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30.000 Stellen in Gefahr? : Wirbel um das VW-Stammwerk

Über die Zukunft des Autokonzerns wird derzeit viel diskutiert – auch intern. Bild: dpa

Volkswagen-Chef Herbert Diess trommelt seine wichtigsten Führungskräfte in den Kitzbüheler Alpen zusammen. Zuvor erschütterte er Wolfsburg mit einer dramatischen Rechnung.

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          In dieser Woche ist es wieder soweit. Volkswagen-Chef Herbert Diess hat seine wichtigsten Führungskräfte zur Management-Tagung zusammengerufen, und zwar in den Kitzbüheler Alpen, konkret: in Alpbach. Das österreichische Örtchen am Fuß des 1898 Meter hohen Gratlspitz bietet neben einem Kongresszentrum viel Raum für Teambildung – von Wandern bis zum Mountainbiken. Die Themen, die dort seit Mittwoch besprochen werden, sind allerdings ernst. Vor allem die Auslastung des Wolfsburger Stammwerks war zuletzt in den Fokus geraten und sorgt für Wirbel.

          Christian Müßgens
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Welche Brisanz in der Sache steckt, hatte Diess schon auf der September-Sitzung des Aufsichtsrats deutlich gemacht. Dort soll er ein alarmierendes Szenario vorgetragen haben, das eintreten könnte, sollte sich die Lieferkrise von Elektronikchips fortsetzen oder die Terminierung wichtiger Zukunftsprojekte von VW überdacht werden müssen.

          30.000 Arbeitsplätze

          Im schlimmsten Fall, so lautete seine eindringliche Warnung, könnten bis zu 30.000 Arbeitsplätze in der Kernmarke VW in Gefahr sein. Zuerst hatte das Handelsblatt über den Vorstoß berichtet, den Diess am Ende der Sitzung unter dem Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ gemacht haben soll, überraschend für alle Teilnehmer, wie aus informierten Kreisen verlautet. Als Reaktion hatte es eine Debatte gegeben, in der Vertreter des Betriebsrats als auch des Landes Niedersachsen als Miteigner widersprachen.

          Volkswagen-Chef Herbert Diess auf der diesjährigen Automobilmesse IAA in München
          Volkswagen-Chef Herbert Diess auf der diesjährigen Automobilmesse IAA in München : Bild: EPA

          Am Mittwoch hieß es im Umfeld des Betriebsrats, Diess habe wohl Bezug auf die Krise von VW im Jahr 1994 genommen. Dort war ein Stellenabbau in gleicher Höhe durch die Viertagewoche abgewendet worden. Damals habe der Konzern aber am Boden gelegen, anders als heute, so zumindest die Sicht der Arbeitnehmervertreter. Von der IG Metall hieß es am Mittwoch: „Klar ist, dass ein Stellenabbau von 30.000 Arbeitsplätzen nicht diskutabel ist.“ Sollten solche Extremszenarien ernsthaft diskutiert werden, sei dies ein „Frontalangriff auf die Transformation unserer Branche.“

          Die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo forderte den Konzern am Nachmittag zu einer Klarstellung auf. Der Vorstand müsse umgehend deutlich machen, dass es „keine Gedankenspiele über irgendeinen Arbeitsplatzabbau“ gebe, hieß es in einer intern verbreiteten Mitteilung des Betriebsrats, die der F.A.Z. vorliegt.

          Tatsächlich reagierte der Konzern später und machte deutlich, dass ein unmittelbarer Eingriff in der dargestellten Höhe nicht vorgesehen ist. „Ein Abbau von 30.000 Stellen ist kein Thema“, hieß es aus dem Umfeld von Diess. Allerdings müssten Kostenlage und Auslastung von Fabriken intensiv diskutiert werden.

          Wettbewerb verschärft sich

          VW sieht sich im Wettstreit mit effizienteren Rivalen wie Tesla. Während der US-Hersteller für 500.000 E-Autos im Jahr nur 10.000 Beschäftigte einplane, habe das größte deutsche VW-Werk Wolfsburg vor der Corona-Krise mit 25.000 Beschäftigten etwa 700.000 Fahrzeuge gebaut, heißt es. Der Vergleich wird nun mit dem neuen Tesla-Werk in Brandenburg noch direkter, wie eine Konzernsprecherin betont. „Es steht außer Frage, dass wir uns angesichts der neuen Marktteilnehmer mit der Wettbewerbsfähigkeit unseres Werks in Wolfsburg befassen müssen.“ Tesla werde in Grünheide „neue Maßstäbe in der Produktivität und bei den Skalen setzen.“ Sie verwies auf das Projekt Trinity in Wolfsburg, das die Chance biete, den dortigen Standort „zu revolutionieren und Arbeitsplätze nachhaltig abzusichern.“ Trinity soll eine Basis für neue E-Modelle werden und gleichzeitig die gesamte Wertschöpfung verschlanken.

          Diess hatte in den vergangenen Jahren immer wieder Konflikte mit dem Betriebsrat ausgefochten, die zwischenzeitlich fast zu seinem Rauswurf geführt hatten. Dass nun abermals eine Debatte hochkocht, hat auch mit dem Zeitpunkt zu tun. Am 12. November kommt der Aufsichtsrat zu seiner Planungssitzung zusammen, in der die Investitionen für die nächsten Jahre festgezogen werden. Die Arbeitnehmervertreter fordern, dass dort auch die Weichen gestellt werden, um schon vor dem Start von Trinity in den Jahren 2025 und 2026 ein neues E-Modell nach Wolfsburg zu holen und dort die Auslastung zu verbessern.

          Die Aussichten dafür sind nicht schlecht, aber gleichzeitig treibt den VW-Chef um, das Werk effizienter zu machen. Man könne nicht an anderen Standorten „Wasser predigen, und dann in Wolfsburg Wein trinken“, heißt es aus seinem Umfeld mit Blick auf die vergleichsweise schlechte Produktivität. Derzeit ist die Auslastung besonders schwach, was mit dem aktuellen Halbleitermangel zu tun hat, der auch andere Standorte betrifft. Auf der Management-Tagung in Alpbach haben die Führungskräfte also eine Menge zu diskutieren.

          VOLKSWAGEN VZ

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