zurückhaltung mag sympathisch erscheinen. Auch mag die Zeit der Diktatoren in Unternehmen generell zu Ende gehen, so zu reden ist geradezu Pflicht im Wolfsburg dieser Tage. Die Leute sollen lernen, selbst zu denken, hat der neue Vorstand deklamiert. Durchsetzungskraft und Biss – das aber braucht es weiterhin.

          Nur zur Erinnerung: Im Fall von VW reden wir von 200 Milliarden Euro Jahresumsatz und 600.000 Mitarbeitern. Ohne Härte, ja auch Brutalität und Skrupellosigkeit wäre das Imperium nicht zu erschaffen gewesen, hätten die Porsche-Konstrukteure nie ihre Garage am Stuttgarter Killesberg verlassen, wäre Volkswagen gar nicht erst entstanden.

          Urahn Ferdinand Porsche jedenfalls war kein Softie, sondern ein „durchaus jähzorniger Mann, ein Choleriker“, berichtet Clan-Chef Wolfgang Porsche. Ein „rastloser Mann“ sei der Großvater gewesen, mit einer Vision, dem Volkswagen, für die er sich verausgabte bis zum Letzten, für die er sich selbst mit den Nazis einließ, die das Werk in Wolfsburg eigens für ihn hochgezogen haben.

          Peter Daniell Porsche: Nächste Generation klopft oben an

          In der demnächst regierenden Generation hat sich noch nicht herausgeschält, wofür sie steht. Der Fluss der Dividende darf nicht stocken, so viel ist klar. Aber sonst? Bisher ist davon wenig zu sehen und zu hören, auch nicht von denjenigen, die bereits Mandate ausüben in den Tochterfirmen des Konzerns: Audi, MAN, Seat, Škoda, Porsche Salzburg. Überallhin schwärmen die Nachfahren aus. Nicht wegen der Honorare, die braucht man eher nicht; nein, um sich einzugewöhnen in Geschäft und Gremien. Fast ein Dutzend Mandatsträger der vierten Generation weist die Familie inzwischen auf.

          Peter Daniell Porsche, Jahrgang 1973, meldet jetzt seine Ansprüche an. Nicht brachial, aber durchaus vernehmbar. „Ja, ich bin dabei“, so sagt der Urenkel des Clan-Gründers, er stehe bereit für eine führende Rolle im VW-Aufsichtsrat, so kündigt er im Interview mit der F.A.S. an: „Mein Ziel ist es, Verantwortung zu übernehmen mit meiner Generation.“

          Das ist kein Aufruf zum Putsch gegen die Altvorderen, aber eine klare Ansage: Der Generationswechsel kommt! „Wir in der vierten Generation halten anders zusammen. Wir stehen anders im Leben“, erklärt Daniell Porsche selbstbewusst. Seine Legitimation: Niemand in der Familie hat mehr Anteile an der Porsche-Holding und über diesen Umweg auch an Volkswagen.

          Der simple Grund dafür liegt in der Tatsache, dass Peter Daniell Porsche ein Einzelkind ist. Dies ist für das weitere Schicksal des Unternehmens insofern von Belang, als er somit alles erbt, was der Vater besitzt: Immobilien, Oldtimer und vor allem die Anteile am Familienunternehmen. Und da er der Einzige in der vierten Generation der Porsche-Nachfahren ohne Geschwister ist, braucht es keine höhere Mathematik, um festzustellen: Der junge Mann, inzwischen selbst vierfacher Familienvater, ist der wichtigste Aktionär von Europas größtem Autoimperium.

          Peter Daniell Porsche: Dem Urenkel von Ferdinand Porsche geht es nicht zwingend um Umsätze, er ist auch Gründer von anthrosophischen Einrichtungen in Salzburg.
          Peter Daniell Porsche: Dem Urenkel von Ferdinand Porsche geht es nicht zwingend um Umsätze, er ist auch Gründer von anthrosophischen Einrichtungen in Salzburg. : Bild: Bloomberg

          Lange als Waldorfjünger verlacht, hat der studierte Musikpädagoge Daniell Porsche sich „freigespielt“, wie er es formuliert. Er ist nicht mehr nur als Wohltäter unterwegs, der die Millionen verteilt, welche die Autofirmen der Familie erwirtschaften. Zwei bis fünf Millionen Euro bekomme er jährlich ausgeschüttet an Dividenden, erzählt er freimütig – „im Schnitt um die drei Millionen.“ Mindestens ein Drittel davon hat er jeweils in soziale, kulturelle, ökologische Projekte gesteckt. Und da er das seit 20 Jahren so hält, kommen einige Millionen zusammen an Spenden: „Insgesamt habe ich 180 nennenswerte Projekte begleitet.“

          Angefangen hat er mit einer Waldorfschule für „seelenpflegebedürftige Kinder“ und einem Kulturzentrum auf den Hügeln südlich von Salzburg. Die Einrichtungen hat er komplett abgegeben, die Liegenschaft gehört ihm noch, mit dem Betrieb habe er nichts mehr zu tun, berichtet der Porsche-Erbe: „Ich bin dort nur für äußerste Notfälle da. Das ist wie mit heranwachsenden Kindern, irgendwann lassen die Eltern los, vielmehr sollten sie das einmal tun. Das ist der Ansatz, das Ziel für alle meine Projekte.“

          Neuerdings baut er an seinem eigenen Privatimperium, der „PDP Holding“, P wie Peter, D wie Daniell, P wie Porsche. Zusammen bringen es die Firmen in seinem Portfolio schon auf 450 Mitarbeiter und 70 Millionen Euro Jahresumsatz. Das Ganze soll wachsen und sich selbst tragen, also Gewinne abwerfen. Das ist das Ziel.

          Für Daniell Porsche steht nicht nur das Wirtschaftliche im Vordergrund

          Ansonsten ist Daniell Porsche in der Wahl der Branchen zügellos: Abfallwirtschaft fällt in sein Raster, ein Literatur- und Sachbuchverlag, ein Gesundheits-Start-up, dazu ein Brauhaus, das Ökobier zapft. Nur in der Autobranche hat sich noch nichts ergeben. Das Gemeinsame ist: „Alle Beteiligungsmöglichkeiten sind auf mich zugekommen, nicht ich auf sie. Und zweitens: Jeder der Betriebe hat einen Mehrwert, zieht seine Berechtigung nicht aus dem rein Wirtschaftlichen. Es ist mir wichtig, Wertvolles unters Volk zu bringen. Allen meinen Beteiligungen ist gemein, dass die Betriebe einen sinnvollen Beitrag für die Zukunft der Menschheit leisten.“

          Damit ist klar: Der Mann tickt anders als ein gewöhnlicher Großinvestor, die Anthroposophie hat ihn geprägt, mit Zitaten von Rudolf Steiner, dem Begründer der Waldorf-Bewegung, ist jederzeit zu rechnen. Selbst wenn die Gurus im Silicon Valley von selbstfahrenden Autos schwärmen, kontert er mit seinem Lehrmeister: „Rudolf Steiner hat schon vor vielen Jahren gesagt: Es wird Technologien geben, dass Menschen sich aus sich selbst heraus bewegen. Auch wenn das für die meisten schwer vorstellbar klingt, muss es deswegen nicht unmöglich sein.“ Träume müssen erlaubt sein, und solche Visionen erscheinen dem Auto-Enthusiasten jedenfalls attraktiver, als im autonomen Fahrzeug von der IT kutschiert zu werden: „Da könnte ich ja gleich Bus fahren.“

          Geht es nach Daniell Porsche als kommendem starken Mann, ändern sich die Akzente im VW-Konzern. Er werde sich dafür einsetzen, kündigt er an, dass „auch in Zukunft die soziale Komponente nicht zu kurz kommt“ – im Zusammenspiel mit Betriebsrat und Management, wie er schnell anfügt. Die Position des Vorstandes stärkt er ausdrücklich, gerade was den Neustart nach dem Dieselskandal betrifft: „Der VW-Konzern ist sehr stark, das Management wird alles tun, um aus der Situation rauszukommen. Ich bin guter Dinge, dass dies gelingen wird. VW wird es schaffen – wenn alle drum herum fair spielen.“

          Die Welt ist nicht immer gerecht

          Freier als die Herren in Wolfsburg, die sich dem Prozedere der amerikanischen Behörden zu unterwerfen haben (und denen für jedes unbedachte Wort Anwälte auf die Finger hauen), kann Daniell Porsche „Zweifel an der Objektivität“ des Verfahrens andeuten. „Über das Schicksal eines so gewaltigen Autokonzerns entscheiden nicht nur Angebot und Nachfrage, wir sind auch ein Spiel der Politik“, sagt der Großaktionär. Paragraphen sind das eine, wie man sie einsetzt, das andere, soll das heißen. Es gehe nicht immer gleich objektiv und gerecht zu auf der Welt, seufzt Porsche – was freilich nicht heißt, dass er die „Abgas-Thematik“ (der interne Code für den Dieselbetrug) als weniger schrecklich einschätzt.

          Nachdem der Skandal den Kurs der VW-Aktie nach unten getrieben hatte, verbreiteten sich schnell Spekulationen, der Clan könnte die Gelegenheit dazu nutzen, um die anderen wichtigen Miteigentümer – die Scheichs aus Qatar oder das Land Niedersachsen – rauszukaufen, um alleiniger Herr im Haus zu sein. Solche Szenarien weist Daniell Porsche von sich („VW wird nie wieder ein reines Familienunternehmen sein“), an einen Rückzug der nächsten Generation aber sei noch weniger zu denken: „Wir leben in Verantwortung zu unserem Urgroßvater, wir wollen alle Anteile behalten, unabhängig davon, wie es gerade um VW und Porsche steht. Wenn es der Firma schlechtgeht, soll es uns nicht besser gehen.“

          Buch von F.A.S.-Redakteur Georg Meck
          Buch von F.A.S.-Redakteur Georg Meck : Bild: Rowohlt Verlag

          Zum Autor

          F.A.S.-Redakteur Georg Meck hat über Volkswagen ein Buch geschrieben: „Auto. Macht. Geld. Die Geschichte der Familie Porsche Piëch“. Es erscheint in der kommenden Woche im Rowohlt-Verlag Berlin (22,95 Euro).

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